Woody Allen

Woody Allen





Alter Meister in ewiger Krise

"Es gibt keinen Vorteil am Altern, egal wie Sie es drehen", beteuerte Woody Allen vor wenigen Jahren einmal. "Man erlangt keine plötzliche Weisheit, kein tieferes Verständnis fürs Leben. Sie hassen immer noch jeden, der sie mal schlecht behandelt hat." So ist das im fatalen Existenzialismus des ewigen Stadtneurotikers: keine Hoffnung, nirgends. Dass dem New Yorker Feuilletonliebling auch im hohen Alter ein entspannterer Blick aufs Leben abgeht, liegt sicher zu nicht geringem Teil an seinen immer wieder aufkommenden privaten Schlammschlachten. Künstlerisch indes läuft es für den Prototypus des filmschaffenden Intellektuellen trotz regelmäßiger Durchhänger reibungslos: Am 12.11. erscheint mit "Irrational Man" zuverlässig sein jährliches Werk. Die fatale Midlife-Crisis, die der Hauptprotagonist darin erlebt, hat Woody Allen entweder schon lange oder nie überwunden. Das ist nur schwer zu fassen beim Meister, der am 1. Dezember 80 Jahre alt wird.

"Das Leben ist im Prinzip traurig", versicherte Allen ebenso, "nicht nur, weil wir alle sterben müssen, sondern an und für sich. Für mich ist das Glas nicht halb voll oder halb leer, sondern absolut leer." Woody Allen zählt zu den Menschen, die das Leben derart tragisch nehmen, dass sie gar nicht anders können, als sich permanent durch kultivierte Kalauer davon abzulenken.

Aus Angst vor der tödlichen Stille plappern Allens Filmhelden ohne Unterlass, und aus Angst vor dem großen Sinnvakuum dreht der schmächtige Schrat einen Film nach dem anderen. Über 50 sollen es verlässlichen Schätzungen zufolge inzwischen sein. Ein Meilenstein, sagt der Künstler selbst, befinde sich indes nicht darunter. Auch deshalb drehe er so viel. Weil er hoffe, irgendwann doch noch etwas vom Schlage "Citizen Kane" zu vollbringen - wiewohl er ja eigentlich wisse, dass ihm das Vermögen hierzu abgehe.

Zur Hälfte stimmt das vielleicht. Zur anderen ist es natürlich die Koketterie eines Mannes, der vier Oscars sein eigen nennt (1978 für Drehbuch und Regie zu "Der Stadtneurotiker", 1986 für das Skript zu "Hannah und ihre Schwestern", 2012 für das Drehbuch zu "Midnight in Paris"). Persönlich entgegengenommen hat er die Trophäen der verhassten Unterhaltungsindustrie nicht. Dennoch ist das keine schlechte Bilanz für einen ehemaligen Schulversager, der anfangs Gags für fünf Dollar verkaufte und für sein Regiedebüt "Woody - der Unglücksrabe" (1969) einen Schnellkurs in Filmtechnik absolvierte: "Das Zeug über Kameras und Belichtung kann man in zwei Wochen lernen."

Die 70-er waren das Jahrzehnt der Allenschen Großstadtkomödie - am trefflichsten: das nostalgische Schwarz-Weiß-Gedicht "Manhattan" von 1979 - samt seiner obligatorischen Musen. Der quasselnde Clown schmückte sich vor und abseits der Kamera mit Schönheiten wie Diane Keaton und später Mia Farrow. Im Januar 1992, fünf Jahre nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes Satchel, endete die Beziehung zu Frank Sinatras Ex-Frau in einer Schlammschlacht, die über Monate hinweg für Schlagzeilen sorgte. Mia Farrow hatte herausgefunden, dass ihr damals 56-jähriger Lebensgefährte mit der 19-jährigen Adoptivtochter Soon-Yi ein Verhältnis hatte.

