Erich Mielke - Meister der Angst

Erich Mielke - Meister der Angst





Biedermann als Brandstifter

"Eigentlich kannte man ihn nicht", sagt Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, gleich zu Beginn des Films. Jahn geriet 1983 selbst ins Visier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), wurde 1983 auf persönlichen Befehl Mielkes aus der DDR ausgebürgert. 32 Jahre stand Erich Mielke an der Spitze des Spitzel-Apparats, war der am meisten gefürchtete Mann der DDR und gleichzeitig ein großer Unbekannter, der im Hintergrund die Strippen zog. Wer war Erich Mielke? Was trieb ihn an? Das Filmporträt "Meister der Angst" findet auch dank eines großartigen Hauptdarstellers Kaspar Eichel einige erschreckende Antworten.

Pepita-Hut, Krückstock - die Psychologin Anna Luise Brand (Beate Laaß) lernt 1991 in der Haftanstalt Moabit einen kleinen, grauen Mann kennen. Es ist Erich Mielke (Kaspar Eichel), bis vor wenigen Monaten der vielleicht mächtigste Mann der DDR. Kurz vor deren Ende hat er noch mitgeholfen, Erich Honecker zu stürzen, bevor er selbst seiner Ämter enthoben und inhaftiert wurde. Jetzt sitzt die Psychologin einem gebrochenen Mann gegenüber, über den sie ein Gutachten erstellen soll. Erich Mielke ist angeklagt, nicht weil er in seiner Funktion als Herr der Spitzel das Leben Tausender Menschen zerstört hat, sondern wegen einer Tat, die 60 Jahre zurückliegt. Als junger Kommunist soll Mielke 1931 am Berliner Bülowplatz zwei Polizisten erschossen haben.

Die Gespräche mit der Psychologin - sie haben tatsächlich stattgefunden und sind durch umfangreiche Gesprächsnotizen belegt - bilden die Rahmenhandlung des Films, der in Rückblenden das Leben Mielkes erzählt und dabei zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Die Spielszenen beschränken sich neben den Gesprächen in der Haft auf Mielkes Rolle bei der Fälschung der Wahlen in der DDR im Mai 1989. Der Stasi-Chef steht noch im Zenit seiner Macht, doch in Moskau weht zu dieser Zeit schon ein anderer Wind. Der Reformer Michail Gorbatschow hat das Amt des Generalsekretärs der KPdSU übernommen. Er leitet umfassende Reformen ein. Glasnost und Perestroika halten Einzug - sehr zum Missfallen von Erich Mielke, der darin als einer der Ersten die Vorboten des Untergangs der DDR erkennt.

Die Verkürzung der Spielfilmhandlung auf wenige Monate einer politischen Umbruchzeit ist ein geschickter Zug von Jens Becker und Maarten van der Duin, die auch das Drehbuch geschrieben haben. Mielke handelt schnell und rücksichtslos. Durch das Entstehen einer echten Oppositionsbewegung ist er mehr denn je dazu gezwungen. Sein Tun wirft gleichzeitig Schlaglichter auf eine Persönlichkeit, die einerseits Angst verbreitet, aber auch von Angst getrieben ist. Die Verschränkung von Spielfilmszenen, Interviews und Dokumentarmaterial gibt den Blick frei auf einen Mann, der kurz vor dem Fall der Mauer über 180.000 Mitarbeiter gebietet und trotz der perfiden Überwachung eines ganzen Staatsvolks fest daran glaubt, aus "humanistischen" Motiven zu agieren.

Becker und van der Duin lassen die unterschiedlichen Facetten von Mielkes Persönlichkeit nebeneinander stehen. Sie widerstehen der Versuchung, Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zu fügen. Trotzdem zieht sich ein Leitmotiv durch dieses Dokudrama. Es ist die Angst, die im Titel des Films genannt wird und die Mielke noch als Häftling in Moabit einzusetzen weiß. In einer der eindringlichsten Spielszenen bringt Mielke sein politisches Credo auf den Punkt. "Haben Sie Angst, Herr Mielke?", will die Psychologin von ihm wissen. "Angst? Was wissen Sie denn von Angst?", herrscht der einstige Stasi-Chef sein Gegenüber an. "Ich sag' es dir Kindchen. Angst ist die wirkungsvollste Triebfeder des menschlichen Handelns. Stärker als Ehrgeiz, Habgier, Hoffnung und alles zusammen."

Der Film porträtiert Mielke als einen von Misstrauen zerfressenen Menschen, besessen vom Kontrollwahn und dem Willen zur Macht. "Wer ihm in die Augen gesehen hat, der wusste: Das ist ein eiskalter Mensch", erinnert sich Wolfgang Fixson, Direktor der Justizvollzugsanstalt Moabit. Kaspar Eichel spielt diesen Machtmenschen mit einer Intensität, die beim Zuschauer Beklemmung, auch Schaudern, hervorruft. Noch überzeugender ist Eichel allerdings, wenn er eine andere Seite Mielkes zeigt: die des jovialen Kleinbürgers, der seine Untergebenen mit derben Scherzen bespaßt, sich an Spielen des von ihm protegierten Fußballvereins BFC Dynamo ergötzt und nach einer Treibjagd ein schauriges "Halali" anstimmt. In Erich Mielke steckte beides - Biedermann und Brandstifter. "Meister der Angst" zeigt das sehr eindrucksvoll.

Quelle: teleschau - der mediendienst