Picco von Groote

Picco von Groote





Das schwierige Mädchen von gestern

Der gelernten Schauspielerin Picco von Groote, 1981 in Köln geboren, konnte man bis vor kurzem nur im Theater bei der Arbeit zuschauen. Mit einer Nebenrolle in Hans-Christian Schmids "Was bleibt" feierte sie erst 2011 ihr Drehdebüt. Danach ging alles recht schnell. Seit die dunkelblonde Rheinländerin ihr festes Bühnenengagment kündigte, folgte eine Rolle nach der anderen. Meist jedoch in der zweiten Reihe. Nun hat die in Frankfurt lebende Schauspielerin so etwas wie den Jackpot abgeräumt: Im RTL-Eventfilm "Starfighter" (Donnerstag, 12.11., 20.15 Uhr), der wegen des Germanwings-Absturzes von  April auf November verschoben wurde, spielt Picco von Groote die Hauptrolle. Es ist das Porträt einer Erin Brockovich-artigen Kämpferin, die im Deutschland der 60-er und frühen 70-er eine Schlacht gegen das System führte.

Anfang der 60-er kaufte die Bundeswehr ein futuristisch anmutendes Flugzeug für ihre Luftwaffe: die F-104 des amerikanischen Herstellers Lockheed, den sogenannten "Starfighter". 912 Kampfjets stellte die Luftwaffe in Dienst, 262 davon stürzten ab. 116 Piloten verloren dabei ihr Leben. Eine verheerende Bilanz. Die politische Affäre hinter der Anschaffung des offensichtlich unausgereiften Fluggeräts bestand darin, dass man Verteidigungsminister Franz Josef Strauß vorwarf, den Flieger gegen die Empfehlung vieler Experten einem sicheren Modell vorgezogen zu haben.

Die Verfilmung des Stoffes von Miguel Alexandre ("Die Frau vom Checkpoint Charly") firmierte lange Zeit unter dem Arbeitstitel "Witwenmacher" - denn eine Pilotenwitwe steht im Zentrum des Geschehens. Im 120 Minuten langen Drama wird die Wandlung einer jungen Frau von der naiv-liebenswürdigen Pilotenbraut hin zur Kämpferin erzählt. Picco von Groote, die sich im Casting als relativ unbekannte Schauspielerin durchsetze, glaubt zu wissen, welche Eigenschaften die Filmemacher in dieser Figur sahen. "Ich denke, sie haben eine Frau gesucht, die erst mal eine Leichtigkeit mitbringt. Der man aber auch eine Dringlichkeit und kämpferische Energie abnimmt, die am Ende des Films gefragt ist."

Während des Interviews lacht Picco von Groote, die wie sie sagt der Liebe wegen in Frankfurt lebt, öfter als man es tun müsste. "Ich bringe diese rheinische Lebensfreude mit und bin ein Kind meiner Heimat." Den ersten Teil des Rollenprofils, die Leichtigkeit, trägt sie also in den Genen. Für den Rest ist die Schauspielerin Picco von Groote verantwortlich. Aus einer bürgerlichen Kölner Familie stammt sie, der Vater war Kaufmann, die Mutter Arzthelferin. An ihrer Schule in Bad Honnef, wo die Familie hinzog, gab es eine Musical-AG und in Piccos Fall war es ausnahmsweise mal die Mutter, die der Tochter zum Beruf der Schauspielerin riet. "Auch wenn mein Vater anfangs nur mäßig begeistert war", wie sie plötzlich ungewohnt ernst erzählt - wohl eine recht unangenehme Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis abrufend.

2005 schloss die Dunkelblonde ihre Schauspielausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart ab, danach war sie lange Jahre fest am Staatstheater Hannover. "Ich wurde immer gefragt, was mir mehr Spaß macht, Theater oder drehen. Und dann musste ich immer sagen: Ich habe noch nie gedreht. Irgendwann wollte ich es wissen, und ich habe mich um Rollen bemüht. Es war aber echt schwierig, Termine zu finden, an denen ich keine Verpflichtungen am Theater hatte."

Picco von Grootes erster Film war 2012 die hochgelobte Kinoproduktion "Was bleibt" mit Lars Eidinger von Regisseur Hans-Christian Schmid ("23 - Nichts ist wie es scheint", "Crazy"). Seitdem dreht die 34-Jährige fast nur noch. Sie spielte in "Der Turm", war im letzten Leipziger "Tatort" mit Thomalla und Wuttke zu sehen und in verschiedenen ZDF-Abendkrimis. Als freiberufliche Schauspielerin fühlt sich von Groote heute sehr wohl, "ich wollte eigentlich von Beginn an gerne frei arbeiten", sagt sie. Ihre Hauptrolle in "Starfighter" wird ihr nun noch einmal eine deutliche Portion zusätzlicher Aufmerksamkeit bescheren.

Jene Betti Schäfer, die sie im Film spielt, gab es so allerdings nicht. Obwohl der Film viele tatsächliche Ereignisse und Personen des Starfighter-Skandals aufgreift. "Betti ist meines Wissens aus vielen verschiedenen Frauencharakteren zusammengesetzt, die damals für ihr Recht gekämpft haben. Eine dramaturgische Zuspitzung, nennt man das, glaube ich. Jene Frauen, die ihre Männer durch Starfighter-Abstürze verloren, haben eine Sammelklage gegen den Hersteller Lockheed eingereicht. Die Figur der Betti ist somit eine Vision des Drehbuchautors, wobei die Geschichte ja tatsächlich passiert ist. "

Picco von Grootes merkwürdigste Erfahrung beim Dreh war jedoch, wie anders sie sich in der Rolle einer unemanzipierten Pilotenfrau fühlte. "Es war schon merkwürdig", erinnert sie sich an ihr Gefühl als dekorative Sixties-Hausfrau. "Ich dachte, ich spiele einfach eine verliebte junge Frau, die sich durch die Ereignisse stark entwickelt. Um mich in die Figur zu versetzen, helfen natürlich Kostüm, Maske und Ausstattung. Der Frauentypus der damaligen Zeit ist mir aber persönlich sehr fremd. Es war fast ein bisschen beklemmend. Ich fühle mittlerweile eine große Dankbarkeit all den Emanzen gegenüber, die in den 60-ern und 70-ern gegen die alten Frauenklischees zu Felde gezogen sind und von denen wir heute natürlich profitieren."

Picco von Groote trägt ihre Rolle vom Jahr 1962 bis in die frühen 70-er hinein. Dabei wird ihr eine große Aufgabe zuteil, nämlich die Wandlung nicht nur einer jungen Frau, sondern einer ganzen Nation zu verkörpern, die in jenen zehn Jahren ein kritisches, politisches Bewusstsein entwickelte. Diese Entwicklung nimmt man der attraktiven Rheinländerin absolut ab. Es ist davon auszugehen, dass man bald mehr von Picco von Groote hören wird.

Quelle: teleschau - der mediendienst