Der Skandal gipfelte in Mia Farrows Behauptung, Allen habe die andere Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht. Diese meldete sich zwei Jahrzehnte später dann auch selbst zu Wort: In der "Vanity Fair" warf die inzwischen Endzwanzigerin 2013 ihrem Adoptivvater vor, sie im Alter von sieben Jahren vergewaltigt zu haben. Anfang 2014 wiederholte sie ihre schwerwiegende Anschuldigungen in einem offenen Brief in der "New York Times" - die Debatte flammte wieder auf. Allen berief sich daraufhin in einem Statement seinerseits auf die Untersuchungen der Behörden, die damals keine Anzeichen für einen Missbrauch erkennen konnten. Ebenfalls in der "New York Times" bestritt er in einer ausführlichen Erklärung jegliche Missbrauchsvorwürfe gegen ihn, griff indes Farrow scharf an.

Ob Allen sich nun schuldig gemacht hat oder tatsächlich Opfer einer Schmutzkampagne wurde: Der medial breit diskutierte Skandal überschattete das Spätwerk des Meisters. Gerade weil seine augenzwinkernde Selbstinzenierung als intellektueller Frauenheld dadurch einen gehörig bitteren Beigeschmack erhielt. Selbstverständlich hielt das Allen auch im hohen Alter nicht davon ab, sich immer wieder neue junge Musen zu suchen: Für seine "europäische Phase" seit "Match Point" 2005 fand er Scarlett Johansson, beginnend mit "Magic in the Moonlight" scheint er in den letzten Jahren Emma Stone für sich entdeckt zu haben.

Aller Anklage zum Trotz stellt Woody Allen beharrlich Film um Film fertig, spielt zudem öffentlich Klarinette, gibt Jazzkonzerte und inszenierte gar eine Oper. 2011 ehrte ihn mit "Woody Allen - A Documentary" erstmals eine ausführliche Kino-Biografie. Zum ausgelagerten Relikt oder kanonisiert wurde der Arthouse-Star dadurch lange nicht: In John Turturros Komödie "Fading Gigolo" stand er nach längerer Pause 2013 selbst wieder vor der Kamera. Im gleichen Jahr gelang dem Fließbandfilmproduzenten eines jener Meisterwerke, einer jener Meilensteine, von denen er behauptet, dass sie ihm nicht gelängen: "Blue Jasmine", eine Adaption von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", geriet zum Kritikerliebling und erhielt drei Oscarnominierungen: Hauptdarstellerin Cate Blanchett staubte einen der begehrten Goldjungen ab.

Auch von eingestaubten Standards möchte sich der rastlose Sohn Brooklyner Juden, der sich aus Trends sonst nichts machte, mit 80 befreien: Momentan arbeitet Allen sogar an einer eigenen Serie für Amazon. Ob dies ihn als Cineasten, der das Kino über alle Maßen liebt und dessen Geschichte entscheidend mitprägte, letztlich befriedigt, muss sich noch herausstellen. Zwischenzeitlich gab sich Allen über die Zusammenarbeit mit dem Internet-Giganten jedenfalls zerknirscht.

Selbst wenn das Experiment scheitern sollte - so einige herausragende Werke des Königs der Tragikkomödie darf man womöglich noch erwarten: "Aufhören werde ich erst, wenn mir keiner mehr Geld gibt und meine Gesundheit nicht mehr mitmacht.", verriet er im Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau. Des Filmedrehens ist er auch mit 80 lang noch nicht überdrüssig: "Ich arbeite mit kreativen Leuten, wunderschönen Frauen und charmanten Männern zusammen. Es ist ein sehr angenehmer Zeitvertreib." Wohl nie hat ein Zeitvertreib eines alten Mannes so vielen Menschen Genuss und Freude beschert.

Arte ehrt den Jubilar mit einer kleinen Hommage:

Di., 30.11., 20.15 Uhr, arte: "Der Stadtneurotiker"

Di., 30.11., 21.45 Uhr, arte: "Woody Allen - A Documentary"

Quelle: teleschau - der mediendienst