Christian Ulmen

Christian Ulmen





Raus aus dem Kampfmodus

Einem Thema widmet sich Christian Ulmen als Schauspieler, Regisseur und Produzent besonders gern: dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern, samt all der Problemchen und Vorurteilchen, mit denen sich Männer und Frauen tagtäglich gegenseitig belegen. Für die Webserie "Mann/Frau" brachte das dem 40-Jährigen viel Lob ein, für die Satire "Who Wants To Fuck My Girlfriend" Sexismusvorwürfe und eine gehörige Genderdebatte. In "Macho Man" (Start: 29. Oktober) geht es nun erneut augenzwinkernd um die Frage: Was macht einen echten Mann denn nun eigentlich aus? Beste Gelegenheit für eine Fragerunde mit dem Satiriker, der seine eigene Ehe mit Moderatorin Collien Ulmen-Fernandes gern als Beispiel vorbringt. Was er von Männlichkeitsbildern hält, ob er Gleichberechtigung schon verwirklicht sieht und warum ihn die feministische Kritik an seinen Satiren überrascht hat, erzählt Christian Ulmen im Interview.

teleschau: Was bedeutet Ihnen die Kategorie Männlichkeit?

Christian Ulmen: In meinem Leben hat sie nie eine Rolle gespielt - außer in der Selbstfindungsphase der Pubertät und bis Anfang 20. Da habe ich mir irrsinnig viele Gedanken darüber gemacht, was die "Men's Health" über die Bedeutung von stahlharten Sommer-Brustmuskeln schreibt, während in der "Jolie" stand, ein Mann solle sein wie Seide. Wenn man das im Kopf hat, kann man ja nur scheitern.

teleschau: Sie litten aber weniger darunter?

Ulmen: Ich hab schnell genug festgestellt, dass man dem nicht entsprechen kann und dass man immer männliche, weibliche und sonstwelche Aspekte in sich tragen wird. Das ist auch, wenn man so will, die Botschaft von "Macho Man" an den Mann: Lass dich davon nicht gängeln. Es gibt so viele verschiedene Männer und Frauen - das geht schon alles gut, auch ohne diese Kategorien.

teleschau: Bisweilen orientiert sich so mancher heute wieder an alten Rollenmodellen. Glauben Sie trotzdem an den gesellschaftlichen Fortschritt im Geschlechterverhältnis?

Ulmen: Eher ja. Neulich sah ich auf YouTube eine alte Werbung für einen Gesundheitstrunk aus den 60er-Jahren. Da hieß es dann: "Kommt auch Ihr Mann oft müde nach Hause oder ist angespannt? Dann stellen Sie ihm abends doch einfach dieses Getränk hin." Da wurde also einer Frau erzählt, dass es ihr solitärer Job sei, sich darüber Gedanken zu machen, wie es ihrem Mann geht. Das hat sich zum Glück ein wenig aufgelöst. Schön ist ja, wenn wir uns abwechselnd und gegenseitig mal den Gesundheitstrunk und den Obstteller bereitstellen.

teleschau: Haben wir die Gleichberechtigung erreicht?

Ulmen: Da ist schon viel passiert. Wir sind aber noch nicht am Ende. Die Zeit, in der Frauen gar nichts zu melden hatten, ist noch nicht lang her. Man spürt noch die Nachwehen. Frauen verdienen bekannterweise immer noch weniger.

teleschau: Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch ändern?

Ulmen: Es gibt noch zu wenig Wickelkommoden in Herren-WCs. Und es gibt auch noch die Meinung, dass Kindererziehung Frauensache ist. Wahrscheinlich wird es diese Ansichten auch immer geben. Aber ich glaube auch, dass wir uns davon entfernen. Deshalb denke ich bisweilen bei diesem angestrengten Feminismus, der manchmal auf Twitter laut wird, dass es nur ums Kämpfen und nicht mehr um die Sache geht. Genauso, wenn Alice Schwarzer fordert, die Prostitution abzuschaffen. Wir alle haben den Feministinnen viel zu verdanken, weil sie sehr viel dazu beitrugen, dass wir sehr viel gleichberechtigter leben als vor 40 Jahren. Aber manchmal habe ich das Gefühl, sie sind so in diesem Kampfmodus verhaftet, dass sie nicht zum Luftholen kommen.

teleschau: Haben Sie das auch persönlich erlebt?

Ulmen: Ganz oft habe ich im Austausch mit denen festgestellt: Ich habe gar keine Chance als Mann. Wenn ich dann erzähle, dass ich immer so gelebt habe, wie sich das Alice Schwarzer gewünscht hat, wird gesagt: "Ha, und dafür willst du jetzt 'ne Medaille oder was?" Auch das macht man dann nicht richtig. Denn dann habe ich ja nur deshalb so gelebt, weil ich dafür gelobt werden will. Da wird einem nicht einmal Wahrhaftigkeit zugestanden.

teleschau: Nervt Sie das auch, weil Sie mit Ihren Satiren über das Geschlechterverhältnis ja eigentlich einen kritischen Anspruch verfolgen?

