Friedrich von Thun

Friedrich von Thun





Gentleman mit Rotweinstimme

Als "bayerischen Familienwestern mit lustvoll bösem Humor" kündigt die Produktionsfirma TV 60 den als Reihe geplanten Krimi "Schwarzach 23" (Samstag, 24.10., 20.15 Uhr, ZDF) an. Vater, Mutter, Tochter, Sohn - sie alle waren oder sind Polizisten und wohnen noch immer unter dem einen Dach mit der Titel-Hausnummer, auch wenn sie auf engstem Raum ihrer Wege gehen. Friedrich von Thun hält als Familienpatriarch und pensionierter Kommissar, der es nicht lassen kann, das Ganze mit Charme und Witz zusammen. Dank Publikumsrennern wie "Ärzte - Dr. Schwarz und Dr. Martin" mit Senta Berger oder "Die Verbrechen des Professor Capellari" ist von Thun (73), Vater des Schauspielers Max von Thun und der Tochter Gioia, einer der beliebtesten Schauspieler seiner Generation. Bereits 1984 wurde er für die Franz-Werfel-Verfilmung "Eine blassblaue Frauenschrift" mit internationalen Preisen überhäuft. In "Schwarzach 23" ist er nun ein Rentner, der auf seine spezielle Weise Ordnung schafft - einmal ganz anders, gegen den Strich besetzt.

teleschau: Es hat Ihnen ganz offensichtlich Spaß gemacht, diesen raubeinigen Ex-Polizisten zu spielen, unrasiert und seine Bauchfalten zeigend. Dieser Franz Germinger senior wirkt wie ein Alt-68er, der noch etwas nachzuholen hat.

Friedrich von Thun: Ja, so ist es. Dieser Franz Germinger ist sicher eine Figur, die mir privat nicht so wahnsinnig nahe ist. Aber es ist eine Freude, mal ganz anders zu sein. Der Franz ist ein Schlitzohr. Großartig, wie er einen befreundeten Polizisten zwingt, eine Pistole zu verstecken und damit seine Tochter vor der Entlassung rettet. "A Hund isser scho", sagt man da bei uns.

teleschau: Kostete es Sie Überwindung, diesen Franz senior zu zeigen, wie Gott ihn geschaffen hat, also auch mit durchaus beträchtlichen Bauchfalten?

Von Thun: Es mag komisch klingen, aber als Schauspieler hat man ja eine gewisse Lust, sich aufzumachen und nicht etwa den Bauch einzuziehen, wenn die Kamera läuft.

teleschau: Vor vielen Jahren, in der berühmten Axel-Corti-Verfilmung "Eine blassblaue Frauenschrift" waren Sie geradezu das Gegenteil des Ex-Polizisten Franz: ein braver Beamter, der es 1936 nicht wagt, sich zu seiner früheren jüdischen Freundin zu bekennen. War Ihnen dieser Opportunist in irgendeiner Weise nahe?

Von Thun: Nein, natürlich nicht. Aber es war reizvoll, einen Mann zu spielen, der mit der Wahrheit lügen kann. Ich weiß noch genau, welche Probleme ich damals beim Spielen hatte. Ich musste etwa einmal mit meiner Geliebten dastehen und gleichzeitig ein Telegramm an meine Frau schreiben und sie mit dem Kosenamen anreden. Ich sagte damals: Das kann kein Mensch! - "Doch, das kannst du, das musst du machen", sagte Corti, der Regisseur. Das sind die Herausforderungen, die diesen Beruf so spannend machen. Im Übrigen muss einem der, den man darstellt, nicht unbedingt nahe sein. Man bringt eher eigene Erfahrungen in Deckung mit einer Figur, die man nicht ist. Ich habe schließlich auch Mörder gespielt, ohne ein Mörder zu sein.

teleschau: Körpereinsatz ohne Barrieren ist heute besonders auf der Bühne sehr beliebt. Spielen Sie denn noch Theater?

Von Thun: Ich habe in den 60-ern an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater gespielt und danach Tourneen mit Hans Clarin, Christiane Hörbiger oder Axel von Ambesser gemacht. Es hat mich dann zum Film gezogen, ich habe selbst Dokumentarfilme gedreht. Heute hole ich in gewisser Weise manches nach. Ich mache Lesungen in Verbindung mit Musik. Ich war beispielsweise in London mit einer Musikgruppe aus Berlin. Ich lese Shakespeare, begleitet mit mittelalterlicher Musik. In Salzburg lese ich Per Gynt, mit den Münchner Symphonikern. Das ist mein Theater-Ersatz.

teleschau: Sie spielen Saxophon, und das ziemlich sensationell. Im Internet kann man Sie mit Konstantin Wecker bewundern. Haben Sie es früh gelernt?

