Tobias Moretti

Tobias Moretti





Wer war Luis Trenker?

War es der pure Zynismus? "Andere Zeiten, andere Werte": So hat es Luis Trenker mit über 90 Jahren einmal gesagt. Für den Österreicher Tobias Moretti (56) war dieser Satz, wie er nun im Rückblick betont, ganz entscheidend, als er sich für Wolfgang Murnbergers Biopic "Luis Trenker - Der schmale Grat der Wahrheit" die Rolle des 1990 im Alter von 97 Jahren verstorbenen Alpinisten, Filmemachers und Geschichtenerzählers einverleibte. Selbstredend ist der erstaunlich heiter geratene Film, der am Mittwoch, 18. November, 20.15 Uhr, im Ersten läuft, eine Schau, und natürlich ist Moretti, der schon so viele herausfordernde Charaktere verkörperte, eine Wucht in dieser intensiven Rolle. Aber den Zugang zur wegen seiner Nähe zu den Nazis nie unumstrittenen Südtiroler Film- und Bergsteigerlegende macht auch dieses Werk, das sich im Wesentlichen auf Trenkers Leben während des sogenannten Dritten Reichs konzentriert, kaum leichter. Moretti sagt heute, dass er ihn schon mag, den Trenker - aber halt nicht ohne Wenn und Aber. "Andere Zeiten, andere Werte" - was er darunter versteht, erklärt der Schauspieler nun mit der ihm eigenen Leidenschaft im Interview.

teleschau: Luis Trenker bleibt ein Mysterium: Für die einen ist er nach wie vor die Südtiroler Kultfigur, ein Held der Historie, für die anderen das genaue Gegenteil. Was ist er für Sie?

Tobias Moretti: Das kann ich nicht in einem Satz beantworten. Da sind so viele Facetten, die man berücksichtigen muss.

teleschau: Aber Sie haben ihn sich regelrecht einverleibt: Sie standen wochenlang als Trenker vor der Kamera ...

Moretti: Ja, natürlich, da kommt man einem Charakter zwangsläufig sehr nahe. Für mich als Schauspieler war Trenker eine reizvolle Figur. Aber auch ein Mensch, auf den man in einem solchen Film nur aus einer historischen und kritischen Distanz, vielleicht auch mit einer gewissen Ironie blicken kann - so bin ich an die Rolle herangegangen. Und dann habe ich mich aus einiger Entfernung vorgearbeitet, Schicht für Schicht freigelegt, und hatte anschließend das Gefühl: Die Mühe war nicht umsonst. Der Nebel hat sich etwas gelichtet.

teleschau: Wo sind Sie schließlich angekommen?

Moretti: Bei einem Menschen, der Epochen durchschwommen und sich immer arrangiert hat und am Schluss trocken aus dem Wasser gestiegen ist.

teleschau: Wie konnte ihm das gelingen?

Moretti: Setzt man Luis Trenker in den richtigen Kontext, kristallisiert sich doch heraus, dass er ein Mensch mit großem Charisma war und eine sehr emphatische Person. Er konnte erzählen und die Leute mitreißen. Er wollte etwas und hatte einen eigenen Anspruch - auch eine eigene Ästhetik, als studierter Architekt, der das bewegte Bild für sich entdeckt hat. Der Mann war sicher faszinierend und nicht umsonst eine Ikone seiner Zeit. Mir war er trotzdem lange sehr befremdlich.

teleschau: Weshalb?

Moretti: Zum einen in seiner Verdrängung, mit der er alles ausgeblendet hat, was ihm nicht ins Bild passte. Dann auch, weil ich ihn als Schauspieler für dilettantisch hielt. Bis mir klar wurde, dass auch das mit seinem zeitlichen Umfeld zu tun hatte. Er war mitten in den Expressionismus und auch in das maskuline Weltbild der damaligen Zeit hineingeboren. Diese hölzerne Männlichkeit zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Und so ging er eben seinen Weg: Er war ein Pionier in seiner Filmästhetik, ein Abenteurer, der mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein ausgestattet war und schnurstracks auf seine Ziele zusteuerte.

teleschau: Heute würde man wohl sagen, er war schmerzbefreit!

Moretti: (lacht) Ja, das trifft es gut. Trenker war schmerzbefreit, auch in der Peinlichkeit.

teleschau: Er hat Hitler völlig ungeniert seinen Freund genannt.

Moretti: So wollte er sich wohl die Schergen der Nazis vom Leibe halten und hat sich gewisse Vorteile als Filmemacher und Künstler erhofft. Sein Charakter war eben ein ganzes Kaleidoskop - da waren Naivität, Kalkül, Bauernschläue, Intelligenz, Reflexion, Egomanie und gnadenloser Opportunismus, all das war Trenker.

teleschau: Dürfen wir über ihn urteilen?

