Andreas Schmidt-Schaller

Andreas Schmidt-Schaller





"Älter werden ist scheiße"

Erst brillierte er auf den Theaterbühnen in der DDR, seit den 1980er-Jahren kennt man Andreas Schmidt-Schaller als Ermittler in verschiedenen Krimi-Produktionen. Seit 2001 klärt der "Schimanski des Ostens" als Kriminalhauptkommissar Hajo Trautzschke Mordfälle für die "SOKO Leipzig" auf (freitags, 21.15 Uhr, ZDF). Diesmal ist die Sache besonders brisant, nicht zuletzt weil Fiktion und Realität aufeinanderprallen. Der Boss hat ein Geheimnis, das er lieber für sich behalten würde: Er war Informeller Mitarbeiter der Stasi. Ein Geheimnis, das auch den Schauspieler viele Jahre begleitet hat. Darüber sprechen will er aber nicht. Lieber erzählt der am 30. Oktober 70 Jahre alt gewordene Künstler von der Erfüllung seiner Kindheitsträume, der Schauspiellust, die ihn wie ein Pfeil getroffen hat und was er seinem jüngeren Ich gern gesagt hätte.

teleschau: Ihre Figur des Kriminalhauptkommissars Hajo Trautzschke feiert in der neuen Staffel 40-jähriges Dienstjubiläum. Sie ermitteln bereits seit den 1980er-Jahren im TV, seit 2001 für die "SOKO-Leipzig". Wie hat sich die Ermittlerarbeit seit damals verändert?

Andreas Schmidt-Schaller: Gar nicht so sehr. Krimis sind und bleiben Krimis - das hat sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Auch die Ermittlungsarbeit ist im Wesentlichen dieselbe geblieben. Da gibt es ja so einen Grund-Arbeitsmodus, der überall gleich ist. Deshalb können sich Kriminalisten auch sofort über ihre Arbeit verständigen. Bei Schauspielern ist es ähnlich. Man kommt an ein Set, es sind neue Kollegen, aber jeder weiß, was zu tun ist. Einzig die Erarbeitung eines Films hat sich stark verändert. Das muss heute alles in einem wahnsinnigen Tempo vonstatten gehen.

teleschau: Gibt es eine Entwicklung Ihrer Rolle?

Schmidt-Schaller: Sie wird älter, das kann man nicht verhindern. Ansonsten wurde hier und da vielleicht eine kleine Schraube gedreht, aber große Entwicklungen gab es nicht.

teleschau: Hätten Sie persönlich einen guten Polizisten abgegeben?

Schmidt-Schaller: Das weiß ich nicht.

teleschau: Hätte Sie das interessiert?

Schmidt-Schaller: Doch, schon. So ein Kriminalkommissar ist eine aufreibende, tolle Sache. Als Kind habe ich mir Berufe erträumt, wie Lokführer, LKW-Fahrer, Kapitän, das hätte mir gefallen. Aber konkret ging es dann doch ziemlich früh in Richtung Schauspielerei. Ich habe es geliebt, Räuber und Gendarm zu spielen. An einem Tag ist man der Räuber und hofft, nicht erwischt zu werden. Am nächsten Tag schlüpft man in die Rolle des Gendarmen, das fand ich gut.

teleschau: Der Gendarm waren Sie ja jetzt lange genug. Hätten Sie mal wieder Lust auf einen Räuber-Part?

Schmidt-Schaller: Ja, klar. Das ist für den Schauspieler ein gefundenes Fressen. Ohne dass man unbedingt böse dafür sein muss. Das muss man sowieso umgedreht sehen. Bei einer negativen Figur gilt es, positive Seiten zu suchen. So wie man bei einer positiven Figur das Negative herausarbeiten muss. Nur so kann man einen Charakter facettenreich darstellen.

teleschau: Was ist die negative Seite an Hajo Trautzschke?

Schmidt-Schaller: Dass er Geheimnisse hat, die er für sich behält. Das macht jeder Mensch. Und manchmal rastet Trautzschke völlig aus. Obwohl man von einem Kriminalhauptkommissar eigentlich erwarten würde, dass er sich beherrschen kann. Aber es gibt sie nun mal, diese Momente. Und sie sind wichtig, sonst wird es zu langweilig.

teleschau: Sie haben die Geheimnisse angesprochen. Vor zwei Jahren wurde öffentlich, dass Sie selbst in den 1960er-Jahren als Informeller Mitarbeiter für die Stasi tätig waren. Wie sind denn Sie denn persönlich mit diesem Geheimnis umgegangen?

Schmidt-Schaller: Zu diesem Thema habe ich bereits alles gesagt. Und in meinem Buch "Klare Ansage: Bekundungen und Bekenntnisse", das im Oktober erschienen ist, kann man das wunderbar nachlesen. Es ist, wie es ist. Was soll ich dazu noch sagen oder gar schönreden?

teleschau: Sie haben Ende Oktober Ihren 70. Geburtstag gefeiert. Wie haben Sie den Tag verbracht?

Schmidt-Schaller: Ich habe an dem Tag gedreht und abends mit dem Team angestoßen.

teleschau: Gab es Wünsche zum großen Festtag?

Schmidt-Schaller: Gesund zu bleiben, steht an erster Stelle.

teleschau: Gibt es Dinge, die Sie in den nächsten Jahren gerne machen würden?

