Nina Kunzendorf

Nina Kunzendorf





"Hier gibt es keinen schnuckeligen Hippie-Kram"

Als Hebamme Emma muss Nina Kunzendorf (44) im TV-Drama "Nacht der Angst" (Montag, 30. November, 20.15 Uhr, ZDF) um ihre Existenz bangen. Bei einer Zwillingsgeburt gab es Komplikationen, eines der Kinder kam behindert zur Welt. Brandaktuell setzt sich der packende Gerichtsfilm mit dem Risiko auseinander, das freiberufliche Geburtshelferinnen tragen. Die gestiegenen Versicherungsbeiträge sorgen dafür, dass dieser Beruf langsam ausstirbt - in einigen Regionen Deutschlands sind Schwangere bereits heute unterversorgt. Im Interview erklärt die ehemalige Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Kunzendorf, warum unsere Gesellschaft Hebammen unbedingt braucht - und was für die Rettung dieses Berufsstandes getan werden muss.

teleschau: Wie sind Sie in die Welt der Hebammen eingetaucht, Frau Kunzendorf?

Nina Kunzendorf: Ich habe in einem Geburtshaus in Berlin hospitiert, durfte Geburtsvorbereitungskurse besuchen und den Hebammen bei der Arbeit zusehen. Es herrschte dort eine warme, angenehme, sehr schöne Atmosphäre. Die Hebammen, die ich kennengelernt habe, üben ihren Beruf mit viel Liebe und großer Leidenschaft aus. Gleichzeitig sind sie hochprofessionell, handeln mit Bedacht und dem Wissen um die Verantwortung, die sie tragen. Ein Geburtshaus hat ja nichts mit schnuckeligem Hippie-Kram zu tun. Im Gegenteil!

teleschau: Sie sind selbst Mutter. Konnten Sie Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Schwangerschaft und Geburt in die Rolle einbringen?

Kunzendorf: Das war für mich hier nicht entscheidend, denn ich habe im Film ja quasi die Seiten gewechselt. Ich habe das Thema Schwangerschaft und Geburt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, da ich die Hebamme und nicht die werdende Mutter gespielt habe. Mir war es wichtig, die Arbeit einer Hebamme authentisch darzustellen. Schließlich sollen die Geburtshelferinnen, die den Film sehen, nicht schreiend davonlaufen.

teleschau: Warum sind freiberufliche Hebammen so wichtig für Schwangere - und damit letztendlich auch für die Gesellschaft?

Kunzendorf: Sie befassen sich mit den existenziellen Fragen des Daseins: Geburt, Tod, Werden, Liebe, Fürsorge. Es liegt in ihren Händen, so einem kleinen Menschen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, und das kann gar nicht hoch genug geschätzt werden! Umso schlimmer ist es, dass dieser Beruf derzeit mit Füßen getreten wird. Dagegen müssen wir protestieren!

teleschau: Im Film klingt auch die Glaubensdiskussion Schulmedizin versus Naturheilverfahren an. Wie stehen Sie dazu?

Kunzendorf: Ich finde die Diskussion sehr bedauerlich. Ich habe im Geburtshaus hochprofessionelle Frauen erlebt, die ein unglaubliches und schützenswertes Wissen besitzen. Keine der Hebammen, die ich kennengelernt habe, stellte sich gegen die moderne Medizin oder gegen Kaiserschnitte, wenn sie nötig und hilfreich sind.

teleschau: Welche Szene hat Sie am meisten gefordert?

Kunzendorf: Die Gerichtsverhandlung war sehr anstrengend. Wir haben zehn Tage lang in einem engen Raum gedreht und meine Figur wurde ja ordentlich in die Mangel genommen. Aber auch die Zwillingsgeburt war aufregend: Trotz aller Requisiten und technischen Vorgänge, die so glaubwürdig wie möglich aussehen sollten, durfte ich ja das Spielen nicht vergessen. Das war eine Herausforderung, die mir letztlich aber viel Freude gemacht hat.

teleschau: Welches Urteil hätten Sie als Richterin gefällt?

Kunzendorf: Das ist schwer, weil eine Richterin ja nicht ihrem Herzen folgt, sondern anhand der Gesetze entscheidet. Persönlich bin ich natürlich eine Anwältin meiner Figur und fordere Freispruch.

teleschau: Welchen Beruf hätten Sie ergriffen, wenn Sie nicht Schauspielerin geworden wären?

Kunzendorf: Schauspielerei war bei mir nur Plan B, ich wollte eigentlich Germanistik und Theaterwissenschaften studieren. Heute würde ich manchmal gerne wieder studieren und meinen Kopf füttern. Oder etwas ganz Handfestes machen. Mein Beruf ist so virtuell und abhängig vom subjektiven Urteil anderer, da wäre es hin und wieder schön, wenn ich einen Beruf hätte, der ein greifbares Ergebnis liefern würde.

teleschau: Ein neuerliches greifbares Ergebnis Ihrer Arbeit haben Sie im Juni überreicht bekommen - den Deutschen Filmpreis für Ihre Rolle im historischen Krimi-Melodram "Phoenix". Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Kunzendorf: Die Nominierung kam für mich aus heiterem Himmel. Ich freue mich sehr darüber, denn ich wurde ja von meinen eigenen Kollegen gewählt, das hat mich wirklich gerührt. Es ist schön zu wissen, dass meine Arbeit von meinen eigenen Leuten geschätzt wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst