Johanna Christine Gehlen

Johanna Christine Gehlen





Mit Optimismus und dem richtigen Riecher

Immer öfter sprechen deutsche Schauspieler öffentlich über ihre finanzielle Schieflage und darüber, was es heißt, wenn Filmangebote über längere Zeit ausbleiben. Nur etwa zwei Prozent von ihnen, so wird geschätzt, können wirklich problemlos von dem Beruf leben. Mit lukrativen Hauptrollenangeboten wird auch Johanna Christine Gehlen nicht gerade überhäuft, aber dennoch bleibt die 45-Jährige gelassen und optimistisch. Eine "bedürftige Ausstrahlung, Existenzängste und eine ständige Wartehaltung" brächten auch nicht mehr Jobs ein - ganz im Gegenteil, ist die Hamburgerin überzeugt. So verhalf ihr ihre positive Einstellung auch zu der Hauptrolle in der neuen Utta-Danella-Verfilmung "Lügen haben schöne Beine" (Freitag, 20. November, 20.15 Uhr, im Ersten), in der sie eine betuchte Wirtschaftsmathematikerin spielt, die sich in einen einfachen Gärtner verliebt. Privat ist Gehlen mit ihrem Schauspielerkollegen Sebastian Bezzel verheiratet, mit dem sie zwei Kinder hat. Im Interview verrät sie nun, wie daheim die Rollen verteilt sind und warum sie in der Tat oft froh ist, wenn das Telefon still steht und niemand ihr eine Rolle anbietet.

teleschau: In "Lügen haben schöne Beine" geht es um ein Paar, das mit dem Problem zu kämpfen hat, dass er wesentlich weniger verdient als sie. Ist das 2015 tatsächlich noch relevant?

Johanna Christine Gehlen: In meinen Freundeskreis nicht. Aber es ist noch zu beobachten, dass es fast immer die Frauen sind, die ihren Karriereweg unterbrechen, wenn Kinder ins Spiel kommen. Durch die Elternzeit ist es ja theoretisch möglich, dass die Frau das Kind bekommt und ein Jahr später auf ihren alten Posten im Job zurückkehrt.

teleschau: Immer noch werden in Deutschland Mütter, die ihre Karriere trotz Kind stringent weiterverfolgen, mithin schief angesehen ...

Gehlen: Ja, das ist schlimm, gegen was für eine schlechte Energie sich eine Frau da manchmal wehren muss. Aber auch den Männern wird häufig suggeriert: "Was bist du denn für ein Weichei, dass du zu Hause beim Kind bleibst!" Es gibt immer meckernde Geister in der Gesellschaft, aber auch genug Paare, die vorleben, dass eine andere Form der Rollenverteilung klappt.

teleschau: Ihr Mann, Sebastian Bezzel, ist ja ebenfalls Schauspieler. Fällt die Rollenverteilung zu Hause leichter, wenn beide im selben Beruf arbeiten?

Gehlen: Das ist leider nicht ganz so einfach, wie man sich das vorstellt. Im Gegensatz zu Menschen mit einem Bürojob, findet unsere Arbeit meist nicht in derselben Stadt statt. Ich kann meine Kinder leider nicht jeden Abend ins Bett bringen. Als Schauspieler muss man immer darauf achten, wo man dreht, wie lange man weg bleibt und so weiter Es ist momentan ein Riesenglück, dass ich hier in Hamburg intensiv Theater spielen kann - am St. Pauli Theater. Andere müssen auf Tournee gehen und sehen ihre Kinder wochenlang nicht. Die Beweglichkeit eines Schauspielers ist manchmal schwierig zu organisieren. Wenn Sebastian arbeitet, dann findet das immer außerhalb von Hamburg statt. Dann bin ich alleine mit den Kindern. Wenn wir beide gleichzeitig drehen und nicht in Hamburg sind, dann springt meine Mutter ein. Anders ginge es nicht. Es hört sich also schicker an als es ist (lacht).

teleschau: Haben Sie wegen der Kinder schon Rollen zurückgewiesen?

Gehlen: Ja! Alleine dieses Jahr habe ich schon drei Filme abgelehnt, und mein Mann macht das auch. Das muss man, sonst wirst du verrückt, wenn du jede Rolle annimmst. Ich glaube nicht daran, dass man jede Arbeit immer machen muss. Das habe ich schon immer so gehandhabt, und bisher bekommt mir das sehr gut. Man muss einen Riecher dafür entwickeln, was man gerne macht und was einen beruflich auch weiterbringt. Zum Beispiel zu sagen: "Okay, da mache ich nur drei Drehtage, aber dafür lerne ich einen Regisseur am Set kennen." Oder dass ich zurzeit sehr viel Theater spiele mit tollen Kollegen, weil es Spaß macht, ich viel lerne, ich mich ausprobieren kann und ich dabei in meiner Stadt bei den Kindern sein kann - da ist es irrelevant, dass ich da weniger verdiene als vor der Kamera.

teleschau: Von Existenzängsten also keine Spur?

Gehlen: Glücklicherweise neige ich nicht zu Existenzangst! Ich glaube, wenn man positiv entscheidet und nicht aus einer Angst heraus, dann vermittelt man das auch der Außenwelt. Man hat dann auch keine bedürftige Ausstrahlung, sondern man vermittelt, dass man seinen Beruf gerne ausübt. Das macht viel aus!

teleschau: Können Sie verstehen, dass viele Schauspieler, die finanziell zu knapsen haben, das nicht ganz so positiv sehen können?

Gehlen: Jeder Job hat seine Vor- und Nachteile. Aber ich würde nicht tauschen wollen. Ich habe einen Vater, der Schauspieler und Regisseur ist. Der hat glücklicherweise immer eine sehr fatalistische Art gehabt, mit dem Beruf umzugehen. Wenn er wenig als Schauspieler zu tun hatte, wechselte er ins Regiefach oder hat gemalt und Musik gemacht. Das war für mich ganz toll, das so vorgelebt zu bekommen: dass der Beruf dich nicht glücklich macht, sondern dass man selbst auch daran teilhaben kann, damit glücklich zu werden. Man darf nicht in passiver Wartehaltung verharren. Ganz ehrlich: Obwohl ich in einer Schauspielerfamilie großgeworden bin, heißt das nicht, dass ich mir nicht auch einen anderen Beruf hätte vorstellen können, der mich glücklich macht. Und das schützt mich. Ich bin nicht abhängig von der Karriere. Ich habe mich entschieden, mich von dem Beruf nicht auffressen zu lassen. Das ist eine innere Haltung. Das muss nicht nur ein Schauspieler so handhaben, sondern mit Sicherheit auch ein Chirurg oder ein Lehrer. Man darf sich nicht aus der Bahn werfen lassen, wenn es mal nicht optimal läuft.

teleschau: Gab es nie finanzielle Engpässe?

Gehlen: Ich habe noch nie ohne Geld dagestanden, denn ich bin jemand, der nach Einnahmen ausgibt. Verdiene ich viel, gebe ich viel aus und wenn nicht dann nicht. (lacht) Ich kann das gut regulieren. Vielleicht komme ich deshalb auch nicht in diese bekannte Stresssituation: "Warum ruft mich keiner an und gibt mir einen Job?" Das meine ich jetzt überhaupt nicht arrogant, aber ich bin oft froh, wenn keiner anruft.

teleschau: Wie bitte?

Gehlen: Mein Leben ist so vollgestopft, dass ich mir dann denke: "Oh, das jetzt noch!" Denn wenn ich mich für ein Projekt entscheide, dann möchte ich mich diesem auch intensiv widmen. Eine Rolle beschäftigt mich dann dauerhaft: Das ist nicht nur Text lernen, sondern man versetzt sich in die Rolle, und die Figur begleitet mich sogar in den Träumen. Da sollte man eigentlich abschalten. Schauspielerei ist eben kein Beruf, in dem man nach Feierabend die Tasche in die Ecke stellt und frei ist. Ich neige dazu, mir eher zu viele Gedanken zu machen. Deshalb sind ein paar Pausen zwischen den Jobs wichtig für mich. Und die Gelassenheit schöpfe ich daraus, dass mich die Projekte, die ich annehme, komplett ausfüllen. Einen Job, der mich langweilen würde, wäre für mich nie eine Alternative.

Quelle: teleschau - der mediendienst