Jonas Nay

Jonas Nay





Geerdeter Überflieger

Jonas Nay wollte eigentlich nie Schauspieler werden. Und das, obwohl er schon drehte, als er noch ein Kind war. Seit dem preisgekrönten Mobbing-Drama "Homevideo" (2011) ist der heute 25-Jährige einer der am hellsten leuchtenden Sterne am deutschen Schauspiel-Himmel. Was man auch daran ablesen kann, dass er die Hauptrolle in der wohl wichtigsten Serie ergatterte, die 2015 in diesem Lande vom Stapel gelassen wird: "Deutschland 83" (ab Donnerstag, 26.11., 20.15 Uhr, bei RTL) erzählt vom Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West. Nay spielt einen jungen DDR-Agenten, der bis in die höchsten Kreise der Bundeswehr und NATO eingeschleust wird. Wichtig ist "Deutschland 83" nicht nur, weil sich das deutsche TV-Publikum bisher mit modernen, konsequent fortlaufend erzählten Serien schwertat. Bedeutend ist auch, dass der spannende Historienstoff im Ausland bereits für viel Furore sorgte. Sogar im US-Fernsehen lief "Deutschland 83" erfolgreich - in deutscher Sprache mit englischen Untertiteln. Viel Ruhm, aber auch viel Verantwortung für einen Lübecker Jungen, der "hauptberuflich" eigentlich Musik studiert.

teleschau: Was haben Sie über das Lebensgefühl des Jahres 1983 gelernt? War es anders als Ihres - im gleichen Alter heute?

Jonas Nay: Das Lebensgefühl hängt auch von der Zeit ab. Aber sicher noch stärker vom Charakter. Ich fühle mich sicher ganz anders als jener Mitschüler, der neben mir in der Schule saß. Trotzdem glaube ich, dass die Jugendlichen damals mit der aufkommenden Friedensbewegung viel stärker das Gefühl hatten, etwas verändern zu können. Dieses Gefühl sehe ich heute in meiner Generation kaum vertreten. Die Politikverdrossenheit der Leute meines Alters ist schon ziemlich krass.

teleschau: Was die Serie ebenfalls betont, ist der schmale Grat zwischen Kaltem und einem möglichen "heißen" Krieg. Staunt man heute darüber, wie die Leute damals überhaupt unbeschwert leben konnten?

Nay: Ja, das ist auf jeden Fall ein Thema der Serie. Das Herausarbeiten einer Situation, in der ein Kriegsausbruch zwischen NATO und dem Ostblock alles andere als unwahrscheinlich war. Man kann aber nicht sagen, dass nur ich und die anderen jüngeren Crew-Mitglieder davon schockiert waren. Auch einige Kollegen, die die Zeit damals als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt haben, waren es. Ich glaube, man war sich der tatsächlichen Gefahr damals zum Großteil einfach nicht bewusst. Selbst jene, die selbst gegen "Pershing II" demonstrierten, sagten mir, dass sie die Reichweite und Dimension der Gefahr damals unterschätzt haben.

teleschau: "Deutschland 83" ist nicht nur als Zeitbild interessant, sondern auch, weil viele Fernsehmacher und Kulturbeobachter hoffen, dass die Deutschen endlich mal einer gut gemachten, horizontal erzählten Serie im TV ihr Vertrauen schenken. Spüren Sie die Verantwortung, die da auf Ihren Schultern lastet?

Nay (lacht): Mit der Verantwortung kann ich leben. Besser ein Teil der Hoffnung, als Teil der Resignation. Ich bin selbst großer Serienfan. Ich schaue mittlerweile sogar lieber Serien als Filme und gehöre damit zur "Generation Serie", in der dieses Erzähl-Genre einfach ungeheuer populär ist. Daher bin ich unheimlich stolz auf "Deutschland 83".

teleschau: Was schauen Sie denn so?

Nay: Ich kann ja mal von hinten anfangen: Gerade schaue ich "Episodes", vorher sah ich "Fargo" - eine großartige Serie - zuvor "Sherlock" und "New Girl". Für die Antwort habe ich bei unserer Premiere in New York Lacher geerntet, aber ich mag amerikanische Comedy-Serien, wenn sie gut gemacht sind.

teleschau: Ist es für Sie mittlerweile normal, Star einer jungen Schauspielergeneration zu sein?

Nay: Ich hatte ein wahnsinnig aufregendes Leben diese letzten sechs Jahre - seit "Homevideo". Ich bekam tolle Projekte angeboten, habe Privilegien und viel Lob erhalten für das, was ich getan habe. Das fühlt sich wahnsinnig gut an, ist aber auch eine Bürde. Ich spüre schon, dass ich meinen Weg finden muss, mit all diesen Dingen umzugehen. Mein persönlicher Weg ist, dass ich in Lübeck an der Musikhochschule Jazzpiano studiere. Vorher hatte ich Filmmusik-Komposition studiert. Ich schaue, dass ich mich semesterweise komplett aus dem Film rausziehe. Das ganze letzte Jahr habe ich noch gedreht, doch seit dem Sommersemester dieses Jahres studiere ich wieder, habe meine Zwischenprüfungen gemacht und nur noch die Semesterferien für einen Filmdreh genutzt. Momentan steht die Musik im Vordergrund, und das tut mir gut. Musik und Film halten mich in der Balance.

teleschau: Sie haben auch eine Band, mit der sie nun ein Album veröffentlichen.