Schmidt-Schaller: Mein Haupttraum ist seit vielen Jahren, eine Oper zu inszenieren. In der Oper sind alle Künste vereint werden, die Musik, die Literatur, die bildende, die darstellende Kunst, das würde mich sehr reizen.

teleschau: Inwiefern spielen diese Künste eine Rolle in Ihrem Leben?

Schmidt-Schaller: Bei uns war es immer musikalisch zu Hause. Meine Mutter spielte Klavier, und wir hatten eine Hausorgel. Ich habe auch ein Instrument gelernt, Akkordeon. Aber ich war leider zu faul, das weiter zu betreiben. Und ich bin umgeben von vielen Büchern aufgewachsen. Außerdem war mein Großvater Grafiker und Maler, Letzteres war auch mein Onkel.

teleschau: Kommen Sie jetzt noch zum Lesen?

Schmidt-Schaller: Auf dem Regal und neben dem Bett liegen immer mehrere Bücher, meist Sachbücher politischer und kultureller Natur. Darin lese ich ein bisschen in der Mitte und dann den Schluss. Als letztes war es das Werk "Sturzgeburt: Vom geteilten Land zur europäischen Vormacht", ein Dialog zwischen Oskar Lafontaine und Peter-Michael Distel. Das fand ich sehr interessant.

teleschau: Abgesehen von der Oper, gibt es weitere offene Punkte auf Ihrer Bucket-Liste?

Schmidt-Schaller: Ja, Reisen. Zum Glück habe ich mir auch schon viele ermöglichen können. Die meisten Länder, von denen ich als Kind geträumt habe, habe ich nach und nach besucht. Ich war am Polarkreis in Finnland, bei den Inkas in Mexiko und zu Lebzeiten Fidel Castros habe ich es nach Kuba geschafft. Besonders oft bin ich in die USA gereist. Als kleiner Junge war ich ein begeisterter Karl May-Leser und hatte mir geschworen, wenn ich groß bin, würde ich an die Schauplätze seiner Geschichten fahren. Obwohl der Autor selbst nie dort war, hat er das wunderbar beschrieben. Ich erfülle mir noch immer Kindheitsträume und versuche das auch so lange wie möglich.

teleschau: Welche Wunsch-Destination steht aus?

Schmidt-Schaller: Die Antarktis. Ich habe schon recherchiert. Aber es ist gar nicht so einfach, dahin zu gelangen. Mal sehen, ob ich daran scheitern werde.

teleschau: Bringt das zunehmende Alter eigentlich auch eine gewisse Gelassenheit mit sich?

Schmidt-Schaller: Ja, natürlich. Aber eigentlich ist es kein Vergnügen, älter zu werden. Um nicht zu sagen: Es ist scheiße. Deshalb halte ich mich gern an das, was Roberto de Niro einmal gesagt hat: "Wir werden nicht älter, wir entwickeln uns weiter". Ein schöner Satz.

teleschau: Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich gern sagen?

Schmidt-Schaller: Dass es ein bisschen ehrgeiziger sein soll, fleißiger, um noch besser zu werden. Es soll die Dinge nicht so auf sich zukommen lassen, sondern aktiv sein, etwas bewegen. Auch mal versuchen, ein Bild zu malen, was aufzuschreiben. Ein bisschen mehr aus dem Arsch zu kommen. Das würde ich meinem jüngeren Freund in mir sagen.

telschau: Sind das Dinge, die Sie Ihren vier Kindern mit auf den Weg gegeben haben?

Schmidt-Schaller: Das war gar nicht nötig. Das haben sie schon in sich drin. Die sind in diesem Punkt anders als ich. Vielleicht haben sie ja gedacht, so wie der Alte wollen wir nicht enden ...

teleschau: Ihre Nachkommen sind aber dennoch durchweg in Ihre Fußstapfen getreten. Drei von vier sind Schauspieler - oder haben zumindest Erfahrungen in dem Bereich. Hätten Sie andere Pläne für sie gehabt?

Schmidt-Schaller: Das kann und soll man nicht abwenden, sonst wird es nur schlimmer. Das ist alles in Ordnung so. Vielleicht wäre ein Arzt auch ganz gut gewesen. Oder ein Anwalt. Die könnte ich manchmal gut gebrauchen. Und ich wollte ja auch mal Medizin studieren und habe es nicht gemacht.

teleschau: Wie sind Sie denn auf die Schauspielerei gekommen?

Schmidt-Schaller: Wilhelm Tell war Schuld. Es war eines der ersten Stücke, die ich im Theater gesehen habe. Ein Schüler aus der Parallelklasse, dessen Vater Schauspieler war, spielte mit. Und ich war sprachlos, als ihm der Apfel vom Kopf geschossen wurde. Das fand ich toll. Man könnte fast sagen, das war der Pfeil, der den Schauspieler in mir getroffen hat.

teleschau: Haben Sie Ihre Berufswahl jemals bereut?

Schmidt-Schaller: Nein. Aber natürlich gab es im Laufe der Jahre immer mal wieder Momente, in denen ich mir gedacht habe: Hättest du doch besser Medizin studiert. Aber ich habe das selber zu verantworten. Es hat mich ja keiner dazu gezwungen.

Quelle: teleschau - der mediendienst