8 Sekunden - Ein Augenblick Unendlichkeit

8 Sekunden - Ein Augenblick Unendlichkeit





Wenn der Erwecker kommt

Die türkischstämmige Esra (Esra Inal) bedient in Berlin in einem Restaurant, singt gern und feiert ausgelassen mit ihren deutschen Freunden. Das genügt, um ihren Ehemann, den Taxifahrer Tayfun (Firat Çelik), zu verbittern. Während einer wahnwitzigen Autofahrt beschimpft er sie als Hure und schlägt sie. Schlitternd kommt der Wagen irgendwann zum Stehen. Esra flieht. Als sie daheim ankommt, steht die Wohnung in Flammen, und ein Löwe brüllt. Es ist eine der Visionen Esras, einer der "Klarträume", die sie psychisch schwer belasten, ihr aber auch den Weg in die Freiheit weisen. Mit Berufung auf eine wahre Geschichte - Esra Inal spielt sich selbst nach eigenem Drehbuch - rebelliert "8 Sekunden - Ein Augenblick Ewigkeit" als emanzipatorischer Mystery-Film gegen das türkische Patriarchat. Das ist so beeindruckend, dass die plumpe Heiler-Reklame gegen Ende umso schwerer wiegt.

Ich tue und lasse, was ich träume - so lautet schon die Devise der kleinen Esra (Ceylin Adiyaman). Einer ist fast immer dabei: ein dunkel gekleideter Mann mit Hut. Trotz seiner unheimlichen Erscheinung kommt er ihr wie ein Freund vor. Als sie träumt, wie eine ihrer Schwestern von einem Mann fortgeführt wird und sie einsam zurückbleibt, spendet der seltsame Fremde Trost: Einen Regenschirm verwandelt er in einen Paradiesvogel, der davonfliegt.

"Kann man einem Vogel verbieten zu fliegen?" schleudert die erwachsene Esra den Männern entgegen, die sie unterwerfen wollen. Der erste in dieser Reihe ist der Gatte ihrer Schwester, bei der sie in ihrer Jugend wohnt. Schwager Sami (Mehmet Kurtulus) will sie verprügeln, als sie für seine Ehrvorstellungen zu spät heimkehrt. Tayfun ist ihre erste Liebe. Doch nach der Eheschließung wird er merklich still und beginnt das tradierte Patriarchen-Programm zu fahren. Einzig Lebenskünstler Mo (Fahri Yardim) versteht sie, ist aber in gefährliche Drogendeals verwickelt. Als Esra durch Mauern schauen kann, droht sie ein Fall für die Psychiatrie zu werden.

Til Schweigers Firma "Barefoot Films" hat mitproduziert, doch die kreativen Köpfe des Projekts stammen überwiegend aus der Türkei. Der beim deutschen Publikum wohl kaum bekannte Regisseur Ömer Faruk Sorak erweist sich jeder Tonlage gewachsen. Esras Konfrontation mit Sami und Tayfun ist knallhart, die Begegnung mit Mo charmant, der Umgang mit den Eltern entspannend rührend, auch das Auftreten deutscher Kriminalbeamter wirkt sehr authentisch.

Dabei gehen Traum und Realität nahtlos ineinander über. Dass die Spezialeffekte erkennbar nicht aus dem Tricklabor von George Lucas stammen, tut dem keinen Abbruch. Ob man den übersinnlichen Fähigkeiten Esras nun Glauben schenken darf oder nicht - mit ihrem temperamentvollen, selbstbewussten Wesen und ihrer Ich-Erzählung plädiert sie aus dem Off eindringlich für ein selbstbestimmtes Dasein als Frau. Mit der Fantasie als Kraftquelle überwindet sie alle Widerstände, um jene acht Sekunden voll zu nutzen, die die menschliche Existenz aus kosmologischer Sicht währt.

Doch es entwertet den Film, dass soviel Mutmacher-Energie letztlich nur die Weisheitslehre eines Gurus promoten soll. Denn der Mann aus Esras Träumen entpuppt sich als real existierender spiritueller Erwecker, der auf Wikipedia als "mexikanischer Autor, Schamane und Toltekenmeister" bezeichnet wird. Frau Inal feiert ihn als ihren Mentor und trompetet seine Botschaften als rettende Glaubenssätze in die Welt. So bestimmt offenbar doch wieder ein Mann über ihr Leben.

Quelle: teleschau - der mediendienst