Bridge of Spies

Bridge of Spies





Befreiung aus der Ödnis

Die "Medal of Freedom", die höchste zivile Auszeichnung in den USA, erhalten jene, die sich um besondere Leistungen zur Sicherheit, zum Frieden oder zur Kultur verdient gemacht haben. Einer derer, die in diesem Jahr von Präsident Obama die Freiheitsmedaille angesteckt bekommen, ist Steven Spielberg. Verdient gemacht, das hat sich der Star-Regisseur allemal - insbesondere um das moderne Hollywood-Kino, das er gleichsam definierte. Nach Betrachtung seines aktuellen Werks "Bridge of Spies" möchte man ganz im Sinne der Medaille gar sagen: um dessen eindrückliche Befreiung, von tumbem Spießertum, von Witzlosigkeit und Banalität. Denn vor großer historischer Kulisse inszeniert Spielberg nach wahren Begebenheiten virtuos einen knisternden Polit-Thriller voll von subtilem Humor und sympathischem Pathos - und schenkt damit dem Kino einmal mehr, was es verdient: große Unterhaltung.

Ende der 50er-Jahre. Die Sowjetunion und USA rüsten um die Wette, der Begriff "Kalter Krieg" hat Hochkonjunktur: Gegenseitige Spionage bestimmt die Tagesordnung eines Kampfes der Weltanschauungen, der in der Katastrophe zu enden droht. Selten hat die Historie eine für Agentenfilme psychologisch explosivere Konstellation hervorgebracht. Was Serien wie "The Americans" oder "Deutschland 83" aktuell anhand fiktiver Geschichten vor realer Geschichtskulisse thematisieren - die Spionage im Kalten Krieg - hebt Spielbergs "Bridge of Spies" mit der Verfilmung tatsächlich geschehener Ereignisse auf eine gänzlich neue Ebene.

Es ist das Jahr 1957, als in den USA der sowjetische Spion Rudolf Abel (herausragend lakonisch: Mark Rylance) gefasst und angeklagt wird. Er zeigt sich als treuer Verfechter der sozialistischen Sache und verrät sein Land mit keiner Silbe an die US-Behörden. Einen Pflichtverteidiger bekommt er trotzdem. Ein undankbarer Job, den der als Versicherungsanwalt erfolgreiche, doch in Sachen Verteidigung feindlicher Agenten unerfahrene Jurist James Donovan auferlegt bekommt. Tom Hanks, den man zweifellos auch als eine Art Wunderkind Spielbergs bezeichnen darf, verleiht jenem Donovan mit jeder Geste, mit jedem Wort und jeder Pore die Züge eines sarkastischen Idealisten.

Ein Sympathieträger - jedoch nur aus Zuschauersicht. Schließlich gilt die Verteidigung des "Kommunisten Abel" vielen US-Amerikanern als Landesverrat. Obwohl auch seine Frau Mary (Amy Ryan) und seine Tochter (Eve Hewson) bedroht sind, obwohl bald auch Steine durch die Fensterscheiben der Familienwohnung fliegen: Donovan bleibt stur und wahrt die Verfassungsrechte des Angeklagten, mit dem er bald eine Art ungewöhnliche Freundschaft beginnt. Ein flammendes Plädoyer des Anwalts, in dem er den Nutzen eines lebenden feindlichen Agenten für die USA beschwört, bewahrt Abel vor dem Tod. Donovon scheint Eindruck hinterlassen zu haben: Ein paar Jahre nach seiner Rede vor Gericht schicken die Geheimdienste ihn und den Zuschauer in den zweiten Part des Thrillers: Als Unterhändler reist Donovan ins Ost-Berlin des Jahres 1961, um dort einen über der Sowjetunion mit seinem Spionageflugzeug abgestürzten US-Agenten gegen Abel auszutauschen.

Das von Spielberg geschaffene Berlin ist keineswegs jenes von US-Amerikanern zur Zeit nicht nur gern bewohnte, sondern auch gern im Kino und TV ("Homeland") gezeigte. Donovan landet in einem winterlichen, düsteren Nachkriegs-Berlin, das ebenso bis ins Detail liebevoll gestaltet wie von Klischees durchdrungen ist: Während in West-Berlin das Wirtschaftswunder zaghaft Gestalt annimmt, beginnen seelenlose Kommunisten im noch völlig zerbombten Ost-Teil der Stadt plötzlich mit dem Bau der Mauer und nehmen nebenbei noch einen US-Studenten fest, den Donovan, nun voller Ehrgeiz, gleich mit befreien will. Mit der Unbedarftheit eines Jungen, der anderen seine faszinierende Modelleisenbahn-Welt vorführt, erschafft Spielberg ein beinahe Film-Noir-haftes Hollywood-Berlin, dass sich zu gleichen Teilen aus Historie und Fantasie speist.

Seine Handschrift hat der dreifache Oscar-Preisträger ("Lincoln", 2012) inzwischen perfektioniert: Wie Donovan beispielsweise mit der S-Bahn von seinem Treffen mit dem ostdeutschen Unterhändler (der internationale Überflieger Sebastian Koch) aus der DDR nach West-Berlin zurückfährt und beim Überqueren der Grenzanlagen zufällig Augenzeuge der ersten Mauertoten wird, beschreibt Spielbergs größte Kunst eindrücklich: das filmische Verdichten. Der Meisterregisseur lebt diese Technik wie kein Zweiter. Egal ob in der kurzen Neben-Szene, in der Donovan von ostdeutschen Jugendbanden nahe der Friedrichstraße seines Wintermantels beraubt wird, oder beim Showdown, der sich fast westerngleich im Schneesturm an der geplanten Übergabestelle Glienicker Brücke Bahn bricht. Sicher: All das mag historisch fragwürdig, erzählerisch unrealistisch und voller Pathos daherkommen.

Der Faszination von "Bridge of Spies" tut dies allerdings keinen Abbruch, im Gegenteil, es befeuert sie: Mit spannenden Wendungen, kurzweiligen Feinheiten und subtil gestreutem Humor zelebriert Spielberg - auch dank Hanks figurgewordener Umsetzung seiner Regie-Philosophie - das klassische Hollywood-Kino im besten Sinne und in all seinen Facetten: als einnehmendes Spektakel ohne die übliche Beliebigkeit, als perfekt arrangiertes Leinwand-Gemälde voller Liebe zum Detail, als bombastische Geschichtsstunde, die sich nie zu ernst nimmt. Oder schlicht: als grandios unterhaltendes Erlebnis. So wie Hanks als Donovan für die Befreiung des US-Agenten und die Rechte dessen sozialistischen Konterparts kämpft, kämpft Spielberg weiterhin für die Rettung Hollywoods vor der allgemeinen Ödnis.

Quelle: teleschau - der mediendienst