Christoph Waltz

Christoph Waltz





Das Krokodil hat scharfe Zähne

Der in Wien geborene Schauspieler Christoph Waltz ist heute sicherlich der erfolgreichste Schauspieler aus dem deutschsprachigen Raum. Quentin Tarantino katapultiere ihn mit seinen Rollen in "Inglourious Basterds" (2009) und "Django Unchained" (2012), für die er jeweils mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, in die allererste Reihe Hollywoods. Nach Arbeiten für Roman Polanski und Woody Allen brilliert er als perfides Genie in "James Bond 007: Spectre" (Start: 5.11.), dem 24. Einsatz des britischen Agenten. In Berlin - neben Los Angeles Wahlheimatstadt von Waltz - stand der 59-Jährige zum Interview bereit.

teleschau: Sie sprechen mehrere Sprachen fließend. In welcher Sprache und noch wichtiger, mit welcher Grammatik, haben Sie die Rolle angelegt?

Christoph Waltz: Jeder Mensch hat seine eigene Grammatik. Das Interessanteste an dieser Arbeit ist, die Grammatik des Individuums zu finden. Die Rolle hat natürlich keine sehr ausführlichen Möglichkeiten, sich gegen den Schauspieler zu wehren. Sperren kann sie sich schon, aber das ist kein aktiver Beitrag der Rolle, sondern eher ein reaktiver Beitrag des Schauspielers. Das ist eine sehr gute Perspektive, das als Grammatik zu betrachten.

teleschau: Woher kommt das?

Waltz: Drehbücher haben diese Zwitterform, da sie weder literarisch noch filmisch sind. Sie sind zwar in geschriebener Form, dienen aber als Vorlage für einen Film. Ein Drehbuch hat als eigene Kunstform schon eine eigene Grammatik. Dem auf die Schliche zu kommen, ist das Interessanteste.

teleschau: Machen Sie das vor oder während des Drehens?

Waltz: Ich mache das gerne vorher, aber das heißt nicht, dass man nicht während des Drehens noch bemerkt, dass man in eine falsche Richtung geprescht wird, Dinge versäumt oder vorher falsch sah. Dann muss man versuchen, die Handbremse oder den Rückwärtsgang reinzuhauen. Das ist schwierig beim Film. Beim Theater hat man genau dazu die Proben. Beim Film ist man vielleicht schon kilometerweit in die falsche Richtung gefahren. Da man das nicht alleine macht und der Regisseur nicht zuletzt darauf ein Auge hat, ist das eine Vertrauenssache.

teleschau: Welcher war der erste Bond, den Sie gesehen haben?

Waltz: Ich bin viel zu jung für diese Frage.

teleschau: Haben Sie die Bond-Filme denn gerne gesehen? Sind Sie Fan?

Waltz: Ja, die habe ich gerne gesehen, aber man muss nicht alles als Fan bejubeln. Einige gefielen mir sehr gut, andere nicht so sehr. Ich habe die Filme immer eher als Phänomen betrachtet.

teleschau: Hätten Sie sich jemals vorstellen können, in einem mitzuspielen?

Waltz: Komischerweise nicht. Das Phänomen als solches war so präsent, dass ich mich persönlich nie in diesen Zusammenhang gesetzt hätte. Das klingt vielleicht blöd, aber ich bewege mich zu lange in dieser Sache, um zu wissen, dass solche Wünsche und Aspirationen einen nicht weiter bringen.

teleschau: Sie beschreiben Bond als Phänomen. Was genau ist denn das Phänomenale an ihm?

Waltz: So genau weiß ich das nicht. Ein paar Dinge stellen sich schon sehr unterschiedlich zu anderen Filmen dar. Zuerst einmal, dass es 24 Filme in 52 Jahren mit fünf Reinkarnationen und trotzdem derselben Identifikation gibt. Das ist phänomenal, das gibt es kein zweites Mal. Erst heute fiel mir auf: 52 Jahre, das ist ziemlich genau die halbe Filmgeschichte.

teleschau: Phänomenal ist doch auch, wie Bond sich in seine jeweilige Zeit eingliedert.

