Matthias Habich

Matthias Habich





Haben Sie Angst vor dem Tod?

Matthias Habich ist ein Schauspieler, der auch schwächere Filme durch seine Präsenz in mitreißende Stoffe verwandelt. Bei "Ein großer Aufbruch" ist das nicht nötig. Der Ensemblefilm von Magnus Vatrodt (Drehbuch) und Matti Geschonneck (Regie) über einen Grandseigneur, der zum Abschied vom Leben Freunde und Familie eingeladen hat, ist ein bärenstarkes Vehikel für sein prominentes Ensemble. Nach reihenweise preisgekrönten TV-Arbeiten wie "Das Ende einer Nacht", "Liebesleben" oder "Das Zeugenhaus" ist "Ein großer Aufbruch" (Montag, 16.11., 20.15 Uhr, ZDF) der neue Geniestreich der beiden TV-Kreativen. Und ihr 75-jähriger Hauptdarsteller läuft neben Mitspielern wie Hannlore Elsner, Matthias Brandt, Edgar Selge oder Ina Weisse zu ganz großer Form auf. Ein Interview mit wichtigsten Fragen - nicht nur in einem Schauspielerleben.

teleschau: Welches Thema ist wichtiger in diesem Film, das Sterben oder das Leben?

Matthias Habich: Eigentlich ist das Thema "Sterbehilfe" in diesem Film nur der Vorwand, das Ensemble aus Freunden und Familienmitgliedern zusammenzubringen. So ergibt sich ein Kammerspiel, bei dem man den Beteiligten - vielleicht mit großem Vergnügen - bei ihren Auseinandersetzungen zuschauen kann.

teleschau: Ihre Hauptfigur lädt Freunde und Familie ein, um das Leben zu feiern. Dabei will Holm sich ein paar Tage später im Angesicht einer schweren Krankheit das Leben nehmen ...

Habich: Ich finde, das schließt sich nicht aus. Aber es ist sicher ein Moment, Bilanz zu ziehen und offene Worte zu finden. Unter Freunden und in der Familie.

teleschau: Erstaunlich ist, dass Ihre beiden Filmtöchter die Kindheit ganz unterschiedlich bewerten. Die eine fand sie schön, die andere katastrophal. Dabei müssten die beiden Mädchen in etwa gleich aufgewachsen sein.

Habich: Ein durchaus realistisches Szenario. Ich habe drei Brüder. Wenn wir über unser Aufwachsen sprechen, hat jeder eine ganz andere Kindheit erlebt. Wir urteilen auch ganz unterschiedlich über unsere Eltern. So unterschiedlich, als würde es sich um verschiedene Menschen handeln. Jeder Mensch ist ein eigenständiges Wesen mit eigenem Erleben. Vielleicht machen auch zwei, drei Jahre, die ein Kind jünger oder älter ist, einen großen Unterschied in der Erziehung aus. Die Kleinen werden immer anders behandelt als die Älteren - und so weiter. Aber ich bin kein Psychologe, der könnte Ihnen sicher mehr zum Thema sagen.

teleschau: Wie nah haben Sie das Thema Tod an sich herangelassen?

Habich: Na ja, ich muss mich am Charakter orientieren, den ich spiele. Das ist einer, der das Thema nicht so nah an sich heranlässt. Man sieht den Mann nur einmal allein im Badezimmer, als ihn das nackte Grauen packt. Nur in diesen zwei, drei Sekunden guckt man ihm ganz tief in die Seele. Natürlich beschäftigen wir uns alle mit dem Tod. Leben bedeutet, sich aufs Sterben vorzubereiten (lacht). Bei mir ist es auch abhängig von der Tageszeit. Wenn man morgens um fünf Uhr aufwacht, ist es am stärksten - da überkommt einen das Morgengrauen. Dann fängt der Tag an, die Routinen setzen ein und schieben das Thema in den Hintergrund. Ich denke, so sind wir gestrickt.

teleschau: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Habich: Manchmal ja, manchmal nein.

teleschau: In welchen Situationen haben Sie Angst?

Habich: Weiß ich nicht. Das überfällt einen so. Manchmal im Flugzeug.

teleschau: Sie meinen, dass Sie Angst haben zu verunglücken?

Habich: Ja, durchaus. Ich meine, es geht um den Tod. Das ist ein bedrohliches Thema. Angst vor dem Tod zu haben, ist ein biologisches Programm. Er macht uns Angst, damit wir ums Überleben kämpfen. Die Angst ist eine Warnung. Man soll weglaufen, wenn der Tod hinter einem her ist - zum Beispiel in Form eine Pistole. Im Flugzeug ist das Angststeigernde ja, dass man nicht weglaufen kann. Angst ist ein Überlebensmotor.

teleschau: Kommen wir zum Thema Leben, auch da macht der Film ja ein Fass auf. Sie und Ihre Ex-Frau haben es krachen lassen, wie es im Drehbuch heißt. Und dann gibt es noch ein befreundetes Paar, das sich mit Vernunftsentscheidungen durchs Leben bewegte. Wie lebt man sein Leben richtig?

Habich: Man lebt sein Leben von Tag zu Tag. Man entscheidet von Moment zu Moment. Die Summe all dieser Momente macht das Leben aus. "Ja, mach nur einen Plan", heißt es bei Brecht. "Und mach dann noch 'nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht." Das ist aus der Dreigroschenoper. Man könnte auch sagen: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Je nachdem, was Sie besser finden.

teleschau: Sie meinen, es macht keinen Sinn, sein Leben zu planen?

Habich: Pläne werden meist von der Realität zunichte gemacht. Nicht alle natürlich. So denke ich auch nicht. Ein paar Pläne im Leben funktionieren vielleicht

teleschau: Haben Sie einen Plan?

Habich: Nein. Ich hatte einen Berufswunsch, wenn Sie das als Plan durchgehen lassen.

teleschau: Schauspieler?

Habich: Ja, Schauspieler.

teleschau: Und das hat funktioniert?

Habich: Ja - meinen Sie nicht? (lacht)

teleschau: Sind Sie denn zufrieden mit Ihrer Karriere?

Habich: Ja, absolut. Natürlich gab es Täler, auch Verzweiflung. Aber das gehört dazu. Wer kann schon von sich sagen, dass er ununterbrochen gearbeitet hat. Bis er 75 ist. Und noch darüber hinaus, wenn es gut läuft.

teleschau: Wenige. Und Sie arbeiten immer noch gerne?

Habich: Ja, ich arbeite gerne. Aber ich habe im letzten Jahr vier Filme gedreht und fand die anderen drei Rollen ebenso gut wie diese.

teleschau: Erleben Sie gerade noch mal so etwas wie eine goldene Zeit?

Habich: Ja, vielleicht. In einer Hinsicht auf jeden Fall. Film ist ein großes Glück, weil man Dinge ausnahmsweise vorhersehen kann. Sie stehen ja im Drehbuch drin. Im Leben geht das ja nicht, aber darüber sprachen wir bereits. Die Vorhersehbarkeit des Lebens im Drehbuch beruhigt mich immer - ein bisschen.

Quelle: teleschau - der mediendienst