Der letzte Wolf

Der letzte Wolf





Eine sterbende Welt

Die innere Mongolei, in einem schweren Winter Ende der 1960er-Jahre. Der in die Steppe geschickte Student Chen Zhen (Feng Shao-feng) erhält vom Gruppenältesten Bilig (Ba Sen Zha Bu) die Hälfte eines Feldstechers und viele Erläuterungen, als sie durch dichtes Gras das Jagdverhalten eines Wolfsrudels beobachten. Die Wölfe warten, bis sich die Gazellen vollgefressen haben, dann attackieren sie. Aber statt der schwerfällig rennenden Beute die Kehle durchzubeißen, treiben sie die Gazellen zu einem See, lassen sie ins Eis einbrechen und erfrieren. "Ein Kühlschrank, der im Frühjahr auftaut, wenn die Wolfsjungen Hunger haben", kommentiert Bilig. Doch es kommt ganz anders: "Der letzte Wolf" erhält eine elegische Schwermut, der die anderen Tierabenteuer "Der Bär" und "Zwei Brüder" von Jean-Jacques Annaud vitalistisch trotzten.

Für ein Radio verrät ein junger Mann aus Biligs Gruppe die geografische Lage des Sees. Geschäftemacher räumen das von den Wölfen erjagte Gazellenfleisch ab. Hilflos schauen die Wölfe zu. Doch die Lage wird noch schlimmer. Biligs Gruppe soll auf Anordnung des örtlichen Funktionärs der kommunistischen Partei die Wolfsjungen 'selektieren', ein Euphemismus für 'töten'. Bilig warnt, dass das natürliche Gleichgewicht durcheinander gebracht wird. Aber es kommt wieder anders - weil der Mensch mit seinen Methoden der Bewirtschaftung scheinbar die Möglichkeit hat, die Natur zu bezähmen.

Aus den Jägern, den Wölfen, werden die Gejagten. Für die Raubtiere Mitgefühl zu erwecken, obwohl sie an den Gazellen ein regelrechtes Massaker anrichten und brave Schafe reißen, ist kein geringes Verdienst. Es gelingt durch eine Mischung aus Vermenschlichung und plastischer Anschaulichkeit ihrer Rolle im Ökosystem. Dennoch erfüllt Regisseur Jean-Jacques Annaud die in ihn gesetzten Erwartungen nicht wirklich. In ironischer Umkehrung belehrten "Der Bär" (1988) und die Tiger in "Zwei Brüder" (2004) die Menschen darüber, was wahrlich human ist. In "Der letzte Wolf" will sich dieser "Annaud-Effekt" nicht einstellen.

Die Hauptfigur Chen Zhen rettet ein Wolfsjunges vor der Tötung, zieht es groß, erst heimlich, dann mit murrender Billigung der Nomadengemeinde. Aber es entsteht nur ein sehr fragiler Bund mit dem Welpen. Seine Verbindung zu den Nomaden schafft keinen Ersatz. Die Liebesgeschichte zwischen Chen Zhen und der bald verwitweten Gasma (Ankhnyam Ragchaa) tritt zudem auf der Stelle. Obwohl Annaud in 3D dreht, kommt er Mensch und Tier nur phasenweise nahe.

Beides mag der Buchvorlage geschuldet sein, die in China fast so oft verkauft worden sein soll wie die Mao-Bibel. Sie rückt das Verhältnis zur Natur in die distanzierende Perspektive der Erinnerung. Annaud ändert daran nichts. Bestseller werkgetreu zu verfilmen, kann als sein Erfolgsrezept gelten. Seine Kinohits "Am Anfang war das Feuer" (1981), "Der Name der Rose" (1986), "Der Liebhaber" (1992) und "Sieben Jahre Tibet" (1997) bewiesen dies.

Doch deshalb hat in "Der letzte Wolf" das Grasland, wie es verehrungsvoll im Film heißt, nur eine Vergangenheit - keine Gegenwart noch Zukunft. Fast schon resignativ lässt Annaud am Schluss die Leinwand einfach schwarz werden. Ausgerechnet in diesen ökologiebewussten Zeiten geht in "Der letzte Wolf" das Genre Tierabenteuer seiner Chance verlustig, Impulse für einen friedvolleren und klügeren Umgang mit der Umwelt auszusenden.

Quelle: teleschau - der mediendienst