Falk Schacht, Marcus Staiger und Sékou Neblett

Falk Schacht, Marcus Staiger und Sékou Neblett





Die Essenz des HipHop

Eine kryptische Nachricht, ein verschollen geglaubtes Tape: Tigon ist zurück! In den 80er-Jahren soll er eine Massenpanik in einer Heidelberger Kaserne ausgelöst haben, weil er auf Deutsch rappte. Doch wer ist der gesichtslose Rapper überhaupt? Das fragen sich die in der HipHop-Szene tief verwurzelten Journalisten Marcus Staiger und Falk Schacht sowie Regisseur Sékou Neblett, einst Teil des Dunstkreises der Band Freundeskreis um Max Herre. Gemeinsam begeben sie sich in der Mockumentary "Blacktape" auf die Suche nach Tigon und reisen dabei mit dem Kleinwagen durch die deutsche HipHop-Historie. Zu Wort kommen neben den Hauptdarstellern viele wichtige Rapper der letzten drei Jahrzehnte: Von den Stieber Twins bis Haftbefehl sind aus jeder Ecke Vertreter dabei. Doch ist deutscher HipHop überhaupt eine Reise Wert? Diese Frage beantworten die drei Hauptdarsteller.

teleschau: Sie haben alle drei eine unterschiedliche HipHop-Sozialisation, oder?

Sékou Neblett: Ich bin als Quereinsteiger über meinen Freund Max Herre zu Freundeskreis gestoßen. Dann machte ich die ganze Reise mit, rappte zwar weiterhin auf Englisch, war aber in einer deutschsprachigen Band.

teleschau: Erlebten sie den im Film dargestellten Einfluss der in Deutschland stationierten GIs auf HipHop?

Neblett: Das war ein paar Jahre vor meiner Zeit, als die GI-Präsenz in Stuttgart sehr groß war. Die Generation um Afrob war aber noch sehr beeinflusst davon. Die waren tatsächlich noch bei Partys der US-Army und rappten in einer Kauderwelschsprache vor den Amis. Max Herre probierte das auch, wurde für seine Grammatik aber belächelt. Das war der Aha-Moment, wodurch Leute damit begannen, auf Deutsch zu rappen.

teleschau: War das in der Berliner Szene anders?

Marcus Staiger: In Berlin gab es immer eine große Diskussion. In den Jugendhäusern wurde noch lange auf Englisch gerappt. Selbst Kool Savas hatte mit Walking Large ein englischsprachiges Projekt. Meine HipHop-Geschichte fing aber schon 1984 mit der ersten Breakdance-Welle an. Ich hatte aber keinen Bezug zu den amerikanischen Clubs. Dazu war ich damals zu jung. Ich hatte immer Interesse, aber keinen Zugang, kam dann als Zugezogener nach Kreuzberg und fand unter anderem durch meine Tätigkeit im Uni-Radio Anschluss an die Szene. Ich mochte an Berlin vor allem, dass nicht alles aus Amerika kopiert wurde. In der restlichen HipHop-Szene musste man auf die Insignien achten, bei uns war es dagegen anarchischer, punkiger.

Falk Schacht: Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die immer amerikanisches Army-Radio hörte. Mein Bruder ist 13 Jahre älter als ich und brachte immer Disco-, Funk- und Soul-Platten mit. "Rapper's Delight" von der Sugarhill Gang habe ich gehört, wusste aber nicht, dass darauf so eine Welle folgen würde. Breakdance und Graffiti machte ich dann auch, ohne zu verstehen, dass alles zusammengehört. Nach Abebben der Breakdance-Welle stand ich mit HipHop zwar relativ alleine da, blieb aber dran und begann irgendwann damit, für das "Intro"-Magazin über die Kultur zu berichten. Dann kam Radio, dann Fernsehen. Mich hatte die damalige Berichterstattung genervt.

teleschau: "'Blacktape' ist 'der erste deutsche HipHop-Film nach 30 Jahren'", wird im Film-Teaser gesagt. Warum braucht es den jetzt?

Neblett: Ich denke, jetzt ist der Punkt erreicht, an dem eine große Vielfalt herrscht. Man sieht, welche Früchte die Anfänge getragen haben. Es ist also Zeit zurückzublicken. Mittlerweile gibt es fünf Generationen Deutschrap. Von der "Golden Era" um Samy Deluxe und Co. über Straßenrap bis hin zu modernen Entwürfen wie Cro und Casper. HipHop ist aufgeblüht. Jetzt ist er selbstverständlich. Es gibt viele Leute, die nicht mehr wissen, wo das alles herkommt.

Staiger: Ich musste 1993 einer Buchverkäuferin erklären, wie man Rap schreibt. Damals war ich auf der Suche nach dem Buch "Rap-Attack". Das kann man sich heute wahrscheinlich nur noch schwer vorstellen.

