Tim Oliver Schultz

Tim Oliver Schultz





"Ich ging an meine Grenzen"

Er spielte in die "Welle", "Alarm für Cobra 11" und im "Polizeiruf 110": Tim Oliver Schultz, 27, hat in seiner jungen Schauspielkarriere schon viele Rollen eingenommen. Ganz neu für ihn ist jetzt die von Leo, einem schwer kranken Jungen in der Dramedy-Serie "Club der roten Bänder" (ab 9.11., immer montags, 20.15 Uhr, Vox), nach einem Buch von Albert Espinosa. Kein leichter Stoff: Die außergewöhnliche Geschichte geht unter die Haut, sie dreht sich um eine Gruppe Jugendlicher, die auf der Krebsstation zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenwachsen. Ein Gespräch mit Schultz über Angst vor Schicksalsschlägen, eigene Krankenhauserfahrungen und den schwierigen Umgang mit dem Thema Tod.

teleschau: Tim, wann waren Sie zuletzt im Krankenhaus?

Tim Oliver Schultz: 2007 - Blinddarm. Werde ich nie vergessen: Ich lag im Krankenhaus, und es hieß: "Sofort operieren!" Ich musste aber noch mal raus und zur letzten Castingrunde für "Die Welle". Ich bin gegen ärztlichen Rat dahin, dann direkt wieder zurück, wurde operiert und blieb eine Woche im Krankenhaus. Länger als eine Woche musste ich zum Glück nie im Krankenhaus bleiben.

teleschau: Für "Club der roten Bänder" haben Sie sich mit einem ehemaligen Krankenhausdauergast und Krebspatienten auf die Rolle des "Leo" vorbereitet. Was haben Sie mit ihm erlebt?

Schultz: Ich habe ihm Tausende, für ihn teilweise albern scheinende Fragen über den Alltagsablauf auf der Kinderstation gestellt. Ich wollte Leos Zuhause - seit zwei Jahren ist es das Krankenhaus - genau kennenlernen, um mich zu 100 Prozent in die Rolle hineinversetzen zu können. Wie geht man mit dem stets präsenten Thema Tod um? Wie sind er und seine Freunde dort so eng zusammengewachsen? Ich wollte verstehen, wie er behaupten konnte, dass es auf eine Art mit die schönste Zeit seines Lebens war. Wir waren auf seiner ehemaligen Station, und ich quetschte Pflegerinnen und sogar den Oberarzt aus. Alle waren super hilfsbereit und unglaublich offen.

teleschau: Was genau haben Sie denn von dem Patienten gelernt?

Schultz: Er half mir, zu verstehen, wie sich die Qualen der Chemotherapie genau anfühlen. Außerdem erzählte er von jungen Kids, die plötzlich während der Therapie anfingen, Mozart zu hören und wirklich nichts lieber als sterben wollten. Einer wurde dann mal mit einem sehr aufgeweckten, lustigen Jungen aufs Zimmer verlegt, und der baute ihn auf seine ganz natürliche Art wieder total auf.

teleschau: Und welche Eigenschaften des Patienten haben Sie später mit in "Leo" genommen?

Schultz: Beispielsweise berichtete er mir von Streichen und Unsinn, den sie gebaut haben. Leo und seine Freunde machen das auch. Oftmals hieß es beim Dreh: "Das macht man doch nicht ... das ist doch ein Krankenhaus!" Und meine Antwort war dann immer: "Deswegen doch erst recht! Wir sind Kinder!" Ansonsten ist Leo schon sehr speziell, und ich habe mehr in mir selbst nach ihm gesucht.

teleschau: Sie haben einmal gesagt, Sie hätte Leos ständige Kampfbereitschaft gereizt. Die kennen Sie sicher selbst, als ambitionierter junger Schauspieler.

