Nicholas Ofczarek

Nicholas Ofczarek





"Schön, anstrengend und grausam"

Obwohl Regisseur Lars Becker ("Nachtschicht") Hamburg-Fachmann ist, betraute er zwei Österreicher damit, korrupte Bullen der Hansestadt zu spielen. Nach dem gefeierten Krimi "Unter Feinden" (2013) verkörpern Nicholas Ofczarek und Fritz Karl in "Zum Sterben zu früh" (Montag, 09.11., 20.15 Uhr, ZDF) nun zum zweiten Mal diese Rollen. Erzählt wird die Vorgeschichte des ersten Teils. Es ist ein mitreißender Polizeifilm entstanden, der einem starken "Tatort" absolut das Wasser reichen kann. Nicholas Ofczarek, 44-jähriger Starmime am Wiener Burgtheater, beeindruckt in seiner Rolle so sehr, dass man sich fragt, wo der Mann die ganzen letzten Jahre gewesen ist. In Österreich kennt ihn jeder, doch hierzulande war er bisher eher ein Mann für die zweite Reihe. Das muss sich dringend ändern!

teleschau: Zwei Österreicher als Hamburger Polizisten. Ist das Teil der Globalisierung?

Nicholas Ofczarek: Den Fritz und mich amüsiert das auch immer wieder. Wir haben ja schon einen Film in dieser Figurenkonstellation gemacht. Vielleicht liegt es daran, dass unser Regisseur Lars Becker eine Affinität zu uns hat. Außerdem, wenn's schiefgeht und den Film niemand sehen will, dann waren's einfach die Österreicher (lacht). Aber im Ernst - anderswo spielt das gar keine Rolle, wo man herkommt. Da spielen Engländer Amerikaner und umgekehrt. Leute aus New York spielen Südstaatler und so weiter. Die eigene Sprache ist ein Werkzeug, das ein Schauspieler beherrschen sollte, finde ich.

teleschau: In "Zum Sterben zu früh" spielen Sie beide korrupte Polizisten und Kumpels, die wie Pech und Schwefel zusammenhalten. Wie gut kennen Sie sich privat?

Ofczarek: Mittlerweile sind wir Freunde. Eigentlich erst seit dem Dreh des ersten Films in Hamburg. Was natürlich lustig ist, denn wir sind beide Österreicher und lebten eine ganze Weile lang im gleichen Bezirk. Fritz ist ja inzwischen aus Wien weggegangen. Von den beiden Lars-Becker-Krimis abgesehen haben wir auch noch nicht allzu oft gemeinsam gedreht. Ich war die meiste Zeit am Theater. Erst in den letzten Jahren mache ich erheblich mehr Film und Fernsehen.

teleschau: "Unter Feinden" und "Zum Sterben zu früh" sind keine 08/15-Krimis. Können Sie erklären, warum?

Ofczarek: Zum einen sind es gar keine Krimis, sondern Polizistenfilme. Es geht vorwiegend um diese beiden Männer, ihren Job und ihr Privatleben. Vor allem ist es auch ein Film über Freundschaft. Das Besondere ist, dass die beiden nicht nur Polizisten, sondern auch Täter sind. Einerseits sind sie die Helden des Films. Sie machen aber auch viele dunkle und verbotene Dinge. Eigentlich sind sie ständig damit beschäftigt, ihre Haut zu retten. Es passiert nicht oft im deutschen Fernsehen, dass Figuren so üble Dinge tun wie die beiden, aber trotzdem als Sympathieträger fungieren.

teleschau: Profitieren Sie beim Film von Ihrer exzellenten Theaterarbeit? Und wie ist es umgekehrt?

Ofczarek: Neben der Abwechslung, die sich beim Arbeiten immer gut anfühlt, gibt es schon spezifische Erfahrungen, die man im anderen Job gut gebrauchen kann. Am Theater lernt man, eine Rolle, einen Charakter für die Bühne zu entwickeln. Das hilft beim Film ungemein, wenn man aus einem nackten Drehbuch einen Menschen entwickeln soll. Andererseits wird das geradlinige Spielen, diese nichttheatralische Spielweise, die beim Film gefordert ist, auch immer wichtiger für die Bühne. Da redet man heute von der neuen Geradlinigkeit am Theater. Die Regisseure sagen dann zum Beispiel: "Spiel mal ein bisschen mehr Film."

teleschau: Was gefällt Ihnen beim Film besser?