Ulmen: Es hat mich vor allem absolut überrascht. Bei "Who Wants To Fuck My Girlfriend" habe ich ja den Urfehler eines Satirikers begangen und meine Satire erklärt. Da merkte ich schnell: Die verstehen das wirklich nicht und sind alle total empört. Auch nachdem ich versucht hatte, zu zeigen, wie ich das gemeint habe, ebbte es nicht ab. Es hieß dann: "Das macht der nur unter dem Deckmantel der Satire, eigentlich ist der voll frauenverachtend." Da wurde es dann so absurd, dass ich es nicht mehr ernst nehmen konnte.

teleschau: Vielleicht lag es auch daran, dass Sie mit Ihren überzeichneten Macho-Charaktere die bisweilen sexistische Realität ganz gut treffen ...

Ulmen: Das war ein Punkt in der Debatte, den ich sehr spannend fand: Manche Feministinnen und Feministen vertreten die Haltung, dass Satire das nicht darf. Dass Sexismus in Satireform immer noch Sexismus sei. Dass die Umkehrung von Sexismus durch Satire nicht existiere: Schließlich habe man etwas Frauenverachtendes in die Welt gesetzt. Da bin ich einfach grundsätzlich anderer Meinung.

teleschau: Die Frage wurde in der jüngsten Vergangenheit ja auch intensiv öffentlich diskutiert ...

Ulmen: Mit "Je suis Charlie" war Satire plötzlich in aller Munde, musste jederzeit alles dürfen. Mit einem Mal wurde Satire wieder verstanden als Sprachtool. In der Diskussion um "Who Wants To Fuck My Girlfriend" ging es dagegen darum, ob es überhaupt erlaubt ist, Sexismus satirisch zu thematisieren. Ihn auf die Spitze zu treiben.

teleschau: Ihre Antwort ist ein klares Ja?

Ulmen: Natürlich! Satire ist ja nichts anderes als eine Sprache, eine Ausdrucksform, die viel mit Verkehrung arbeitet. Wenn man diese Sprache aber nicht spricht, versteht man sie natürlich nicht. Aber man würde ja auch Japanisch nicht abschaffen, weil ganz viele Leute kein Japanisch sprechen. Das würde verlangen, dass man die Sprache der Satire erlernt, um mit Menschen zu kommunizieren, die Satire entweder betreiben oder sie gerne konsumieren.

teleschau: Haben Männer und Frauen in Ihrem Umfeld eigentlich unterschiedlich auf die Debatte reagiert?

Ulmen: Gleich verteilt - es gab Männer, die sagten: "Echt? Das ist doch frauenverachtend!" Die hatten mit der Grundidee auch ihre Probleme. Aber ansonsten gab es vor allem in der Entstehung des Formats Debatten: Wie machen wir's? Machen wir's überhaupt? Ich würde aber nicht sagen, dass Frauen empfindlicher reagiert hätten als Männer. Null.

teleschau: Trifft das Klischee des Film- und Mediengeschäfts als Macho-Welt aus Ihrer Sicht noch zu?

Ulmen: Meiner Erfahrung nach ist es keine Macho-Welt. Natürlich ist das Filmgeschäft nach wie vor mit Oberflächlichkeiten konfrontiert, und es geht oft einfach nur um den Look. Viele Schaupielerinnen bekommen Rollen, weil sie irgendwie aussehen. Manche auch nicht, weil sie nicht aussehen. Aber das betrifft genauso Männer. Es geht um die Oberfläche, und das meine ich auch überhaupt nicht wertend. Schließlich geht es nun mal darum, dass Bilder kreiert werden. Darum ist man sehr darauf fokussiert, wie etwas aussieht.

teleschau: Privat sind Sie ja ein Verfechter der Gleichberechtigung, wie Sie des Öfteren in Interviews erzählen ...

Ulmen: Ich erzähle vor allem einfach, wie es ist. Deshalb irritiert mich auch diese Debatte: Bei mir ist das nichts, worauf ich mich erst habe verständigen müssen. Das klänge dann wie jemand, der sich entscheidet, Veganer zu werden. Es war ja nicht so, dass ich die ganze Zeit als Mann das Geld nach Hause gebracht und dann gesagt habe: "Du, wir machen das jetzt auch mal mit 50:50". Sondern ich habe es nie anders erlebt. Mein Vater hat schon die Kotze weggewischt, als wir Kinder krank waren - schon damals war Fifty-Fifty. Und bei uns ist es auch so gewachsen - vollkommen organisch und selbstverständlich. Deshalb gibt es da nichts zu verfechten, und das entspringt auch keiner rationalen Überlegung, ein Statement zu setzen. Das ist alles völlig natürlich.

teleschau: Viele Ihrer Geschlechtsgenossen sehen und leben das nicht so ...

Ulmen: Natürlich sehe ich Leute, bei denen das nicht so ist. Auch in meinem Umfeld. Ich habe auch nie gesagt, es sei alles hundertprozentig in Ordnung. Trotzdem finde ich es wichtig zu zeigen: Es gibt sehr viele Männer und auch Paare, die vollkommen selbstverständlich und ohne Selbstgeißelung eine Gleichberechtigung leben. Das zu erzählen besitzt zum einen eine gewisse Vorbildhaftigkeit. Zum anderen wirkt es dieser Schwarzmalerei entgegen. Denn im Vergleich zu den 70er-Jahren sind wir der Gleichberechtigung gehörige Schritte nähergekommen.

Quelle: teleschau - der mediendienst