Gaspar Noé

Gaspar Noé





Lieber Sex als Waffen

Inzest, Vergewaltigung, Drogentrips - Filmemacher Gaspar Noé zeigt in seinen Werken seit jeher existenzialistische und körperliche Extremerfahrungen des Menschseins. Rücksicht auf Konventionen nimmt der 51-Jährige dabei nicht. Spätestens seit der schonungslosen 40-minütigen Vergewaltigungs-Szene in "Irreversible", die einen Teil des Premierenpublikums in Cannes 2002 zum Verlassen des Saals bewegte, gilt der argentinisch-französische Regisseur als Provokateur und Enfant terrible der Zunft. Nach dem psychedelischen "Enter the Void" von 2009 wird auch sein neues Drama "Love" (Start: 26.11.), das jede Menge explizite Sex-Szenen enthält, daran kaum etwas ändern. Warum der Film trotz der Nähe zur Pornographie dennoch ein romantisches Liebesdrama bleibt, welche Rolle Moral bei der Kritik an ihm spielt, und wie sich sein Pornokonsum im Laufe der Jahre veränderte, erklärt Gaspar Noé im Interview.

teleschau: Die Debatte über ihren neuen Film "Love" begann bereits vor Veröffentlichung: Es sei ein Porno, Sie würden nur provozieren - das Übliche. Sind Sie schon genervt?

Gaspar Noé: Diese Diskussionen sind mir egal. Ich weiß, was ich tue. Dass ich richtig liege und auch, dass ich normal bin.

teleschau: Es ist für Sie ein ganz normales Liebesdrama?

Noé: Ich wollte mit "Love" keine anderen Filme oder Genres imitieren, sondern ein Melodram schaffen, das die Sucht nach Liebe porträtiert, sie in ihrer Essenz zeigt. Liebessucht ist immer auch mit der Chronologie der Liebesgeschichte verbunden: Verliebt man sich, erlebt man die wundervollste Zeit. Sobald die Blase platzt, man sich trennt, kann sich das zur schmerzhaftesten Erfahrung des Lebens wandeln.

teleschau: Eine Erfahrung, die Sie im Film aufarbeiten?

Noé: "Love" ist näher am Leben als alle meine vorherigen Filme. Aber es ist kein persönlicher Film, sondern mischt meine Erfahrungen mit Geschichten aus dem Leben von Freunden und Bekannten. Steckt man die alle in einen Mixer, kommt eine sehr universelle Geschichte heraus. Es ist doch so: Jede Frau hat eine verrückte Angst davor, dass ihr Freund eine Andere schwängert. Und die meisten Männer davor, dass ein One-Night-Stand zur Schwangerschaft führt. Das ist einigen meiner Freunde passiert.

teleschau: Existenzielle Erfahrungen also ...

Noé: Klar. Außerdem neigen wir alle zu dem Denken, die Liebe könnte uns davor retten, verloren zu gehen. Dabei verliert man sich manchmal umso mehr, wenn man verliebt ist. Du wirst blind, denkst es wäre das Tollste, mit dem Objekt deiner Begierde in einem Raum, im Swimmingpool oder auf der Tanzfläche zu sein. Du schottest dich in einer Blase ab, in der es taghell ist, während alles außerhalb wie Nacht erscheint. Das macht süchtig.

teleschau: Ein großer Teil dieser Sucht ist Sex, wie Sie in "Love" zeigen. Haben Sie den Film gemacht, weil es Liebesfilmen daran bisher mangelte?

Noé: Als ich vor 14 Jahren begann, daran zu arbeiten, überlegte ich: Welchen Film würde ich gern sehen, den ich bisher noch nirgendwo gesehen habe? Und das war ein Film, der die verschiedenen Bewusstseinszustände der Liebe abbildet. Hinzu kam, dass Liebe und Verliebtsein in Liebesdramen die Hauptthemen einer jeden Konversation sind, etwa in "Love Story" oder Scorceses "Age of Innocence", den ich sehr mag. Aber einen Teil zeigen diese Filme nicht: die nonverbalen Momente, die Verliebtsein so großartig machen.

teleschau: Das wollten Sie mit "Love" ändern?