Ofczarek: Man ist ein freierer Mensch dort. Das Theater ist einer der letzten Horte der Diktatur (lacht). Es ist ja teilweise Wahnsinn, was da abgeht. Aber zurück zur Geradlinigkeit im Film. Mein Polizist in "Zum Sterben zu früh" ist als Charakter extrem geradeaus. Und ich muss ihm auch als Schauspieler nichts bescheinigen, was da nicht ist. Das Besondere ergibt sich aus dem, was er tut. Er ist auch ein Musterbeispiel dafür, wie Geradlinigkeit Figuren im Film trotzdem ein Geheimnis verleihen kann. Privat hat all das allerdings nichts mit mir zu tun. Sie kennen mich ja nicht, aber ich bin alles andere als geradlinig (lacht).

teleschau: Was ist, psychologisch betrachtet, der Hauptunterschied zwischen Drehen und Theater für einen Schauspieler?

Ofczarek: Dass beim Drehen das Publikum die Kamera ist. Man darf auf keinen Fall für die spielen, die um einen herumstehen. Die muss man quasi völlig ausblenden. Wenn du für die spielst, ist es vorbei (lacht). Man gibt also sein Bestes für die stumme Kamera. Mal ist man zufrieden damit, mal weniger. Manchmal kann der Schnitt noch ein bisschen was machen oder nicht. Schließlich dauert es ein Jahr, bis man etwas zu sehen bekommt. Wenn er ausgestrahlt wird, habe ich als Schauspieler kaum noch einen emotionalen Bezug zu dem Film. Sollte er also floppen oder einfach nicht gut geworden sein, tut es nicht so weh. Wenn's aber ein Erfolg wird, freut man sich trotzdem sehr (lacht). Insofern ist Film fürs eigene Wohlbefinden in der Regel besser.

teleschau: Und was spricht fürs Theater?

Ofczarek: Das Theater ist ein Abenteuer. Für den Schauspieler ist das Publikum dort auch ein Partner. Das Theater lebt von absoluter Unmittelbarkeit. Das Publikum sieht etwas, das in dieser Sekunde entsteht. Manchmal ist es sehr schmerzhaft, der Schauspieler zu sein. Es kann aber auch sehr schön werden. Generell sind Misserfolge häufiger als Erfolge. Das ist im Leben ja nicht anders. Deshalb freuen wir uns auch so über Erfolge (lacht).

teleschau: Sie sind ein Star an einem der besten Theater der Welt. Trotzdem sagen Sie: Die Misserfolge sind häufiger als die Erfolge?

Ofczarek: Na, ich spreche da aus der eigenen Perspektive. Theater kann von der Kritik hochgelobt sein, aber mir gefällt es trotzdem nicht. Andererseits kann es auch passieren, dass ich mit einer Rolle, einem Auftritt hochzufrieden bin, und das Ganze fällt durch beim Publikum. Das ist ebenso schmerzhaft. Aber es ist Teil meines Berufes, Dinge zu transportieren, ohne dass ich sage, wie es mir dabei geht. Ein Unterschied ist, dass man in einem großen Theater wie dem Burgtheater mit 1.300 Plätzen sowohl für die spielen muss, die in der ersten Reihen sitzen als auch für jene oben in der Galerie. Für die einen darf es nicht zu klein und für die andren nicht zu groß sein. Das sind besondere Fähigkeiten, die beim Film völlig egal sind. Beim Film hast du niemanden zu erreichen. Da geht es darum, jemanden an dich heranzuziehen.

teleschau: Ihre Frau leitet seit einem Jahr das Max Reinhardt Seminar, eine der besten Schauspielschulen der Welt. Heißt das, dass bei Ihnen daheim von morgens bis abends über Schauspiel diskutiert wird?

Ofczarek: Überhaupt nicht, machen Sie sich keine Sorgen. Schauspiel ist schon etwas, das uns interessiert. Auch technisch. Und das wird auch nie aufhören, uns zu interessieren. Aber - wir führen eine Ehe und reden meist über andere Dinge. Zurzeit sehr viel über Politik. Auch über Machtpolitik in den Institutionen, in denen wir arbeiten. Natürlich gibt es bei uns auch leichtere Themen (lacht). Und natürlich geht es um Kindererziehung ...

teleschau: Sie haben eine 17-jährige Tochter. Interessiert die sich auch für Schauspielerei?

Ofczarek: Ich fürchte, ja.

teleschau: Aber Sie selbst finden das nicht so gut ...

Ofczarek: Nun ja, es ist ein sehr schöner, aber auch anstrengender Beruf. Vor allem aber ist er grausam. Man braucht sehr viel Glück, und es geht keineswegs gerecht zu. Man ist sein eigenes Produkt. Da tut es schon sehr weh, wenn man kritisiert wird oder keinen Erfolg hat. All das möchte man seinen Kindern natürlich ersparen.

Quelle: teleschau - der mediendienst