Bettina Zimmermann

Bettina Zimmermann





Mit Humor durchs Abenteuer Leben

"Ich mag es, 40 zu sein, und ich liebe meinen Beruf", strahlt eine gut gelaunte Bettina Zimmermann. Tatsächlich scheint es gerade perfekt zu laufen für die schwangere Schauspielerin, die privat mit ihrem Partner Kai Wiesinger (49) ein Baby erwartet und in beruflicher Koproduktion mit ihm sehr erfolgreich eine eigene Webserien-Produktion auf die Beine gestellt hat. Vielleicht, so kommentiert sie fast zu bescheiden, habe das Format "Der Lack ist ab" ein "kleines Türchen geöffnet und einen neuen Weg aufgezeigt, den wir als eine Bereicherung für unsere Branche sehen". Hier die innovativen Zehnminuten-Episoden, die landauf, landab von der Kritik gelobt werden, dort die neue feste Rolle im ZDF-Klassiker "Ein Fall für zwei", wo sie in der neuen Staffel (ab Freitag, 30. Oktober, 20.15 Uhr) als Staatsanwältin mitmischt: Im Interview erklärt Bettina Zimmermann, warum das für sie absolut kein Widerspruch ist.

teleschau: Frau Zimmermann, wie ist es, heutzutage eine deutsche Schauspielerin von 40 Jahren zu sein?

Bettina Zimmermann: Es ist toll! Der Beruf eröffnet einem ja in jedem Alter neue Möglichkeiten. Die Rollen leben mit, sie verändern sich, mit jedem Jahr öffnet sich eine neue Tür, und mit 40 ist es besonders spannend, denn Film und Fernsehen befassen sich intensiver denn je mit dieser Altersgruppe. Ich mag es, 40 zu sein, und ich liebe meinen Beruf!

teleschau: Sie leben in einer sogenannten "Promi-Beziehung" mit Kai Wiesinger. Schwer?

Zimmermann: Für uns ist es eine völlig normale Beziehung. Wir haben beide nur denselben Beruf, der allerdings auch ein öffentliches Interesse mit sich bringt. Schwer wird es nur, wenn manche Medien versuchen, einem das Private zu nehmen, um kurz eine höhere Auflage zu erzielen. Vor allem wenn es um unsere Kinder geht, grenzen wir uns deutlich ab. Dass unser Berufsleben öffentlich wahrgenommen wird, heiß ja noch lange nicht, dass auch unsere Kinder in die Öffentlichkeit müssen. Sie sollen ihr eigenes Leben leben können.

teleschau: 40 sei das neue 30, heißt es. Können Sie damit etwas anfangen?

Zimmermann: Durchaus. Die Lebensumstände haben sich doch alleine im Vergleich zur Generation unserer Eltern schon gewandelt. Wir sind eine sehr offene Generation, bekommen oft viel später Kinder, wir probieren alles Mögliche aus, sind neuen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossen. Alleine schon, da die beruflichen Wege gar nicht mehr so klar sind wie früher - man muss viel flexibler sein. Das hält jung. Es geht weg von den alten Klischees - mit 35 oder 40 beginnt das ganze Abenteuer doch erst!

teleschau: Gemeinsam mit Kai Wiesinger haben Sie den Abenteuern Ihrer Generation die Webserie "Der Lack ist ab" gewidmet!

Zimmermann: Und die positive Resonanz darauf hat uns umgehauen! Die Folgen der ersten Staffel hatten fast vier Millionen Zuschauer - in fünf Monaten. Das ist sensationell und zeigt, wie gerne unsere Generation ins Netz geht und wie hungrig die Leute auf unkonventionell erzählte Geschichten über ihre Altersgruppe sind. Seit Anfang Oktober ist die zweite Staffel online, und wieder haben viele großartige Kollegen mitgemacht: Uwe Ochsenknecht, Christiane Paul, Johann von Bülow, Heinrich Schafmeister ... Sie haben ebenso wie wir großen Spaß an der Realitätsnähe unserer Geschichten. In der Serie wird so gesprochen wie im echten Leben, es ist so nah dran am Leben unserer Generation - es ist einfach gute Unterhaltung! Ja (lacht).

teleschau: Hatten Sie von Anfang an den Erfolg im Visier?

