Friedrich Mücke

Friedrich Mücke





"Da musste ich schon mal jemandem auf die Fresse hauen"

Auch wenn Friedrich Mücke schon seit vielen Jahren in München lebt: Beim Interview in einem Münchner Nobelhotel hört man dem 34-jährigen Schauspieler die Berliner Schnauze sofort an. Perfekte Voraussetzungen also für die Rolle des Kommissar Lang im historischen SAT.1-Film "Mordkommission BERLIN 1". Denn Lang, dessen Figur auf dem ersten Polizeiermittler im modernen Sinne basiert, war ein echtes Berliner Original. Schauspieler Friedrich Mücke wurde an der Seite von Matthias Schweighöfer, in Filmen wie "Friendship" oder "Russendisko" bekannt. Während Schweighöfer heute Medien-Darling ist, steht Mücke nur selten im Rampenlicht. Macht nichts, sagt der sympathische Star. Arbeit hat er auch so genug: Demnächst ist Mücke gar in zwei Filmen hintereinander zu sehen, neben erwähnter SAT.1-Produktion auch in "Unter der Haut" (Das Erste, Mittwoch, 2. Dezember, 20.15 Uhr). In dem Drama spielt Mücke einen Bluterkranken, der Anfang der 80-er an AIDS erkrankt.

teleschau: Herr Mücke, Til Schweiger sagte kürzlich in einem Interview, es gebe nur drei Filmstars in Deutschland: Ihn, Matthias Schweighöfer und Elyas M'Barek. Sie nannte er nicht. Beleidigt?

Friedrich Mücke: Er hat mich noch nicht genannt (lacht). Aber er hat Recht mit seiner Aufzählung: Das sind die Filmstars, die wir in Deutschland haben. Alles tolle Kollegen, aber es sagt natürlich nichts über die Qualität eines Schauspielers aus, Filmstar zu sein.

teleschau: Ist Ihnen Qualität also wichtiger als Star-Ruhm?

Mücke: Ich freue mich, wenn Qualität in Deutschland Erfolg hat.

teleschau: Ist das denn der Fall? Ihr letztes Projekt, die Serie "Weinberg", hatte gute Kritiken - aber kaum jemand schaltete ein.

Mücke: "Weinberg" lief im Bezahlfernsehen. Da hat man natürlich andere Einschaltquoten als im Free-TV. Aber ich weiß gar nicht, ob ich das schade finden soll, dass vielleicht weniger Menschen eingeschaltet haben als bei den "öffentlichen" Privaten. Ich bin jedenfalls froh, dass ich eine Serie machen durfte, die Qualität hat.

teleschau: Was man von vielen anderen deutschen Produktionen nicht behaupten kann. Warum tut man sich in Deutschland so schwer?

Mücke: Ich habe das Gefühl, dass schon viel passiert. Vor allem in Bereich Serie entsteht viel Neues und Spannendes. Alte Mechanismen werden durchbrochen, neue Geschichten werden erzählt. Das Problem ist, dass man in Deutschland nicht scheitern darf. Aber hin und wieder fällt man eben auf die Schnauze, das gehört dazu. Glücklicherweise wird das mehr und mehr in unserer Branche akzeptiert.

teleschau: Was macht "Mordkommission BERLIN 1" Ihrer Meinung nach zu einer guten Produktion?

Mücke: Der Film erzählt eine aufregende Geschichte, die in einem sehr spannenden Milieu spielt, nämlich dem Berlin der 20er-Jahre. Ich spiele Kommissar Paul Lang, der eine Fehde mit Immanuel Tauss austrägt, dem größten Gangster der Stadt. Gespielt wird er von Tobias Moretti. Als ein grausamer Mord geschieht, ist sich Lang sicher, dass Tauss dahintersteckt, obwohl der im Gefängnis sitzt. Später passiert dann noch ein Mord. Also stellt sich die Frage, wie jemand, der einsitzt, Morde begehen kann. Paul Lang streift fortan mit seinem Assistenten, den Frederick Lau spielt, durch die Berliner Unterwelt.

teleschau: Was ist Paul Lang für ein Mensch?

Mücke: Er ist eine sehr widersprüchliche Figur. Sein Gegner ist der "bad guy", er selbst aber auch nicht so eindeutig ein Guter. Er trägt heftige Züge und ist eine Figur, die mir so noch nicht angeboten wurde. Das war eine große Herausforderung.

teleschau: Mit einer Kommissars-Rolle haben Sie allerdings schon Erfahrung: Im Erfurter "Tatort" spielten sie den Ermittler Henry Funck.

Mücke: Das stimmt, aber diese Rolle jetzt war eine ganz andere Nummer. Nicht nur wegen des historischen Kontextes, sondern auch wegen der Härte der Rolle. Da musste ich im Film schon mal jemandem auf die Fresse hauen.

teleschau: Welche Rolle spielen die Zeit und die Stadt in "Mordkommission BERLIN 1"?

Mücke: Die Stadt spielt neben mir die Hauptrolle! Wir wollten von dieser Zeit erzählen, vom wilden, lasziven Leben, das damals in der Stadt herrschte und von dem wir alle schon so oft gelesen haben. Nur im deutschen Fernsehen war davon bislang nichts zu sehen. Mit "Mordkommission BERLIN 1" machen wir den Anfang und zeigen die 20-er mit all ihren Auswüchsen von Sex, Drugs und Rock'n'Roll.

teleschau: Warum war diese Zeit bislang kein Thema fürs deutsche Fernsehen?

