Neil Young

Neil Young





Es gibt immer was zu sagen

Die bisweilen euphemistisch geheuchelte Verwunderung, wenn jemand sein 70. Lebensjahr vollbracht hat, ist bei Neil Young nicht angebracht. Niemanden dürfte es überraschen, dass der kanadische Rockstar nun dieses einst mal als greises Alter bezeichnete Stadium erreicht. Denn Young ist scheinbar ewig dabei, ewig und drei Tage sogar. Und während mancher Künstler über einen solch epochalen Zeitraum versucht, sich auf einem eingefahrenen Stil auszuruhen, war es nie die Sache des Querdenkers, sich im Kreis zu drehen. Auch deshalb weiß der kanadische Würdenträger immer wieder auf sich aufmerksam zu machen - musikalisch wie mit seinen Kampf für eine in seinem Sinne bessere Welt. Am 12. November wird er 70 Jahre alt.

In den zurückliegenden Jahren war sein medienwirksamster Kampf wohl der gegen die von ihm vermaledeite Unart, Musik in komprimierter Form zu hören, als MP3 etwa: "Es ist wichtig zu verstehen, dass wir in Sachen Qualität nicht mehr viel tiefer sinken können. Beim Cloud Music Streaming fehlt nicht mehr viel, und wir wirbeln die Ablagerungen unten auf dem Grund auf", befürchtete er in seiner Autobiografie "Ein Hippie-Traum" 2012.

Noch im selben Jahr gründete Young die Firma PonoMusic, um mal wieder gegen den Trend zu schwimmen. Seit Februar 2015 befindet sich das iPod-Konkurrenz-Produkt PonoPlayer in den USA im freien Verkauf. Auf der dazugehörigen Webseite stehen die aktuellen Hitplatten und alte Klassiker bereit zum Download - in verlustfreiem Format, nicht komprimiert wie bei iTunes, Spotify und Co. Ein geschickter wirtschaftlicher Schachzug des alten Fuchses? Bei Neil Young und dessen aufrechter Selbstdarstellung über all die Jahre käme keiner auf eine solche Idee.

Dieser jüngste Ausflug in eine von Neil Young zuvor noch unbewohnte Welt ist exemplarisch für den bis vor Kurzem in Hawaii beheimateten Sänger. Young gilt als Macher, als Tausendsassa und vor allem als jemand, der sich nichts sagen lässt. Dabei besetzt er diverse Themen, die bei ihrer einfachen Aufzählung nicht unbedingt Kongruenz oder Verwandtschaft erkennen lassen.

Immer wieder steht bei ihm die Umwelt im Mittelpunkt - "Reißt die Dämme nieder, wehrt euch gegen das Öl. Schützt die Pflanzen und erneuert die Äckerböden", sang er etwa auf seinem 2014-er Album "Storeytone". 1989 feierte er ein großartiges Comeback mit "Freedom", ein durch und durch politisches Album, auf dem er den damals neuen Präsidenten George Bush angriff.

Zuvor, lange Zeit nach seinen großen Erfolgen in den frühen 70-ern, befand sich Neil Young in einer kommerziellen Krise. Als er 1985 den verschuldeten amerikanischen Kleinbauern mit dem Benefiz-Musik-Festival "Farm Aid" zur Seite trat, war er aus dem Mainstream eigentlich vollkommen abgetaucht. Der in Winnipeg aufgewachsene, doch früh nach Nordkalifornien umgezogene Troubadour verlor sich in seiner nie enden wollenden Experimentierfreudigkeit. Die Chartplatzierungen waren stets zweistellig, teilweise im höheren Bereich. Ausnahme war da noch "Trans" von 1982, auf dem sich der Urrocker mit Synthpop in den Hitparaden zurückmeldete.

Das Album mag musikalisch bei alteingesessenen Young-Anhängern einen faden Nachgeschmack hinterlassen haben. Doch auch hier versuchte ihr Star ein ernstes Thema anzusprechen. Ihm ging es um seinen Sohn Ben, der mit einer zerebralen Bewegungsstörung geboren wurde. Mit dem elektronischen Experiment habe er vermitteln wollen, wie es ist, "in einen Körper ohne verständliche Stimme eingesperrt zu sein". Es sei ein Versuch gewesen, "mittels Maschinen, Computern, Schaltern und anderen Gerätschaften zu kommunizieren", verteidigte er sich in seiner Autobiografie gegen den Vorwurf, damals mit dem New-Wave-Strom geschwommen zu sein.