Zimmermann: Nein, uns ging es nur darum, etwas Neues auszuprobieren und genau das zu machen, worauf wir Lust haben: einmal keinen Krimi zu erzählen, keine Liebesgeschichte, sondern einfach kleine Episoden aus dem Alltag unserer Generation, so wie wir ihn selbst erleben. Alles, was wir tun, ist, zu versuchen, das ganz normale Lebensgefühl der über 35-Jährigen mit einem Augenzwinkern einzufangen.

teleschau: Was charakterisiert dieses Lebensgefühl für Sie?

Zimmermann: Dass wir uns in diesen Jahren ständig aufs Neue wundern: "Hä? Ich war doch eben noch 20 - was ist passiert?!" Man denkt, man ist total jung und hip, kann aber ohne Sehhilfe keine Speisekarte mehr lesen und spürt auch sonst, dass man eben nicht wirklich jünger wird.

teleschau: Das, was Sie meinen, merkt man besonders am Tag nach langen Partynächten!

Zimmermann: (lacht) Ja, genau. Das steckt man alles nicht mehr so gut weg. Wir 40-Jährigen sind cool, das Leben fühlt sich kaum anders an als mit Mitte 20 - doch wir entdecken zunehmend unsere Grenzen. Das ist eine Tragik, der man nur mit Humor begegnen kann, finde ich, und die Resonanz beweist: Wir sitzen alle im selben Boot. So darf man unsere Webserie gerne interpretieren.

teleschau: Geht es für Sie bei der Sache in erster Linie um die künstlerische Selbstverwirklichung?

Zimmermann: Der Gedanke war vor allem, proaktiv den Herausforderungen unserer Branche zu begegnen. Wir wollen nicht nur abhängig sein von dem, was da kommt, sondern selbst etwas auf die Beine stellen, das in die Zeit passt - inhaltlich und formell: mit zehnminütigen Fiction-Folgen zu jeweils einem einzigen Thema, die jederzeit und überall online abrufbar sind. Das Erstaunliche ist, so bestätigen uns viele, wie viel Tiefe man in dieser kurzen Zeit herstellen kann, wenn man sich von allen Vorgaben und Regeln eines festen Programmplatzes im Fernsehen mal freimacht. Wir Schauspieler genießen diese Freiheit, und Kai hat sich als Regisseur und Autor einen Traum erfüllt. Er sagt, dass er beruflich seit langer Zeit nicht mehr so glücklich war.

teleschau: Ist Ihre Idee auch als kleiner Fingerzeig für die Branche zu verstehen?

Zimmermann: Wir wollen für unsere Branche neue Wege öffnen, ja. Es ist kein Geheimnis, dass das Produktionsvolumen für gute Spielfilme hierzulande rückläufig ist, dass sich die Unterhaltungsstruktur verändert in Richtung Show- und Realityfernsehen. Es haben wohl auch immer weniger Leute die Zeit und Lust, sich am Abend, um 20.15 Uhr vor den Fernseher zu setzen, um einen Film oder eine Serie zu schauen. Die Sehgewohnheiten werden individueller. Vielleicht haben wir nun also ein kleines Türchen geöffnet und einen neuen Weg aufgezeigt, den wir als Bereicherung für unsere Branche sehen.

teleschau: Gehört ein Format wie die ZDF-Traditionsserie "Ein Fall für zwei" vor diesem Hintergrund nicht zu einer aussterbenden Art?

Zimmermann: Nein, so sehe ich das nicht. Die Serie ist Kult, und sie hat sich ja 2014 völlig neu erfunden. Die Hauptdarsteller Antoine Monot, Jr. und Wanja Mues stehen für ein jüngeres Fernsehen, und sie interpretieren das ungleiche Duo auch sehr modern und frisch, finde ich. Solche Serien wird es immer geben, aber sie müssen zeitgemäß erzählt sein, um heute erfolgreich zu sein. Nicht umsonst sind amerikanische Serien gefragter denn je.

teleschau: Aber interessanterweise sind sie das eher nicht im klassischen deutschen Fernsehen.

Zimmermann: Da muss man differenzieren. Einerseits gibt es ja immer noch ein breites Publikum, welches mit großer Freude deutsche Hausmannskost sieht! Das ist auch vollkommen berechtigt und gut so. Doch logischerweise gehen gute internationale Serien auch in Deutschland ihren Weg. Sie sind unter ganz anderen Bedingungen entstanden und bieten daher eine wesentlich größere Vielfalt, auch sehr zur Freude der deutschen Zuschauer - nur eben vorwiegend im Netz oder im stetig wachsenden Bezahlfernsehen. Aber: Die deutschen Fernsehzuschauer sind mehrheitlich sehr treu, sie schalten gerne das ein, was sie kennen, und vertrauen auf die großen Marken, wie "Tatort".

teleschau: Welche Konsequenzen hat diese Gemengelage?