Schacht: HipHop ist eine inzwischen so alte und große Kultur, dass man nicht mehr weiß, wie es mal war. Aber wenn man da reinwächst, fragt man sich, wer die Vorväter sind. Auch da geht es um Identitätsbildung. Es entsteht in neuen Generationen eine Art Gegenkultur zum bestehenden Geschehen. Die neue Generation schlachtet die Alten und wird dann wiederum geschlachtet. Wir wollen das Ganze aufarbeiten.

teleschau: Die fiktive Figur Tigon ist eine Metapher für die umstürzlerische Seite des Rap. Braucht es 2015 wieder einen Tigon, der kritisiert und die Inhalte politisiert, nachdem zuletzt eher Materialismus im Vordergrund gestanden hatte?

Schacht: Das gibt es doch. Du hast mit Zugezogen Maskulin und der Antilopen Gang zum Beispiel einige Tigons.

Neblett: Ich denke, das nächste Phänomen wird intellektueller Straßenrap. Jemand, der eine ähnliche Schiene wie Haftbefehl fährt, sich aber eher als Denker verkauft. Ein deutscher Nas. Trotzdem ist es schwer, politischen Rap zu machen. Man muss in der Musik heutzutage immer etwas populistisch sein. Es wird kompliziert, sich gegen etwas zu wenden und das auch gut zu erklären.

Schacht: Wobei HipHop nie nur politisch war. Es gab nicht nur die Leute aus der Bronx. Auch in Downtown New York gab es Rapper wie DJ Hollywood, die in den Diskotheken der Weißen spielten. Auch schon 1973. Das wird nur gerne unterschlagen, weil die Gewinner des Imagekampfes im HipHop eher die Underdogs sind. Aber wären die damals in die Clubs reingekommen, dann wären sie auch hingegangen. HipHop aus der Bronx ist also nicht per se eine Antikultur gewesen, sondern ein Schrei danach, mitfeiern zu dürfen.

Staiger: Im Endeffekt ist Rap auch ein Pop-Produkt. Ein Teil der Warenwelt, das dann einverleibt wird. Genau wie es bei Punk passiert ist. Ich denke aber, dass wieder politischere Zeiten auf uns zukommen. Die Ukraine ist nicht so weit weg, Syrien auch nicht. Die Leute fangen oberflächlich an, sich mit Verschwörungstheorien zu beschäftigen. Andere gehen zum Glück noch etwas weiter und analysieren die bestehenden Verhältnisse etwas tiefgehender. Gesellschaftlich ist es notwendiger geworden, über Politik zu sprechen, und das zeigt sich auch in jeder Art von Kultur.

Schacht: Genau, Kultur ist ein Spiegel. Wenn es immer mehr politische Akteure im Rap gibt, dann merkt man, dass etwas schief läuft. Sonst würden die sich nicht bemerkbar machen. Im Grunde passiert dasselbe wie in den 70-ern. Umso schlimmer es wird, desto mehr Aufschreiende gibt es.

Staiger: Man könnte einen Gegenentwurf zum bisherigen System schaffen und es anders machen: alle auf eine Ebene stellen. Das war für mich auch immer die revolutionäre Kraft von HipHop: Wir scheißen auf die Industrie und machen unsere eigenen Labels und Marken.

teleschau: Das Rebellische ist also, es selbst zu machen und sich nicht lenken zu lassen?

Schacht: HipHop war schon immer eine Do-It-Yourself-Kultur. Es geht um Selbstermächtigung, weil einem sonst kein anderer Macht zugesteht. Man macht sich selbst stark.

Staiger: Und man schafft sein eigenes Wertesystem. Ich finde es komisch, wenn Breakdancer an die Oper gehen oder Sprayer in Galerien ausstellen. HipHop hat das hochkulturelle Gehabe nicht nötig.

teleschau: Der Film ist auch ein Beitrag zur HipHop-Kultur und kommt jetzt im Kino. Ist das nicht dasselbe?

Neblett: Aber es ist ein Indie-Film (lacht). Wir haben mit kleinen Mitteln einen tollen Film gemacht und viel Kraft aufgebracht um das zu realisieren. Reich werden wir damit sicher nicht.

Staiger: Selbst wenn es kein Indie-Film wäre: Wir biedern uns niemandem an.

teleschau: Es werden viele Details angesprochen, die nur denjenigen bekannt sind, die sich mit der Materie auseinandergesetzt haben. Verstehen "Blacktape" Leute außerhalb der HipHop-Szene überhaupt?

Staiger: Darum geht es nicht. Es ist ein guter Film geworden: ein lustiges, spannendes Roadmovie. Ich hoffe jedenfalls, dass er so funktioniert. Auch bei Leuten, die nicht HipHop-affin sind.

Neblett: Man sieht eine Historie der HipHop-Kultur, klar. In allererster Linie sieht man aber die innerlich zerrissene Person Tigon auf der Suche nach sich selbst. HipHop ist nur die Kulisse.

Quelle: teleschau - der mediendienst