Mücke: Keine Ahnung. Aber es ist gut, dass man sich jetzt dieser Zeit zuwendet. Möglicherweise hat man heute wieder Lust auf weniger Glattheit, auf mehr Widersprüche, auf kaputte Charaktere. Dafür bietet diese Zeit den perfekten Hintergrund.

teleschau: Die ARD und Sky produzieren derzeit die Serie "Babylon Berlin", die auch von einem Kriminalfall in den 20-ern erzählt ...

Mücke: "Babylon Berlin" verfilmt die Romane von Volker Kutscher, mit denen ich mich auch beschäftigt habe, um Zeitkolorit aufzusaugen. Die Bücher sind sehr genau in der Recherche und im Abbild der Zeit. Aber es geht wesentlich mehr um Politik als es in "Mordkommission BERLIN 1" der Fall ist. Uns interessiert die individuelle Geschichte von Paul Lang. Unser Film ist mehr ein Hollywood-Streifen: Es geht um einen Kriminalfall, der konsequent und mit Tempo erzählt wird und sich nicht mit politischen Begebenheiten der Zeit beschäftigt.

teleschau: Der aufkommende Nationalsozialismus ist also kein Thema?

Mücke: Nein. Im Jahr 1926, in dem der Film spielt, geht es noch mehr um die Auswüchse des Ersten Weltkriegs. Da spielt das Verdrängen des Erlebten eine große Rolle, auch bei Paul Lang: Er spritzt sich Morphium, um den Verlust seiner Familie zu vergessen.

teleschau: Die Dreharbeiten fanden vor allem in Prag statt, nicht in Berlin. Warum?

Mücke: Das hatte vor allem praktische und ökonomische Gründe. Ich war aber total überrascht, wie viele Orte es in Prag gibt, an denen man sich wie in Neukölln oder Charlottenburg fühlt. Das beginnt schon damit, dass das Straßenpflaster in beiden Städten ähnlich ist. Dann natürlich die Architektur, die einen oft wie in Berlin fühlen lässt. Und sogar der Himmel in beiden Städten ähnelt sich!

teleschau: Sie sind in Berlin aufgewachsen. Welche Orte erinnern Sie in der Stadt heute an die 20er-Jahre?

Mücke: Ich komme aus Ost-Berlin und kenne den Westteil der Stadt nicht so gut. Vor allem jetzt, nachdem der Film abgedreht war, habe ich einen neuen Blick auf die Stadt. Es gibt viel in Berlin, das einen die Geschichte spüren lässt, allein schon Namen wie "Gendarmenmarkt" oder "Charlottenburg". Vor allem die Kneipenkultur der Stadt interessiert mich. Es ist erstaunlich, wie viele alte Kneipen die Jahrzehnte überdauert haben.

teleschau: Wie war das, im Film in die Geschichte der eigenen Heimatstadt einzutauchen?

Mücke: Das war total klasse: Die Klamotten, die Autos - man konnte richtig die Atmosphäre von damals spüren. Ich erinnere mich noch besonders an eine Szene: Da fuhr ein Auto, aus dem wir gerade gestiegen waren, an uns vorbei - und es stank bestialisch und war unglaublich laut. So muss es damals, als der Verkehr immer mehr zunahm, in Berlin auch zugegangen sein!

teleschau: Auf Authentizität wurde also Wert gelegt?

Mücke: Sehr sogar. Jeder Schnürsenkel der Komparsen war durchdacht. Einmal drehten wir eine Schießerei, die auf einem Platz stattfand, der dem Rosenthaler Platz in Berlin nachempfunden war. Das war so realistisch, dass ich mir gedacht habe: Jetzt braucht es nicht mehr viel, um zu glauben, dass man wirklich in dieser Zeit ist.

teleschau: Die 20er-Jahre waren auch die große Zeit des deutschen Films. Mögen Sie die Filme von damals?

Mücke: Die Filme aus dieser Zeit habe eine eigene Sprache, die eine besondere Magie entfaltet. Aber natürlich sind diese Filme unheimlich weit entfernt von dem, was wir heute sehen.

teleschau: Konnten Sie aus den Filmen dieser Zeit etwas für Ihre Rolle herausziehen?

Mücke: Ich habe mir abgeguckt, wie die Menschen sich damals bewegten, was sie trugen, wie sie aussahen. Die Haarschnitte waren total idiotisch: Wenn man keine Pomade in den Haaren hatte, war da nur noch Durcheinander auf dem Kopf. Auch ich hatte für den Dreh einen 20er-Jahre-Haarschnitt bekommen, der morgens nach dem Duschen völlig unmöglich aussah (lacht).

teleschau: Verglichen mit vielen anderen Schauspielern, sieht man Sie relativ selten im Fernsehen und im Kino. Geht Ihre Familie vor?

Mücke: Ich denke, dass ich recht gut beschäftigt bin. Aber andere arbeiten sicher mehr an ihrer medialen Präsenz. Meine Familie ist mir natürlich wichtig, aber der Mensch muss nun mal arbeiten. Und ich habe das Glück, das machen zu können, worauf ich Lust habe. Ich drehe nicht 365 Tage im Jahr. Da ist es möglich, ein gutes Gleichgewicht zwischen Familienleben und Beruf zu finden. Als ich noch viel Theater spielte, war das nicht so leicht. Da musste ich manchmal für fünf Stücke gleichzeitig proben.

teleschau: Sie haben vor einigen Jahren einmal gesagt, der beste Zeitpunkt zum Elternwerden sei, wenn man 30 ist. Nun sind Sie 34 und Vater dreier Kinder. Hat sich Ihre Prognose bestätigt?

Mücke: Vater zu sein ist das Tollste, das ich bisher erleben durfte. Wann es die beste Zeit dafür ist, muss jeder selbst sehen. Manchmal denke ich mir aber: Das ist so schön, warum habe ich das nicht schon mit 20 erlebt?

Quelle: teleschau - der mediendienst