Virgin Mountain

Virgin Mountain





Leben lernen

Ungeheuer dick zu sein, hat zunächst mal Nachteile. Es passt einfach nicht in diese schöne, wohlgeformte Welt, die ihre Sympathien eben zuerst an Äußerlichkeiten ausrichtet. Aber Fúsi (Gunnar Jónsson) stört das nicht. Im Gegenteil: Eine Welt, die ihn ob seiner Unförmigkeit links liegen lässt, geht ihm wenigstens auch nicht auf die Nerven. Fúsi hat seine Ruhe und genießt sie. Doch dann plötzlich gerät so einiges durcheinander. Außenseiter trifft Frau und entdeckt sich neu - dem isländischen Regisseur Dagur Kári Pétursson war dem eigenen Bekunden nach natürlich klar, dass eine auf den ersten Blick filmisch verbrauchte Liebesgeschichte wie diese schnell mal auf Autopilot läuft, wenn man nicht aufpasst. Geschickt umschiffte er in seinem kleinen, ungemein charmanten Film "Virgin Mountain" die Klischees. Bei der Berlinale wurde die isländisch-dänische Koproduktion in diesem Jahr mit Begeisterung aufgenommen. Nun kommt sie in ausgewählte Kinos.

"Virgin Mountain" - das trifft es schon. Fúsi ist ein Berg von Kerl, schon Mitte 40, immer noch Jungfrau, und doch ruht er in sich. Er lebt bei seiner Mutter (Margrét Helga Jóhannsdóttir), trinkt Milch statt Kaffee, spielt mit Autos und Soldaten und träumt dennoch nicht von einem anderen Leben als von dem daheim in seinem berechenbaren isländischen Ort. Dass er ob seiner Körperfülle als Gepäckträger am Flughafen von den Kollegen gemobbt wird, stört ihn nicht wirklich. Wohl auch, weil er das Wort "Mobbing" sowieso noch nie gehört hätte und er es eben als normal empfindet. Fúsi ist Kind geblieben - nur ohne Stimmungsschwankungen oder unsinnige Träume, aber eben auch ohne Vorurteile.

So begegnet ihm die kleine Hera (Franziska Una Dagsdóttir), die ein Stockwerk weiter unten einzieht. Sie freut sich über ihren neuen Spielgefährten, und Fúsi genießt es, dass es da jemanden gibt, der ihn nimmt, wie er ist. Doch in einer Welt wie dieser ist dieses kleine Glück nicht mehr machbar in der Vorstellungskraft der Menschen. Sie denken anders, und so geht Heras Vater irgendwann dazwischen, als seine Tochter mal mit Fúsi ein Runde im Auto drehen will.

Es wirft den immer ein wenig depressiv wirkenden, aber eben auch sehr gemütlichen Kerl aus der Bahn, als er zu seinem Geburtstag die Teilnahme an einem Tanzkurs geschenkt bekommt. Längst hat der Betrachter zu diesem Zeitpunkt schon eine besondere Nähe zu diesem vordergründig einfachen, aber eben auch sehr komplexen Charakter aufgebaut. Ein Tanzkurs, das ist klar, wird ihn vor gewaltige Probleme stellen: die Kommunikation, die Nähe zu Frauen, das Erlernen von Schritten - es wäre ein weiter Weg. Und so macht Fúsi erst einmal kehrt und geht wieder. Doch dann lernt er dort doch die sympathische Sjöfn (Ilmur Kristjansdóttir) kennen, die auf den ersten Blick ein ganz normales Mädchen zu sein scheint.

Ungelenk stolpert er um sie herum. Er weiß nicht, was sie will, aber er gibt, was er zu geben hat. Beim lokalen Radiosender wünscht er sich für sie Dolly Partons "Islands in the Stream" - und weil Fúsi auf Hardrock steht, ist das schon eine Art Liebeserklärung. Eine Beziehung scheint dennoch Lichtjahre weit weg zu sein, zumal sich Sjöfn zunehmend wieder abwendet. Doch es ist nicht Fúsis Körperfülle, die sie zurückweichen lässt. Sie hat ihre eigenen Probleme, seelischer Art. Fúsi steht vor der größten, ja bislang einzigen echten Herausforderung seines Lebens ...

Es ist ein zauberhafter, authentischer, kleiner Film, der Dagur Kári Pétursson da gelungen ist. Einer, der die Augen und die Herzen öffnet hinein in eine Welt, um die sich Filmdeutschland ja kaum noch kümmert. Es geht um die einfachen Menschen. Um die, die irgendwie noch zurechtkommen und ihre Ruhe haben wollen. Die sich nicht von ihrem Handy treiben lassen. Die einen normalen Beruf haben. Die nicht besonders schlau, aber auch nicht besonders dumm sind. Auch sie können Geschichten erleben, die erzählenswert sind, ohne dass man gleich ins Extreme verfällt. Diese hier ist eine davon. Im Kino schaut man diesem Kerl voller Respekt und Interesse zu. Wenn sich am Ende der Betrachter fragt, wie er ihm im echten Leben begegnen würde, hat der Film schon viel erreicht ...

Quelle: teleschau - der mediendienst