Nay: Ja, Northern Lights bringt seine erste deutsche Platte im November heraus. Das Album habe ich mitproduziert - Tontechnik war ein Teil meines Filmmusikstudiums und ist wohl meine nerdigste Leidenschaft. Meine Band ist mir generell sehr wichtig, sie ist neben meiner Familie wohl der wichtigste Baustein, der mich so heimatverbunden macht. Wenn ich in Lübeck bin, schaffe ich es, die Eindrücke aus der Filmerei zu verarbeiten und wieder runterzukommen nach so einem Wahnsinnsdreh wie "Deutschland 83".

teleschau: Haben Sie Angst vor Misserfolg?

Nay: Ich bin bisher unheimlich erfolgsverwöhnt, und das ist mir bewusst. Als Künstler trifft es einen hart, wenn etwas verrissen oder ignoriert wird, in das man viel Arbeit und Herzblut gelegt hat. Auch deshalb versuche ich, mir mit der Musik ein zweites Standbein zu schaffen - das mir Rückhalt und Sicherheit gibt.

teleschau: Könnte die Musik als Beruf einmal ebenso wichtig werden für Sie wie die Schauspielerei?

Nay: Man kann es eher umgekehrt sehen. Ich spiele Klavier seit ich sechs Jahre alt bin, und das stand in meinem Leben lange im Vordergrund. Das mit der Schauspielerei war bis zu meinem Abitur nur so eine Art Nebenbeschäftigung, in die ich reingerutscht bin. Eigentlich dachte ich, ich werde mal Musiklehrer. Heute ist die Gewichtung in meinem Leben anders. Schauspielerei ist mein Beruf. Damit kann ich meinen Lebensunterhalt und mein Studium finanzieren. Die Filmarbeit ermöglicht es mir, mich in der Musik frei und ungebunden zu entfalten. Das Berufsmusikerdasein bringt auch eine Menge Unfreiheit mit sich, der ich mich bisher noch nicht aussetzen musste. Wenn, dann möchte ich mit der Musik mein Geld verdienen, die ich liebe. Mal sehen, was noch so alles kommt (lacht).

teleschau: Haben Sie nie darüber nachgedacht, statt Musik einfach Schauspiel zu studieren?

Nay: Doch, das habe ich schon. Aber mein Weg ist so anders verlaufen als der jener Leute, die auf Schauspielschulen gehen. Es war nie mein Plan, Schauspieler zu werden. Es war noch nicht mal ein Traum. Ich bin in einer Kinderserie gelandet, weil ich eigentlich an die Oper wollte. Ich war Chorknabe und hoffte auf eine Gastrolle als Sopran an der Oper. Ich habe mich vorgestellt und bin so in jungen Jahren zu einer Fernsehrolle gekommen. Eigentlich eine absurde Geschichte. Als ich mein Abi gemacht hatte, kam plötzlich "Homevideo". Und danach ein Filmprojekt nach dem anderen. Vor der Kamera lernte ich immer mehr dazu. Und mittlerweile gehe ich zu Castings, wo ich mit Abgängern von Schauspielschulen um die gleiche Rolle konkurriere. Da habe ich gesehen: Aha, die können etwas, das ich nicht kann. Zum Beispiel ein ganzes Theater bis zum 50. Rang unterhalten. Ich kann aber offensichtlich auch etwas, was die nicht können. Weil ich unheimlich viel Erfahrung vor der Kamera gesammelt habe und mich ausprobieren konnte, seit ich zehn Jahre alt bin. Das Wissen, das Schauspielschulen vermitteln, würde mir bei dem, wie ich es mache, nicht unbedingt weiterhelfen.

teleschau: Hat es Sie nie in die Metropolen, zum so genannten glamourösen Leben gezogen?

Nay: Nach meiner Schulzeit habe ich eine Weile in Hamburg gelebt, dann in Rostock, und anschließend bin ich zum Studieren wieder nach Lübeck zurückgekehrt, weil ich an der Musikhochschule angenommen wurde. Ich hätte auch nach Hannover gehen können. Für Lübeck habe ich mich entschieden, weil dort meine Familie und meine Band sind. Außerdem: mein Handballverein, meine Freunde. Ich sehe keine Vorteile darin, all das aufzugeben, nur um in einer größeren Stadt zu leben. Klar fragen mich die Leute immer wieder: "Ey, du bist Schauspieler, warum gehst du nicht nach Berlin in die deutsche Kulturmetropole? Da wo's brennt!" Aber ich habe so viel, was brennt, um mich herum, wenn ich drehe, dass ich mich für mein restliches Leben gern ein bisschen zurückziehe. Ich bin ein sehr ruhebedürftiger Mensch. Ruhe findet man in einer Stadt wie Berlin sicherlich viel schwerer als bei mir zu Hause.

teleschau: Gibt es ein Naturtalent für Schauspiel und haben Sie das?

Nay: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich verfüge, wie gesagt, über viel Erfahrung mit Kameraarbeit, und in meine Rollen lege ich eine Menge von mir selbst hinein. Ob ich das gut mache, müssen andere beurteilen. Ich habe lange Kindern Klavier- und Gitarrenunterricht gegeben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, man merkt ziemlich schnell, ob ein Mensch musisch begabt ist, beziehungsweise, ob ihm kreative Prozesse liegen. Diese Begabung kann man ausbauen oder es sein lassen. Und sie ist nicht immer leicht zu greifen. Ich habe viele total faszinierende Schauspieler gesehen, deren Begabung aber kaum von der Kamera einzufangen war. Den Begriff Naturtalent halte ich für ausgesprochen schwierig. Deshalb würde ich mich selbst auch nicht als eines bezeichnen.

Quelle: teleschau - der mediendienst