El Club

El Club





Im Klub der Verdrängung

Dunkel und schwer legt sich der stürmische Regen über die schroffe Küste Chiles. Angesiedelt in jenem unwirtlich-schönen Landstrich, erzählt "El Club" eine Geschichte von ebensolcher Düsterheit und Kälte: In einem gottverlassenen Dorf lebt eine Gruppe von gleichsam gottverlassenen Ex-Priestern - allesamt von der Kirche wegen Fehlverhaltens exkommuniziert und zur Strafe ins triste Nirgendwo abgeschoben. Von einer resoluten Ordensschwester überwacht, bleiben ihnen lediglich regelmäßige Windhundrennen zur Zerstreuung. Bevor man als Außenstehender jedoch Mitgefühl entwickeln kann, bricht die grausame Vergangenheit über die ehemaligen Gottesmänner herein: Unbarmherzig und schonungslos wie das Küstenklima konfrontiert das starke chilenische Drama Protagonisten wie Zuschauer vorrangig über das Mittel der Sprache mit Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Die deprimierende, doch anfangs ruhige Atmosphäre, in der Schwester Mónica (Antonia Zegers) über ihre Priester-WG wacht, wird jäh gestört: Ein bärtiger junger Mann namens Sandokan (Roberto Farías) steht vor dem Gartentor und erzählt. Erzählt von seiner Kindheit im Schoße der Kirche, davon, wie er von einem Priester aufgezogen wurde. Unerträglich detailliert beschreibt er seine Erinnerungen an die täglichen Vergewaltigungen. Vergewaltigungen, die von den Priestern als Akt der Gottesliebe gerechtfertigt wurden, Missbrauch, den Sandokan mit erschütternder Naivität rekapituliert. Ein neuer Bewohner des Hauses erträgt die Ansprache nicht. Er erschießt sich vor dem einstigen Opfer. Seinem früheren Opfer.

Mit dem dramatischen Beginn von "El Club" bricht über die Priestergruppe die verdrängte Vergangenheit herein. Denn nicht nur der Neue machte sich des Missbrauchs seiner Zöglinge schuldig, auch die anderen: Padre Vidal (Alfredo Castro), Padre Garcia (Marcelo Alonso), Padre Lazcano (José Soza) - sie alle einen fürchterliche Verbrechen, für die sie in ihrem Quasi-Gefängnis Buße tun sollen.

Konfrontiert mit ihren Taten werden sie von Pater García (Marcelo Alonso), einem jungen Ermittler der Kirche, den man zur Aufklärung des Selbstmordes eingesetzt hat. Er stellt unangenehme Fragen, die trotz Beschwichtigungen, Leugnungen und Relativierungen durch die Befragten eine wahrhaftige Hölle zum Vorschein bringen. Bald stellt sich jedoch auch die Frage, ob die Kirche tatsächlich an der Wahrheit interessiert ist.

Mit "El Club" schafft Regisseur und Katholik Pablo Larraín nicht nur eine Abrechnung mit einer von Bigotterie und Totschweigen geprägten Institution. Es beschäftigt ihn auch das dramatisch ambivalente Abhängigkeitsverhältnis von Opfern und Tätern, die sich in verheerenden Rechtfertigungstiraden ergehen. Überhaupt benötigt das herausragende Werk keinerlei Rückblick-Szenen - genügen doch bereits die harten Worte der Erinnerung des Opfers ebenso wie die nicht einmal klugen Versuche der Täter, sich zu erklären. Die dabei erbrachten Verdrängungsleistungen des Einzelnen sind das eigentliche Thema der eindringlichen Psychostudie, die bei der Berlinale 2015 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.

Quelle: teleschau - der mediendienst