Moretti: "Andere Zeiten, andere Werte", hat Trenker am Ende mit über 90 Jahren einmal resümiert. Das ist für mich entscheidend. Das war kein Zynismus. Wenn man den Satz nicht als moralische Rechtfertigung versteht dafür, dass man sein Fähnchen nach dem Wind dreht, sondern als Beschreibung unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der Werte ständig relativiert werden, dann ist er wahr.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Moretti: Kulturelle Strukturen und unsere kulturelle Identität lösen sich gerade rasend schnell auf, aber kaum einen scheint es zu interessieren - das hat weniger mit der so angstvoll beobachteten Zuwanderung zu tun, als vielmehr mit der Tatsache, dass wir uns nur noch über das Materielle definieren. Hinzukommt eine um sich greifende Beliebigkeit, oder besser: eine Nivellierung von Eigenheiten, von Individualitäten. Wir schauen meiner Meinung nach zu wenig voraus, sondern glauben viel zu sehr an das Hier und Jetzt. Wir glauben an unsere aufgeklärte, digitalisierte und materialistische Welt und sehen dieses Lebensmodell als den einzigen Weg an - dabei sieht für folgende Generationen womöglich wieder alles anders aus. Die Prämissen, auch die politischen Spielregeln und die Leitbilder, können sich drastisch verändern. Da trifft es dann zu: "Andere Zeiten, andere Werte".

teleschau: Im Film nimmt Luis Trenkers Wirkung auf das weibliche Geschlecht breiten Raum ein. Was hat ihn so anziehend gemacht?

Moretti: Ich glaube, es war das ganz ungebrochene und nicht hinterfragte Selbstverständnis, das er von seiner Männerrolle hatte. Außerdem war er zwar eine sehr maskuline Erscheinung, aber er zeigte nach außen auch sanfte Seiten. Er konnte gut mit Kindern umgehen, er liebte die Tiere und die Natur - die Mischung wirkte auf Frauen. Der Trenker war ein Prototyp. Oder besser: Er war der Prototyp einer Projektion.

teleschau: Und er war extrem ehrgeizig und opportunistisch. Ein großer Aufschneider und ein Karrierist.

Moretti: Natürlich. Deswegen wäre er, glaube ich, auch heutzutage sehr erfolgreich. Er hatte dabei immer die Aura, als wäre er authentisch.

teleschau: Ist es nicht überaus heikel, eine Figur zu verkörpern, die einerseits so schwer zu interpretieren ist und deren komplette Biografie andererseits jeder sofort googeln kann?

Moretti: Ja. Aber es ist grundsätzlich eine schwierige Angelegenheit, so eine historische Biografie zu spielen.

teleschau: Inwiefern?

Moretti: Man kann sein eigenes Ich nicht außen vorlassen, wenn man eine Figur verkörpert, und man muss da eine Schnittmenge finden. Das braucht es, um bei der Darstellung zu einer Authentizität zu finden.

teleschau: Wie gelang Ihnen das?

Moretti: Vor allem über Recherche. Es gibt zum Glück viel Material, auch private filmische Einblicke, aus denen ich viel ziehen konnte, sowie natürlich all das Material, das er als Filmemacher, Geschichtenerzähler und Alpinist hinterlassen hat. Man darf nicht vergessen, dass Trenker im Grunde auch der Erfinder des touristischen Marketings war. Er lud die Deutschen in die Südtiroler Berge ein, die er als heile, wildromantische Welt inszenierte.

teleschau: Es heißt, Südtirols anderer legendärer Alpinist, Reinhold Messner, sei nicht gut auf ihn zu sprechen.

Moretti: Das habe ich auch mal gehört. Vermutlich, weil er ihn persönlich erlebt hat und ihn natürlich als Bergsteiger richtig einschätzen kann. Wie gesagt, Trenker war natürlich ein Aufschneider und als Filmemacher auch ein verrückter Hund, der die Kameraleute in den Bergen in lebensgefährliche Situationen schickte.

teleschau: Und Sie? Mögen Sie Luis Trenker, nach all dem, was Sie heute über ihn wissen, vielleicht sogar ein bisschen?

Moretti: Ja, trotz aller Widersprüchlichkeit und auch Befremdlichkeit, die er für mich hat. Also nicht ohne Wenn und Aber, klarerweise, sondern in dem Kontext, in dem wir ihn im Film erzählen.

Quelle: teleschau - der mediendienst