Von Thun: Leider spiele ich zu wenig. In Düsseldorf, wo ich aus dem "Ozeanpianisten" lese, trete ich mit meiner Jazzband auf, wir spielen Swing, Cole-Porter- und Gershwin-Songs. Das Saxophon habe ich mir zum 60. Geburtstag selbst geschenkt. Zu Hause zu sitzen und bei CDs mitzuspielen, das ist mir zu langweilig. Man müsste ständig mit einer Band üben, aber dazu habe ich leider zu wenig Zeit. Also bleibt meine Musikkarriere verdientermaßen auf der Strecke.

teleschau: Im vergangenen Jahr haben Sie sechs Filme gedreht, darunter eben auch "Schwarzach 23". Wie fühlen Sie sich im angehenden Alter, mit nunmehr 73?

Von Thun: Jedes Stadium hat Vor- und Nachteile. Ich sehe das Altern nicht unbedingt als einen Prozess, der zu vermehrter Weisheit führt oder zu Abgeklärtheit. Ich möchte einfach neugierig bleiben. Mein Beruf macht mir große Freude. Solange ich gefragt bin und Aufgaben bekomme, werde ich spielen, auch wenn ich in diesem Jahr kürzer getreten bin.

teleschau: Ihre Samtstimme ist natürlich ein Geschenk, die geht wie guter Rotwein runter. Haben Sie die vom Vater geerbt?

Von Thun: Eher nicht. Ich weiß noch, wie ich meinem Vater eröffnet habe, dass ich Schauspieler werden will. Er wollte aber, dass ich erst etwas "Ordentliches" lerne. Und ein Arzt in Starnberg, der meine Eignung prüfte, hat mir sowieso strikt abgeraten. "Sie können jeden Beruf machen, aber keinen, bei dem Sie viel sprechen müssen", sagte der, weil bei meinen Stimmorganen alles asymmetrisch war. Das hat meinen Vater beruhigt.

teleschau: Apropos Vater: Sie stammen aus einem alten böhmischen Adelsgeschlecht, derer von Thun und Hohenstein, ihre Familie wurde nach dem Krieg vertrieben. Gibt es denn heute noch irgendwelche größere Familientreffen?

Von Thun: Ja, es ist eine große Familie, bestehend aus lauter normalen Menschen. Aber man trifft sich selten. Es gab mal einen historischen Kongress in Tetschen, dem böhmischen Stammschloss, bei dem es um die Familien ging, die während der Monarchie Einfluss hatten. Aber für richtige Familientreffen sind's zu viele Leute, zumal es nicht jeden interessiert.

teleschau: Haben Sie noch Erinnerungen an die Flucht, Sie waren damals vier Jahre alt?

Von Thun: Ich erinnere mich nicht mehr an zu Hause, aber an das Lager, in dem wir eingesperrt waren, an die Strohmatten in den Baracken. Auch, wie die Mutter ein Ei bekommen und es damals unter uns vier Kindern aufgeteilt hat. Die Verwandten wurden zur Arbeit im Uranbergwerk herangezogen oder wurden Straßenbahnschaffner. Für uns Kinder war die Vertreibung ein Glück. Andernfalls wären wir vielleicht heute Bauern in Mähren. Vor einigen Jahren habe ich mit meinem Sohn unser Schloss in Kwassitz besucht, wo ich geboren bin, die alten Zimmer. Es ist jetzt ein Altersheim. Das war schon sehr berührend.

teleschau: Heiner Lauterbach, mit dem Sie unlängst das Roadmovie "Letzte Ausfahrt Sauerland" gedreht haben, sagte, Sie seien bei den Leuten so beliebt, dass es ihn nerve. Worauf führen Sie es zurück?

Von Thun: Der Heiner hat da halt wieder mal so einen Spruch losgelassen. Aber ich suche eben nicht ununterbrochen die Konfrontation. Offenbar empfinden das einige Leute als angenehm und schätzen mich deshalb ein wenig mehr als andere.

Quelle: teleschau - der mediendienst