The Walk

The Walk





Zwischen Himmel und Erde

"Warum forderst Du das Schicksal und den Tod heraus?" Über diese Frage muss Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) schmunzeln. "Der Tod - ich denke dabei nur an das Leben!", erzählt er und blickt voller Stolz zurück auf den größten artistischen Coup des letzten Jahrhunderts. Man mag die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sich ob des tollkühnen Wahnsinns abdrehen. Nützt alles nichts: Der Franzose Petit ist nunmal 1974 zwischen den Türmen des World Trade Centers hin und her spaziert. In 417 Metern Höhe. Auf einem dünnen Drahtseil von einem Zoll. Ohne Sicherung. Robert Zemeckis ("Forrest Gump", "Zurück in die Zukunft") erzählt in seinem neuen Film "The Walk" von diesem Drahtseilakt. Dabei gelingt dem Starregisseur ein unterhaltsamer und spannender Blockbuster, der als biografische Vignette funktioniert, aber auch als Reflexion über das Wesen der Kunst und nicht zuletzt als überwältigendes 3D-Spektakel zwischen den Wolken.

"The Walk" ist eine fesselnde Biografie, die einen hollywoodtauglich dramatisierten Ausschnitt aus dem Leben eines im positiven Sinne Verrückten zeigt. Eines Mannes, dem es vor allem darum geht, Grenzen zu überschreiten: Philippe Petit, dessen Coup auch Sujet des empfehlenswerten Dokumentarfilm "Man on Wire" (2008) ist, hat bei "The Walk" tatkräftig mitgeholfen.

"Ich gebe niemals auf", erklärt er seiner Komplizin Annie (Charlotte Le Bon). Ihr hat er zuerst von dem tollkühnen Plan erzählt, den er im Wartezimmer eines Pariser Zahnarztes fasste. In einer Illustrierten entdeckte er Ende der 60er-Jahre einen Artikel über den Bau des World Trade Centers. Und dachte: Zwischen den Zwillingstürmen muss sich doch ein Seil spannen lassen. Auch wenn das illegal ist und man dafür einen Coup landen muss, der stark an "Ocean's Eleven" erinnert.

Das Unmögliche möglich machen: "The Walk" ist auch eine Verbeugung vor dem steten Streben der Kunst, den Menschen neue Horizonte zu eröffnen. "Jeder Künstler ist ein Anarchist", weiß Philippe. Regeln sind in der Tat nichts für den Hitzkopf. Auch an Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht, an Demut hingegen schon. Einfach umzusetzen ist seine Idee nicht. Philippe sucht sich Mitstreiter. Von seinem Mentor Papa Rudy (Ben Kingsley) bekommt er nicht nur alle wichtigen technischen Details erklärt, sondern auch Respekt und Dankbarkeit gelehrt. Wenn man allein auf einem Seil tanzt, wenn man am Rand der Leere steht, sind Arroganz und Überheblichkeit die denkbar schlechtesten Begleiter.

Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt schmeißt den Film als geborener Entertainer mit Beatles-Perücke und französischem Akzent. Der 35-jährige Schauspieler aus Los Angeles hat das Funkeln in den Augen und die melancholische Sehnsucht eines Künstlers. Er gibt die unterhaltsame Rampensau, versteht sich aber auch auf die leisen Töne, wenn Philippe die Zweifel kommen, wenn seine Besessenheit unheimlich wird. So liebenswert-verrückt Philippe Petit ist: Er besitzt Ecken und Kanten, Zemeckis zeigt auch seine seine soziopathischen Züge und seine Rücksichtslosigkeit. Man schließt ihn ins Herz, diesen Hallodri, und doch wünscht man ihn immer wieder zum Teufel.

Zemeckis hat "The Walk" in 3D gefilmt und nutzt das Potenzial dieser Technik auch. Die stereoskopischen Bilder erweitern die Geschichte, sie ermöglichen neue Perspektiven. Es ist schlichtweg atemberaubend, was da auf der Leinwand zu sehen ist. Für Leute mit Höhenangst ist "The Walk" eine Schocktherapie, so sehr ist man als Zuschauer eingebunden - vor allem im letzten Teil des Films, der auf und zwischen den Türmen des WTC spielt.

Es sind aber nicht nur die aufregendsten Minuten des Films, sondern auch die ehrlichsten. Philippe ist endlich angekommen: bei sich selbst. 417 Meter über den Straßen New Yorks findet Zemeckis den Zugang zu Philippes Innerstem, inszeniert mit erhabenen 3D-Bildern und federleichter Ernsthaftigkeit. In luftiger Höhe und mit sanfter Komik erzählen diese Momente vom Zweifeln und Hoffen, von Respekt und Demut, von unbändigem Willen und grenzenlosem Optimismus - und vom Wesen der Kunst. Nicht zuletzt sind sie eine grandiose Liebeserklärung an die Twin Towers, die erst durch Petits Performance richtig in den Herzen der New Yorker ankamen. "The Walk" setzt ihnen völlig ohne Pathos ein Denkmal.

Quelle: teleschau - der mediendienst