Erinnerungen an Marnie

Erinnerungen an Marnie





Der letzte Sommer

Es ist vor allem ein Abschied: "Erinnerungen an Marnie" ist der vorerst letzte Film aus dem berühmten Studio Ghibli. Das 1985 von Hayao Miyazaki ("Prinzessin Mononoke", "Chihiros Reise ins Zauberland") mitbegründete japanische Animationsstudio legt eine Produktionspause von unbekannter Dauer ein. Das hatte Geschäftsführer Toshio Suzuki im Sommer 2014 verkündet. Der Grund: Neben Miyazaki hatte sich auch Mitgründer Isao Takahata ("Die letzten Glühwürmchen", "Die Legende der Prinzessin Kaguya") zur Ruhe gesetzt. Das bittere Lebwohl wird mit einem Film versüßt, der alles in sich vereint, was den Ghibli-Zauber über drei Jahrzehnte ausmachte: "Erinnerungen an Marnie" ist magisch und geheimnisvoll, traurig und schön, wehmütig und gütig. Ein Ghibli-Film, wie er rührender nicht sein kann.

Regisseur Hiromasa Yonebayashi ("Arrietty - Die wundersame Welt der Borger") spannt bedächtig und mit großer Sorgfalt einen narrativen Bogen, der den Zuschauer jederzeit mehr ahnen als wissen lässt, und in dem sich die Beziehungen der Figuren als immer komplexer erweisen. Obwohl sie doch einfach sind: Es gibt Anna, das Mädchen aus der Stadt. Sie ist in das kleine Küstendorf gekommen, um ihr Asthmaleiden zu kurieren. Und es gibt Marnie, das Mädchen aus dem mysteriösen, leerstehenden Haus in einer nur bei Flut gewasserten Bucht.

Marnie kommt aus einer anderen Zeit als Anna. Trotzdem treffen sie sich immer wieder: Wenn die beiden sich begegnen, fühlt sich das so echt an, dass man leicht vergisst, dass unsere Welt auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten beruht. Aber im Kino muss die Wissenschaft bekanntlich nicht immer eine Rolle spielen: Hier geht es um Geschichten, die erzählt werden wollen und die sich um den Zusammenhang zwischen Raum und Zeit nicht kümmern. Wie das alles zusammenhängt, offenbart sich am Ende, so schlüssig wie genial einfach.

"Erinnerungen an Marnie" basiert auf dem Roman "Damals mit Marnie: Glückliche Ferien am Meer" der britischen Autorin Joan G. Robinson und ist in erster Linie ein Film über das Kindsein mit all seinen Ängsten und Sorgen. Und es ist ein Film über diesen einen Sommer, in dem man zum ersten Mal entdeckt, wer man eigentlich ist. Anna reist dafür in eine traumhafte Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart erstreckt. Manchmal wirkt das alles wie ein Psychothriller, der aber mit derart leisen Tönen und sanfter Poesie daherkommt, dass er ohne Bedenken auch für Kinder geeignet ist.

Die stehen ohnehin im Mittelpunkt: Anna leidet nicht nur unter Asthma, sondern auch darunter, Waise zu sein. "Ich weiß, meine Eltern sind nicht absichtlich gestorben, als ich klein war, aber manchmal kann ich ihnen nicht verzeihen" - diesen tieftraurigen Satz sagt im Gespräch mit Marnie bei einem ihrer gemeinsamen Ausflüge im Mondlicht. Anna sucht sich selbst und findet ihre Sehnsüchte und Gefühle in Marnie gespiegelt - diesem fröhlichen, lebenslustigen Mädchen, mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt.

Dass auch Marnie nicht glücklich ist, erkennt Anna erst, als ihre neue Freundin spurlos verschwindet. Bei der Suche nach ihr erfährt das pubertierende Mädchen vor allem eine Menge über sich selbst. Bemerkenswert ist "Erinnerungen an Marnie" auch, weil Anna und Marnie mit ihrem Zauber fast vergessen machen, dass man in diesem Film viel darüber lernt, wie einsam und verlassen sich Kinder manchmal fühlen. Sie füllen die Traurigkeit mit einer leisen Güte, die nur Kinder und Greise ausstrahlen können.

Quelle: teleschau - der mediendienst