Die Schüler der Madame Anne

Die Schüler der Madame Anne





Hört auf die Opfer

Der 87-jährige Léon Zyguel geht schon etwas unsicher. Seine Stimme ist aber immer noch kräftig. Er erzählt, wie er als 15-Jähriger mit seinem Vater und seinem Bruder nach Auschwitz deportiert wurde. Wie ihm jemand eine Häftlingsnummer eintätowierte. Vor ihm sitzen Halbwüchsige in Kapuzenpullis, still, konzentriert. Die Jungen machen sehr ernste Gesichter, die Mädchen haben Tränen in den Augen. "Die Schüler der Madame Anne", eine Art kollektives Coming-of-Age-Drama, greift einen wahren Fall auf: Die als schwierig geltende 11. Klasse eines Pariser Vorortgymnasiums ist wie verwandelt, seit sie sich mit dem Holocaust befasst. Wie ist das möglich? Das fragen sich nicht nur Pädagogen. Eine befriedigende Antwort darauf bleibt aus.

Dabei nimmt die Kamera von Myriam Vinocour in ihrer unvoreingenommenen Zuwendung gegenüber jedem Einzelnen in der Schule gleich zu Beginn den Zuschauer für den Film ein. Eine muslimische Schülerin erhält ihr Abiturzeugnis nicht ausgehändigt, weil sie ein Kopftuch trägt - das verstößt gegen den strengen Laizismus staatlicher französischer Bildungsinstitutionen. Eine andere Muslima wird von Mitschülern bedrängt, weil sie sich "wie eine Nutte" kleide. In der berüchtigten 11. Klasse rastet Mélanie (Noémie Merlant) mal wieder aus. Malik (Ahmed Dramé) ist sauer, dass er Kunst statt Film als Wahlpflichtfach bekommen hat.

Derweil brüllen sich die Lehrer mit immer denselben Anweisungen heiser: "Runter mit den Kopftüchern, den Baseballkappen und den Kopfhörern, weg mit den Kreuzanhängern!" In der gestaffelten Sitzordnung der Klassen, ausgerichtet auf Frontalunterricht und Paukerei, tauchen die Schüler ab, stören ständig, hören schon lange nicht mehr zu. Das Bildungssystem droht sie mitsamt ihrer ethnischen, sozialen, religiösen und persönlichen Probleme zu verlieren. Das Gegenmittel der Lehrerin Anne Gueguen, ihre 11. Klasse an einem nationalen Geschichtswettbewerb teilnehmen zu lassen, klingt zunächst wenig vielversprechend. Das Thema "Kinder und Jugendliche im System der Konzentrationslager der Nazis" sorgt für Irritationen, Entsetzen und Unverständnis.

Doch dann bilden sich Arbeitsgruppen. Es gibt Reibereien, aber bald auch Kooperation. Die Klasse besucht Museen, setzt sich mit der Kollaboration des Vichy-Regimes mit Hitler auseinander, vertieft sich in erschütternde Dokumente über den Genozid der Nazis. Zusammenhalt entsteht. Aber woher kommt der plötzliche Sinneswandel der Schüler? Liegt es an der unwiderstehlichen Sanftmut, die Ariane Ascaride als Geschichts- und Geographielehrerin Anne Gueguen ausstrahlt? Die Eigenschaft mag ihrem Vorbild Madame Anglès nachempfunden sein, die 2009 eine 11. Klasse zu der Holocaust-Thematik im nationalen Wettbewerb begleitete. Dramé, der nicht nur den Malik spielt, sondern damals dabei war, erinnert sich im Interview, die Begegnung mit jenem Holocaust-Überlebenden Léon Zyguel habe alle verändert.

Aber im Film, für den Dramé den Drehbuchentwurf lieferte, ist die Klasse zu dem Zeitpunkt längst brav. Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar kann in Erbauungspathos schwelgen. Die Opfer des Holocaust werden zu der moralischen Autorität, die die Schüler zur Ruhe kommen lässt. Und sie auch wieder ein bisschen zum Verschwinden bringt, so schematisch gerät die persönliche Auseinandersetzung mit dem Grauen, so weit treten eigene Motive hinter das fleißige Zitieren, Rezitieren und Abtippen der Zeugnisse der Opfer zurück. "Die Schüler der Madame Anne" - was bewegt sie?

Quelle: teleschau - der mediendienst