James Bond 007: Spectre

James Bond 007: Spectre





007 ist angekommen

Natürlich ist Musik letzten Endes immer eine Geschmacksfrage: Aber man darf "Writing's On The Wall", den Titelsong von Sam Smith, schon als fürchterliches Gejaule empfinden. Doch die traditionelle Introsequenz hat es in sich, weist sie doch den Weg: Die Autoren John Logan, Neal Purvis und Robert Wade haben sich mit "Spectre", dem 24. Bond-Film, gigantische Ziele gesetzt. Sie wollen einen großen Bogen spannen. Zunächst über die vier 007-Abenteuer mit Daniel Craig hinweg, die ja einen übrigens immer noch diskutablen Neustart der Reihe bedeuteten. Und darüber hinaus bis tief hinein in die gute alte Zeit, als die inneren Befindlichkeiten des populärsten Agenten der Kinogeschichte noch gar keine Rolle spielten. Nun, mit "Spectre", ist 007 angekommen bei der charakterlich eindeutigen Figur, die sich sein Erfinder Ian Fleming einst vorgestellt hatte.

Es ist fast schon ein bisschen tragisch, dass sich die Berichterstattung in seriösen Medien, aber auch die Diskussion in den sozialen Medien in Sachen "Spectre" nur auf einige wenige Fragen reduziert: Ist dieser ominöse Franz Oberhauser (Christoph Waltz) nun tatsächlich der Überschurke Ernst Stavro Blofeld, den man aus sechs Bond-Filmen kennt und der zum Rolemodel für eine ganze Generation von Kinoschurken wurde? Was verbindet Oberhauser mit Bond? Und was hat er mit den vergangenen 007-Abenteuern zu tun? All diese Fragen sollen an dieser Stelle hier nicht beantwortet werden. Wer's nicht aushält, kann ja das Internet durchforsten und wird leider schon vor dem offiziellen Filmstart problemlos alle Antworten erhalten.

Aber letzten Endes macht sich die Antwort auf die Frage, ob "Spectre" ein guter Bond-Film geworden ist, nicht an diesen Themen fest. Vielmehr ist sie in anderer Weise einfach zu geben: Wer "Skyfall" mochte, den letzten 007-Auftritt, der wird auch "Spectre" schätzen. Regisseur Sam Mendes sorgt auch diesmal für eine perfekte Mixtur aus Moderne und Tradition. "Spectre" ist 21. Jahrhundert und doch tief verwurzelt in der Geschichte der Agentenreihe. Nach dem fürchterlich banalen "Casino Royale" und "Ein Quantum Trost", der so gut war wie sein Titel, findet die Rückkehr der Reihe zu ihren Ursprüngen nun hier ihren starken Abschluss. Was auch bedeutet: Wenn Hauptdarsteller Daniel Craig wirklich darüber nachdenkt, als Bond seinen Hut zu nehmen, wäre dies der perfekte Zeitpunkt - aus mehrerlei Gründen.

Eröffnet wird "Spectre" mit einer knapp viertelstündigen, fraglos spektakulären Massenszene in Mexico City, die weit eindrucksvoller daherkommt, als es im Trailer den Anschein hatte. Nur hier arbeitet der Film wieder mit jenen hektisch wackeligen Bildern einer längst dem Gestern angehörenden MTV-Generation. Später bedient sich Mendes einer bedächtigen Bildsprache, die die Intention des Films, an alte Zeiten anzuknüpfen, betont.

Bond trifft in der Folge auf Lucia Sciarra (Monica Belucci spielt das älteste Bond-Girl aller Zeiten), die ihm wiederum den Weg hinter die Kulissen der größten Verbrecherorganisation aller Zeiten öffnet: Spectre. Angeführt wird sie von Franz Oberhauser, dessen Macht und Skrupellosigkeit wie in Bond-Filmen üblich gleich mal auf derbe Art und Weise zur Schau gestellt wird. Es ist die einzige Szene, in der die FSK (freigegeben ab 12) wohl ein Auge zugedrückt hat.

Christoph Waltz ist in seiner Rolle schon eine Überraschung. Anders als man befürchten konnte, hält er sich erstaunlich zurück. Waltz überzeichnet seine Figur keineswegs. Oberhauser ist fraglos machtbesessen, getrieben von einer Mixtur aus persönlichen Gefühlen und kluger Berechnung. Nur: Er ist kein extrovertierter, perverser Irrer, wie man schon so manchen in der Bond-Geschichte sah. Vielmehr ist er betont sachlicher Stratege. Aber: Aus nachvollziehbaren Gründen lotet der Film die Chancen, die in diesem Charakter stecken, nicht ansatzweise aus.

Die Jagd Bonds auf Oberhauser, die diesmal unter anderem nach Rom, Marokko und Österreich führt, ist die eine Handlungsebene des Films. Die zweite spielt in London, wo sich der neue M (Ralph Fiennes) dem drohenden Untergang des MI6 erwehren muss. Denn Mac Denbigh (Andrew Scott), der erstaunlich junge Kopf des MI5, arbeitet an einer Zusammenlegung der verbündeten Geheimdienste weltweit. Er hält das Modell der 00-Agenten mit der Lizenz zum Töten für überholt. Sie seien problemlos ersetzbar - durch Drohnen und eine moderne Kommunikationstechnik. In einer der stärksten Dialogszenen des Films setzt sich M gegen die Bedrohung aus der eigenen Regierung zur Wehr: 00-Agent zu sein bedeute eben nicht nur, töten zu dürfen, sondern auch zu wissen, wann man nicht tötet. Klar, dass das Denbigh, leider die klischeehafteste und damit langweiligste Figur des Films, so gar nicht interessiert.

Den Trend, den Frauen in Bonds Leben eine größere Bedeutung mitzugeben, schreibt "Spectre" selbstverständlich fort: Während Monica Bellucci nur einen kleinen, unbedeutenden Part hat, kommt der französischen Schauspielerin Léa Seydoux die komplizierte Aufgabe zu, dem ewigen Eroberer 007 wieder einmal ohne schwülstige Worte zu erklären, was echte Gefühle sein könnten. Als Dr. Madeleine Swann, Tochter eines ehemaligen Bond-Widersachers, wird sie gegen ihren Willen in Bonds Jagd auf Spectre hineingezogen. Wie Christoph Waltz interpretiert auch sie ihre Figur überraschend zurückhaltend und verlässt sich geduldig ganz auf den großen Raum, den ihr das Drehbuch gewährt. Am Ende wird man verstehen, warum sie wieder mal eine ist, die 007 ins Grübeln bringen könnte.

"Spectre" könnte das Ende und zugleich der Anfang einer neuen Bond-Ära sein. Das atmosphärisch starke und übrigens auch weitgehend humorfreie Abenteuer transferiert den einst von Ian Fleming erschaffenen Kosmos, der auch ein Spiegelbild der 50er- und 60er-Jahre war, perfekt in die Gegenwart. Man darf gespannt sein, welche Wege die neuen Autoren gehen werden. Sie dürfen sich fortan größere Freiheiten nehmen. Ob mit oder ohne Daniel Craig, ist noch offen. Doch es wäre verständlich, wenn der Brite mit "Spectre" seine Mission als erfüllt ansieht.

Quelle: teleschau - der mediendienst