Unser letzter Sommer

Unser letzter Sommer





Eiskalter Sommer

Südostpolen, 1943: Der deutsche Soldat Guido (Jonas Nay) und der polnische Heizer Romek (Filip Piotrowicz) suchen in Kriegszeiten nach Normalität in ihrem Alltag. Nicht zuletzt als sich die Wege der jungen Männer kreuzen, sehen sie sich schwerwiegenden moralischen Entscheidungen gegenüber gestellt. Beim Montreal World Film Festival 2015 erhielt "Unser letzter Sommer" des Regisseurs und Autors Michal Rogalski den Preis für das beste Drehbuch.

Vorsichtig berührt der junge Heizer Romek einige Kleidungsstücke, die neben den Bahngleisen an der Desinfektionsrampe 333 liegen. Bestürzt zieht er seine Hand zurück und beobachtet seinen Vorgesetzten Leon (Bartlomiej Topa), der gierig verstreute Kleider einsammelt. Darunter eine rote Bluse, die Romeks Mutter wenig später tragen wird. "Von einer Leiche gefleddert" sei diese Bluse, sagt Romek zu ihr, wobei er ihr selbst einen geklauten Koffer auf den Küchentisch legt, der laut Aufschrift einer jüdischen Familie aus Berlin gehörte. Den Koffer schneidet Romeks Mutter brutal auf, zerfleddert auch ihn auf der Suche nach wertvollen Gegenständen. Sie wirft Familienbilder achtlos ins Feuer. Romek rettet aus dem Koffer das Grammophon, dessen Klang den jungen Soldaten Guido eines Nachts anlocken wird. Er lebt mit seinem Gendarmerieposten in einer beschlagnahmten Villa im Wald. Die Musik verbindet die beiden ebenso wie die Liebe zum Bauernmädchen Franka (Urszula Bogucka).

Aus der Perspektive dieser beiden Figuren, die sich immer wieder im Wald entlang der Bahnlinie begegnen und sich sprachlich nicht verständigen können, erzählt Michal Rogalski keine gänzlich geschlossene Geschichte, sondern die mal alltäglichen, mal grausamen Ereignisse in einem südpolnischen Waldstück während des Kriegssommers 1943.

Die Schrecken des Krieges hinterlassen in ruhigen und deshalb umso heftigeren Momenten Spuren im Leben der jungen Männer. Einmal findet Romek einen Geflohenen, der offenbar aus einem Zug springen konnte, aber nun mit zertrümmertem Körper und in Todesangst an einem Flussufer liegt. Der neue Oberleutnant (Steffen Scheumann) verlangt von Guido, einen Heuhaufen anzuzünden, in dem sich geflohene Menschen verstecken, um den jungen Feigling, wie er Guido nennt, abzuhärten. Auch die verstreute Kleidung entlang der Bahnlinie verweist schweigend auf die verschleppten Menschen, die mit dem Verlust ihres letzten, persönlichen Hab und Guts jegliche Individualität einbüßen.

Guido muss unter dem neuen Kommandanten ununterbrochen gegen seine eigenen moralischen Vorstellungen verstoßen, da er sonst selbst vor dem Kriegsgericht sein Leben zu verlieren droht. Romek rettet zwar die geflohene Jüdin Bunia im Wald vor den Deutschen und riskiert dafür sein Leben, verfolgt aber weiterhin seinen ganz persönlichen Wunsch auf der Warschau-Strecke Lokführer zu werden, was ihn zum Beteiligten an Deportation und Massenmord machen wird. Es ist die Stärke, des Films, dass er diese Ambivalenzen nicht glättet, sondern sie bewusst offen lässt. Und auch, dass er fast gänzlich auf Filmmusik verzichtet und seinen Bildern vertraut. So erzeugen die Ereignisse des Sommers das Unbehagen, dass es Romek und Guido nicht verhindern können, sich schuldig zu machen.

Dennoch ist der Film stellenweise schematisch, wenn er etwa das Leben von Romek und Guido permanent parallel führen möchte und er seiner Erzählweise der leisen Andeutungen nicht mehr vertraut. Dann wirken etwa die Liebesszenen wie konventionelle und deplatzierte Coming-Of-Age-Elemente.

Bei allen moralischen Dilemmata lässt "Unser letzter Sommer" Raum für die alltäglichen Gewohnheiten seiner Figuren und stellt sie nicht nur holzschnittartig als Faschisten dar. Der Film traut sich, ihnen als Individuen zu begegnen, die versuchen, die Kriegsjahre auf ihre Weise zu überstehen. Guido und seine ideologietreuen, aber undisziplinierten Kameraden haben sich in der Isolation des Waldes eine Routine eingerichtet, in dem sie Fußball spielen, baden gehen, und während der warmen Sommernächte ausgiebig feiern. Er selbst zieht sich einen kleinen Welpen als Wachhund heran. Oft klammert er sich an ihn, wie an ein Kuscheltier. Es waren Bilder aus dem Jahr 1943, die der polnische Regisseur bei seinen Großeltern fand und aus denen eines sprach: der Wunsch nach Normalität in einer wirren, unmenschlichen Zeit.

Quelle: teleschau - der mediendienst