Schultz: Mein Job und dazu auch noch mein Studium (Filmproduktion an der Filmhochschule dffb in Berlin, d. Red.) verlangen schon einiges an Kampfbereitschaft und Durchhaltevermögen. Aber immer wieder aufs Neue gegen seinen eigenen Tod und den von seinen besten Freunden zu kämpfen, sich mehr als hundertmal unglaublichen Höllenqualen, nämlich den Chemo-Sessions, zu unterziehen, ist schon eine ganz andere Art des Kampfes. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, aber ich ging wirklich an meine Grenzen, den Kämpfer Leo mit seiner kindlichen Art und dann wieder unvorstellbar weisen Reife in mir zu finden und natürlich zu verkörpern.

teleschau: Sind Sie denn an sich ein "Löwe", wie Sie selbst Leo nennen? Ein Alphatier?

Schultz: In der Serie gibt es ja die Definition einer Gang: Jede Gang hat einen Anführer, einen zweiten Anführer, den Schlauen, den Hübschen, den guten Geist und Das Mädchen. Und am ehesten und liebsten bin ich ehrlich gesagt wirklich: der Anführer. (lacht)

teleschau: Wann haben Sie zuletzt anführermäßig und mit unbedingtem Willen für etwas gekämpft?

Schultz: Ich bin gerade dabei, meinen Abschlussfilm an der Filmhochschule zu finanzieren. Das ist bemerkenswert schwer, zäh und langwierig. Ich stehe aber absolut hinter dem Projekt und gebe nicht auf.

teleschau: Wann haben Sie zuletzt einen Kampf aufgegeben?

Schultz: Mit der Zeit habe ich irgendwie aufgehört, mir Ziele zu setzen, die ich nicht erreichen kann.

teleschau: Zurück zu "Club der roten Bänder": Einige der schwerkranken Kinder und Jugendlichen haben während ihrer verschiedenen Therapien oftmals Lust auf das Schlimmste: den Tod. Können Sie das verstehen?

Schultz: Es ist sehr schwierig, sich das vorzustellen. Als Schauspieler will ich es stets erreichen, mich in alle Situationen, die meine Rolle erlebt, hineinzuversetzen. In den Szenen, in denen Leo die Chemo erleidet, war ich selber wirklich wahnsinnig schwach und mir liefen ständig einfach so Tränen die Wangen herunter. Ich hoffe, dass ich niemals in die Situation komme, dass ich das wirklich selber fühle, aber nachvollziehen kann ich es, ja.

teleschau: Haben Sie bereits eine Krebserkrankung im engeren Verwandtenkreis begleitet?

Schultz: Einer meiner besten Freunde hat vor sechs Jahren die Diagnose Leukämie bekommen. Das war ein unglaublicher Schock, da ich überhaupt nicht wusste, was das genau bedeutet. Wenn die Serie dazu beiträgt, dass Menschen weniger tabuisieren und sich mit schweren Krankheiten mehr beschäftigen, wäre das toll. In Spanien haben sich die Besucherzahlen auf Kinderkrebsstationen nach Ausstrahlung der spanischen Version von "Club der roten Bänder" um 40 Prozent gesteigert. Heute geht es meinem Freund übrigens wieder richtig gut.

teleschau: Und wie ist es mit Angst vor einer eigenen schweren Krankheit? Gibt es diese Angst? Oder denken Sie: Was auch kommt, ich schaffe das!

Schultz: Ich denke, dass ich mich ziemlich gut auf verschiedene Lebenssituationen einstellen kann. Natürlich wäre es scheiße, wenn eine Krankheit mein Leben oder das meiner Familie beeinträchtigt, aber ich bin ziemlich zuversichtlich, dass ich das Beste daraus machen würde. Ein Schicksalsschlag in der Familie führt einem oft den einzigartigen Wert und die Endlichkeit des Lebens vor Augen.

teleschau: Haben Sie so etwas wie ein Lebensmotto, das Sie immer weiterbringt?

Schultz: Ich mache das Beste aus allem, was auf mich zukommt und sich entscheidet, meinen Weg mit mir zu gehen.

Quelle: teleschau - der mediendienst