Waltz: Ganz genau. Das hilft ihm zu überleben. Wie ich mir sagen ließ, ist das auch in der Wirtschaft so. Große Firmen, die versäumen, sich nach den Bedürfnissen der Zeit zu richten, gehen unter. Es gibt eben kein wirkliches Bedürfnis nach einem Dieselmotor.

teleschau: Die Produzentin Barbara Broccoli, die Ihnen die Rolle anbot, meinte, sie habe Sie verführt. Mussten Sie da lange überlegen?

Waltz: Wir kennen uns seit fünf, sechs Jahren und treffen einander seitdem in unregelmäßigen Abständen. Man ahnt ein gegenseitiges Interesse, bringt das irgendwann zur Sprache und so geht das weiter. So, wie Verführung funktioniert. Vielleicht habe ich ja Sie verführt.

teleschau: Sie sagten mal, Bond bediene einen Kasperltheater-Reflex ...

Waltz: Bond ist moderne Mythologie. Leider habe ich den Begriff Kasperltheater so oft boshaft-kritisch in meiner Filmbetrachtung verwendet, dass ich ihn hier nicht verwenden will. Das Kasperltheater basiert auf Archetypen, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Ich kann mich genau erinnern, ein früh-politisch-korrektes Kasperltheater gesehen zu haben, in dem kein Krokodil vorkam. Ich war empört. Es gab Verhandlungen zwischen Großmutter und Gretel, das war schon okay, aber wo ist das Krokodil? Der Polizist war Freund und Helfer und niemand schlug niemanden. Das war kein Kasperltheater. Dieses profunde dramatische Bedürfnis fehlte. Das ließe sich auch mit der griechischen Tragödie erklären - oder mit dem Volkstheater.

teleschau: Das in Österreich eine wichtige Rolle spielt.

Waltz: In unserer Kultur müssen sich Ernst und Spaß nicht widersprechen. Daher übertrug sich das Volkstheater auf die kaiserlich-königlichen Bühnen. Der Wiener Dramatiker Johann Nestroy war auch nur - was heißt nur - eine Folge des Volkstheaters - allerdings in literarischer Vollendung, die ihresgleichen sucht und nicht findet. Trotzdem gab es auch dort diese Archetypen. Nicht nur wegen des Wiedererkennungswerts. Es knüpft die Geschichten zusammen und an uns an. Das ist sicher der größte Teil des Phänomens Bond.

teleschau: Wenn Bond Kasperltheater ist, wären Sie das Krokodil, oder?

Waltz: Das wäre meine Funktion. Absolut.

teleschau: Sie sagten mal, dass Sie Bösewichte, die ganz normal aussehen, am gruseligsten finden. Das widerspricht der Bond-Bösewicht-Tradition. Brauchen ikonische Bösewichte nicht etwas Kultiges wie eine Perserkatze?

Waltz: Nur weil das Krokodil das Maul nicht aufreißt, heißt das nicht, dass es keine Zähne hat.

teleschau: Kehren Sie vielleicht in einem weiteren Film zurück?

Waltz: Keine Ahnung. Das meine ich ausnahmsweise ganz ehrlich: Das ist kein Thema. Es gibt noch viel mit diesem Film zu machen. Die Arbeit daran ist erst fertig, wenn er im Bewusstsein des Zuschauers angekommen ist - und das findet erst in den nächsten zwei Monaten statt. Dann müssen alle erstmal schnaufen. Da stecken zwei Jahre intensivste Arbeit drin. Ich bin da nur kurz reingeschneit und wieder gegangen. Mein Arbeitsaufwand ist im Vergleich zum großen Ganzen minimal. Die Produzenten sind permanent mit James Bond und dem, was da noch kommt, beschäftigt.

teleschau: Was hat Sie beim Dreh überrascht?

Waltz: Ich bin zwar nicht so abgebrüht, aber ich rechne immer mit allem. Insofern sind Überraschungen bei mir eher spärlich gesät. Würden wir uns morgen in Timbuktu begegnen, würde mich das wenig überraschen. Verwundert hat mich, die Ruhe und Hingabe, mit der so ein Riesending geführt werden kann. Das sieht man den Filmen an. Dass dies bei einer Produktion solchen Ausmaßes möglich ist, habe ich mit deutlicher Begeisterung festgestellt.

Quelle: teleschau - der mediendienst