Die Hälfte der Stadt

Die Hälfte der Stadt





Bilder aus einer vergangenen Welt

In letzter Zeit mehren sich - lange nach "Schindlers Liste" - Filme, die sich mit dem Holocaust und der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich beschäftigen. Das wird leider, bei allem Schrecken, meist zur braven Geschichtsbebilderung. Ausnahmen wie Stefan Rusowitzkys Spielfim "Die Fälscher" oder erst recht seine Dokumentation "Das radikal Böse" über das Fühlen und Denken der Täter bestätigen als Ausnahme die Regel. Die Dokumentation "Die Hälfte der Stadt", die jetzt ins Kino kommt, das Porträt eines jüdischen Fotografen und seiner polnischen Stadt, hat eine eigene zupackende Kraft.

Es ist die Geschichte des Fotografen Chaim Berman, der 1890 im polnischen Städtchen Kozienice ("Koschnitze", deutsch: Koschnitz) nahe der Weichsel zur Welt kam. Schon der Vater Hochzeits- und Familienaufnahmen in seinem Atelier gemacht und entwickelt. Zu ihm kamen alle, denn er war der einzige Fotograf am Ort. Behutsam führt der Film den Zuschauer in die heutige Stadt, in der es die alten Gebäude kaum noch gibt, mehrfach niedergebrannt, zuletzt von deutschen Soldaten.

Wie durch ein Wunder wurden nicht weniger als 10.000 alte Fotografien wiederentdeckt. Ein Bewohner der Stadt, der sachkundige Saturnin Mlastek, hatte die filigranen Negative auf Glasplatten in einem feuchten Keller gefunden, sie auf den trockenen Dachboden gebracht und so vor dem Verfall bewahrt. Es sind lebendige, sprechende Gesichter von meist jungen Menschen zu sehen. Polen, Deutsche, Juden lebten hier friedlich nebeneinander.

Es ist, als ob die Zeit stehen geblieben sei, so nahe erscheinen die Gesichter. Zweifellos war Chaim Berman ein guter Fotograf. Das alleine genügte ihm jedoch nicht: Der begabte Redner setzte sich auch für den toleranten Umgang von Polen, Deutschen und Juden ein. Immerhin fast "die Häfte" der etwa 10.000 Bewohner zählenden Stadt war einst jüdisch. Als die Nazis kamen, weigerte sich Chaim - anders als sein Bruder, der nach Amerika ging - Polen zu verlassen. Wie zu früheren Zeiten erlebt, glaubte er an eine Wendung zum Besseren in der schon von Österreichern, Deutschen und Russen regierten Stadt.

Noch immer gibt es glücklicherweise Zeugen, die sich an die Zeit des Krieges und der Pogrome erinnern, Nachbarn des Fotografen, die wie er ab 1939 im Ghetto lebten; die Tochter des Lehrers, der Chaim bei sich aufnahm und versteckte. Pawel Siczek, der Regisseur, hat sie bei seinen zunächst aussichtslos erscheinenden Recherchen an der Weichsel gefunden. Auch Gebäude von damals, Hintergrund mancher Fotografie, werden durch deckungsgleiche Perspektiven zu Zeugen: "Es ist, als wären sie zurückgekehrt", sagt ein Zeitzeuge über die neuen Fotografien.

Aber vor allem durch die zunächst sparsam, dann immer häufiger eingesetzten expressiven Animationen, die Chaims Familie und die teils feindlichen, teils hilfreichen Nachbarn von damals wiederbeleben, Traumbilder und traumatisch zugleich, schlägt der Film eine Brücke aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Ein greller, bewusst naiver Comic, der mit einem verrückt getanzten Familienswing beginnt und in grausamen Bildern von Folter und Mord erzählt. Der Swing jedenfalls kann die krächzenden Hitlerreden im Volksempfänger nicht vertreiben. Und bald begräbt man im Schnee die ersten Leichen. Die auf den alten Fotos noch mit Stolz getragenen "Judensterne" auf den Armbinden einer Männergruppe aber werden zum Zeichen des Untergangs.

So findet der Film auf mehreren Ebenen, durch die Fotografien von damals, durch filmische Animation und menschliche Zeugenschaft einen scheinbar leichten Zugang zu einer untergegangenen Welt. Selten wurde Erinnerung so lebendig.

Quelle: teleschau - der mediendienst