In seinem musikalischen Schaffen wurde er selten so hart angepackt wie zu dieser Zeit. Persönliche Krisen ziehen sich dagegen durch das Leben des Rockers. Drei lange Beziehungen gingen alle in die Binsen, zuletzt im Juli 2014 die zu seiner zweiten Frau Pegi - nach 36 Jahren Ehe. Keines seiner drei Kinder kam völlig gesund auf die Welt. Sohn Zeke aus der frühen Beziehung zur Schauspielerin Carrie Snodgress leidet unter derselben Krankheit wie Ben, allerdings in einem leichteren Ausmaß: "Wochenlang lief ich wie umnebelt herum. Ich konnte überhaupt nicht begreifen, wie ich zwei Kinder mit verschiedenen Müttern hatte zeugen können, die beide an einer Krankheit litten, die nicht erbbedingt war", erzählt er in "Ein Hippie-Traum". "Ich war innerlich verirrt und wütend, hatte Fantasien von Situationen, in den Leute etwas Abfälliges über Zeke und Ben sagten und ich einfach auf sie losging. Glücklicherweise ist das nie passiert." Bei Bens Schwester Amber wurde wie bei ihrem Vater Epilepsie diagnostiziert.

Zudem - bei Rockern der 60-er und 70-er ja fast unumgänglich - trug er ein ums andere Mal geliebte Mitmusiker und Freunde zu Grabe. Es waren eben die Zeiten eines hemmungslosen Drogen- und Alkoholmissbrauchs innerhalb der Szene. Auch Young kam mit Drogen in Berührung: "Ich versuchte Amphetamine und rauchte etwas Hasch. Im Rückblick hätte ich noch viel mehr ausprobieren können. Zum Glück habe ich mit härteren Sachen keine allzu weitreichenden Erfahrungen gemacht", heißt es in seiner Biografie. Scheinbar war Young bereits in jungen Jahren ein viel zu guter Beobachter seines Umfelds, als dass er sich das hätte antun können.

Er beschäftigte sich lieber wie kaum ein anderer Rockstar mit seinem Beruf, mit der Musik. Nicht von ungefähr gilt Young heute in vielen Sparten als Vorreiter. Mit seinen Bands Bufallo Springfield und Crazy Horse spielte er in der zweiten Hälfte der 60-er Hard Rock, bevor ihn Bands wie Led Zeppelin hoffähig und erfolgreich machten. Als "Godfather Of Grunge" lieferte er nicht nur Kurt Cobains durch die Presse gejagte letzte Worte "It's better to burn out than to fade away" (aus "My My, Hey Hey", 1979). Sein heute noch erfolgreichstes Album "Harvest" (1972) ist durchzogen von Countryklängen und ob mit oder ohne David Crosby, Stephen Stills und Graham Nash als CSNY ist es der Folk-Rock, der ihn durch seine ganze Karriere begleitet.

Heute ist kaum ein Musiker so emsig wie Neil Young. Beinahe jährlich konnte man zuletzt mit einem neuen Album rechnen, manchmal wie 2012 und 2014 sogar mit deren zwei. Mit "Bluenote Café" erweitert er am 6. November seine bereits unüberblickbare Archiv-Sammlung. Kaum ein Musiker nimmt sich dabei in seiner Karriere so viele kreative Freiheiten wie Neil Young. Und kaum einer legt sich dabei so gerne mit Obrigkeiten an. Zuletzt feuerte der längst nicht müde wirkende Barde gegen das amerikanische Saatgut- und Herbizide-Unternehmen Monsanto auf seinem Album "The Monsanto Years". So schloss er abermals eine Brücke zwischen Umweltschutz und den Rechten der Farmer.

Manche mögen dies als Eskapaden abtun, ihn als ewigen Spinner und Unruhestifter bezeichnen. Doch Neil Young findet Gehör bei seinem Kampf für eine bessere Welt. Seine Kritiker müssen sich schon lange damit abfinden. Denn: Neil Young ist mindestens ein kaum zu unterschätzender Teil der Rock- und Popwelt - mit seinen nun 70 Lenzen gefühlt seit Jahr und Tag.

Quelle: teleschau - der mediendienst