Zimmermann: Alles Neue hat es da erst mal nicht leicht, das ist Fakt. Aber es darf, finde ich, gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine Ausrede dafür sein, nicht mehr auf Innovation zu setzen. Man muss es immer wieder probieren und gerade neuen Serien mehr Zeit geben.

teleschau: Wie finden Sie das, was gerade mit der "Tatort"-Reihe passiert?

Zimmermann: Dass es immer neue Teams in immer neuen Städten gibt? Das gefällt mir ehrlich gesagt nicht besonders. Ich hätte es besser gefunden, wenn die ARD mit all den großartigen Schauspielern eigene, neue starke Serien und Reihen aus der Taufe gehoben hätte. Qualitative Vielfalt heißt das Credo, mit dem das Fernsehen meiner Meinung nach in die Zukunft gehen sollte.

teleschau: Sie spielen bei "Ein Fall für zwei" jetzt eine Staatsanwältin, die sich im Beruf behauptet und als alleinerziehende Mutter durchschlägt. Eigentlich auch genug Stoff für eine eigene Reihe, oder?

Zimmermann: (lacht) Ja, vielleicht. Aber ich bin schon froh, dass ich mich in dieser spannenden Rolle neben Antoine und Wanja ausleben darf. Da liegt einiges drin.

teleschau: Was zeichnet Staatsanwältin Claudia Strauss aus?

Zimmermann: Dass sie im Alltag ihre Frau steht und dem ganz normalen Wahnsinn der Männerdomäne Staatsanwaltschaft trotzt. Ich wollte nicht nur die supertaffe Staatsanwältin zeigen, die alles im Griff hat, sondern eine eher unkonventionelle Frau, die ihre Ecken und Kanten hat und oft auch an der Grenze zur Überforderung balanciert. Sie will Gerechtigkeit und wenn es dafür die Zusammenarbeit mit dem Rechtsanwalt erfordert, dann steht sie auch dafür ein. Mit Benny Hornberg (Antoine Monot, Jr., d. Red.) liefert sie sich regelrechte Wettbewerbe, die zu Schlagabtauschen führen. Insgeheim macht es beiden Spaß, das würde sich aber niemals einer der beiden anmerken lassen. Ich wollte kein Klischee, sondern einen echten Menschen mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Ich finde, das ist realistisch und muss so sein - auch weil ich selbst mit Ungerechtigkeiten nicht klarkomme.

teleschau: Was sagt die prominente Schauspielerin mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn zu Fremdenfeindlichkeit und einer wiedererstarkenden Pegida-Bewegung?

Zimmermann: Ich freue mich natürlich erst mal darüber, dass es bei uns so viele Menschen gibt, die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Aber ich bin ehrlich gesagt auch fassungslos über die nun wieder allenthalben zu vernehmende Feindlichkeit gegenüber den Flüchtlingen. Das ist so erschreckend, denn keine Generation zuvor hatte einen besseren Informationszugang zu Bildung und Medien als diese. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und denen, die zu uns kommen, weil sie um Ihr Leben fürchten. Den Wirtschaftsflüchtlingen muss schon vorher durch Aufklärung klargemacht werden, dass sie bei uns keine große Chance auf Asyl haben. Und bei den Kriegsflüchtlingen, denke ich, muss doch jeder nachvollziehen können, dass diese Menschen einfach erst mal nur pure Hilfe zum Überleben brauchen.

teleschau: Sind manche Beweggründe der Asylkritiker für Sie nachvollziehbar?

Zimmermann: Ich kann verstehen, dass manche Angst haben, aber wir sollten auch nicht vergessen, dass vielen unserer Eltern und Großeltern auch auf ihrer Flucht damals geholfen wurde. Und glauben sie nicht, dass die meisten der Flüchtlinge so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat wollen, in ihre vertraute und geliebte Umgebung? Aber bei all der Hilfe hier sollte unser Augenmerk vor allem auch darauf liegen, die Ursachen der Flucht zu bekämpfen!

Quelle: teleschau - der mediendienst