Noé: Jahrelang träumte ich davon, einen solchen Film zu sehen. Es ist die Essenz des Lebens. Außerdem könnte ich es wohl nie genießen, einen Film über Bankräuber oder Kidnapper zu drehen. Das ist so weit entfernt vom echten Leben. Aber auch mein Film "Irreversible" war ein expressionistisches, surreales, schwarzhumoriges Drama - und nicht sehr realistisch. "Love" zeigt, was im richtigen Leben passiert.

teleschau: Wenn es das echte Leben ist - warum reagieren die Zuschauer dann so geschockt?

Noé: Deshalb war ich von den Reaktionen ja so überrascht. Plötzlich versteht man, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben. Gewalt und Grausamkeit im Kino scheinen kein Problem zu sein, während normaler liebevoller Sex als Gesicht des Teufels wahrgenommen wird. Und das in einer Gesellschaft, von der wir glauben, sie sei weiter entwickelt als die meisten religiös geprägten. Aber einen Penis kann man beispielsweise in den USA nicht zeigen. Es gab in den vergangenen Jahren vielleicht fünf US-amerikanische Kinofilme, in denen man Penisse sehen konnte. Maschinengewehre hingegen gibt es in jedem zweiten. Dabei ist ein Penis an sich nichts Schmutziges. Es ist auch kein Gewaltinstrument, sondern ein Freuden-Werkzeug.

teleschau: Eines, das in "Love" ausgiebig gezeigt wird - und das in 3D. Wenn Sie ehrlich sind: Haben Sie den 3D-Effekt wegen des Riesen-Penis gewählt, der in Richtung Publikum ejakuliert?

Noé: Nunja, vor allem wählte ich 3D, um ein größeres Maß an Intimität zu kreieren. Auf der anderen Seite gab es in meinem letzten Werk "Enter the Void" gegen Ende eine Aufnahme, in der ein Penis auf das Publikum zukommt und ejakuliert. Da der Film etwa zur selben Zeit wie "Avatar" ins Kino kam, sagten mir viele Leute: "Wie schade, dass dein Film nicht in 3D ist, dann wäre er direkt ins Publikum gekommen!" Das fand ich natürlich witzig, es öffnet den Film.

teleschau: Ist alles echt daran?

Noé: Es gibt auch computeranimierte Szenen, aber in dieser ist es der echte Penis des Darstellers. Ich hätte die Szene aber beinahe wieder rausgeschnitten. Schließlich sollte es ein Drama werden. Am Ende ist "Love" dann trotz seiner Melancholie aber lustiger geworden, als geplant. Deshalb ließ ich die Penis-Szene auch drin, der Film will sich nicht zu ernst nehmen. Es ist erneut wie im echten Leben: Du kannst auf einer Party lachen und ein paar Minuten später weinst du, weil du mit deiner Freundin gestritten hast.

teleschau: Haben Sie beim Dreh der Sex-Szenen überhaupt an die Reaktion des Publikums gedacht?

Noé: Nein, ich habe mich vor allem an meinem eigenen Geschmack orientiert. Und an der Frage: Wie zeigt man Menschen, die Sex haben? Manchmal ist die Löffelchen-Stellung genauso gut wie die animalischeren Momente. Ich wollte alles abbilden, den entspannten Sex ebenso wie den härteren. Einmal haben die Protagonisten in "Love" Sex wie Hunde, andere Male küssen sie sich nur leidenschaftlich. Zudem habe ich mich auch viel auf die Gesichter konzentriert. Wenn man im echten Leben Sex hat, sieht man - außer in gewissen Stellungen wie der 69 - vor allem das Gesicht des Partners. Die Genitalien sieht man gar nicht, eher den Mund, die Augen. "Love" zeigt auch davon viele Close-Ups, denn es geht vor allem um eigene Erinnerungen.

teleschau: Daraus schöpften Sie am meisten?

Noé: Ja, man filmt zwei Menschen beim Sex nicht unbedingt in einer Weise, die mit dem eigenen Leben nichts zu tun hat. Sondern denkt einfach an eigene Erfahrungen. Ich wollte auch bestimmte Bildwelten vermeiden, die man schon aus gewissen Genres kennt.

teleschau: Die allseits präsenten Porno- und Erotikfilme spielten also keine Rolle?

Noé: Die Wahrheit ist, ich schaue überhaupt keine Pornos auf dem Computer. Früher, mit 13 Jahren, machte mich wirklich jedes Bild einer nackten Frau an. Egal ob im Playboy oder in einem Unterwäsche-Katalog für ältere Damen. Ich konnte sogar masturbieren, wenn die Nachrichtenansagerin im Fernsehen von schlimmen Geschehnissen berichtete. Als Teenager war das wirklich extrem. Glücklicherweise lässt das nach ein paar Jahren nach, sodass du an andere Dinge denken kannst. Natürlich: Auf VHS schaute ich Pornos und Erotikfilme, das machte Spaß, sogar in Gesellschaft von Mädchen. Auch wenn ich echten Sex natürlich immer als viel aufregender empfand. Als dann jedoch alles auf DVD wechselte, interessierte mich Porno schon nicht mehr so. Gänzlich hörte ich mit dem Schauen von Pornos aber auf, als die nur noch im Netz zu finden waren. Für mich sind Computer zum Arbeiten da, nicht zum Entspannen. Das ist jetzt kein Scherz: Ich habe in meinem Leben kaum mehr als 40 Minuten Erwachsenen-Videos im Internet angesehen. Allerdings verbrachte ich Stunden um Stunden mit Erotik-Videokassetten.

teleschau: Sind die expliziten Sexszenen in "Love" auch als politische Statements gegen eine bürgerliche Moral zu verstehen?

Noé: Es ist kein politischer Akt. Ich wuchs in einer Welt auf, die meine Eltern zu verbessern versuchten. Mein Vater war Künstler, er sagte mir: "Nimm dir die Freiheit und mach was du willst". Doch ich fühle mich keiner Bewegung oder Religion verbunden. Noch nicht einmal einem bestimmten moralischen Statement. Moral hilft einem laut Definition, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Doch dafür muss man erst einmal an Gut und Böse glauben. Das tue ich nicht. Wir leben in einer organischen Welt, die mit einem bestimmten Code programmiert ist - aber es geht darin nicht um Gut und Böse, sondern um das Überleben der Spezies.

teleschau: Trotzdem lassen Moralvorstellungen die Menschen über Sex-Szenen in Filmen schimpfen, während Waffenszenen eher akzeptiert werden ...

Noé: Die westliche Welt ist sehr patriarchalisch. Zwar gab es die Frauenbewegung der 70-er, die viele Rechte erkämpfte. Trotzdem herrscht noch das männliche Dominanzstreben: Gesellschaften und einzelne Länder möchten andere dominieren. Das unterscheidet sich nicht groß von den vorherigen Jahrhunderten. Da gilt dann: Was immer die männliche Dominanz begünstigt, ist gut für die Gesellschaft. Und dafür braucht es Kämpfer. Die Männer in solchen Kämpfer-Gesellschaften besitzen ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken, da wird dann der Nachbar oder auch der Cousin zur potenziellen Gefahr. Denn ihre Ehefrauen und Freundinnen könnten sich von denen angezogen fühlen, während sie auf der anderen Seite der Erde kämpfen. Dann kommen sie wieder und die Frau ist von einem anderen schwanger.

teleschau: Deshalb kommen Kampfszenen in diesen Gesellschaften besser an als realistische Sexszenen?

Noé: Viele heterosexuelle Männer haben tatsächlich ein Problem damit, Liebe und Sex auf der Leinwand anzuschauen. Nach den Reaktionen auf den Film denke ich tatsächlich darüber nach, meinen Blick auf die Welt zu überdenken ...

teleschau : Inwiefern?

Noé: Die Welt ist rückständiger, als ich dachte. Ich wuchs in dem Glauben an eine freie Welt auf. Es gab die Hippies, Partys, Drogen, sexuelle Befreiung. Aber diese Türen scheinen heute verrostet. Es geht heute weltweit mehr um Dominanz, als das vor 50 Jahren der Fall war. Zentral ist dabei, das sexuelle Leben der Menschen zu kontrollieren. Auf Instagram darf man keine Nippel zeigen, sonst wird man gesperrt. Was ist an Nippeln falsch? Es war die erste Verbindung, die ich zu dieser Welt hatte. Das ist eine eigenartige Welt, in der einerseits überall Mutterfiguren verehrt werden, man andererseits aber keinen Nippel zu Gesicht bekommen darf.

Quelle: teleschau - der mediendienst