Familienfest

Familienfest





Niemals durchatmen

Familienfeste wurden in Fernseh- und Kinofilmen zur Genüge thematisiert. Braucht es dieses auch noch? Warum verfilmte Lars Kraume, Regisseur der gleichermaßen ernsten wie unterhaltsamen Produktionen "Keine Lieder über Liebe" und "Der Staat gegen Fritz Bauer", erstmals nicht sein eigenes Drehbuch? War dieses wirklich so gut? Und welchen Grund hat es, dass Schauspieler wie Hannelore Elsner, Lars Eidinger, Marc Hosemann, Barnaby Metschurat und Günther Maria Halmer im Ensemble auftauchen? Ist es gerechtfertigt, dass dieser Fernsehfilm nun eine Plattform im Kino bekommt? Allesamt Fragen, die sich nach dem Schauen des wunderbaren Dramas "Familienfest" erübrigt haben.

Hannes Westhoff, ein unnahbarer Pianist, ist 69 Jahre alt, hat drei Söhne und eine fürsorgliche Frau. Das war nicht immer so. Früher, als die Kinder klein waren, war er mit einem ganz anderen Kaliber (Hannelore Elsner) verheiratet. Renate trank zu viel, er schlug sie. Und er weiß bis heute warum. Die Kinder haben das alles vergessen, verdrängt, sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Max (Lars Eidinger) hat schon auf der Fahrt einen Unfall und landet im Krankenhaus. Frederik (Barnaby Metschurat) plagt sich seit Tagen mit Übelkeit, will er seinem Vater doch seinen Lebensgefährten vorstellen. Gregor (Marc Hosemann) hingegen grübelt über den besten Zeitpunkt nach, Hannes anzupumpen. Zweit-Mama Anne (Michaela May) hält den Laden zusammen und behauptet, Hannes wollte sie alle um sich haben zu seinem 70. Nun - das ist gelogen.

Derlei Filme graben sich tief unter die Oberfläche, Eidinger beispielsweise tat dies vor drei Jahren in Hans-Christian Schmids "Was bleibt". Doch Regisseur Kraume ist anders. Unerwartet zaubert der angeschlagene Max eine Freundin aus dem Hut (Jördis Triebel), die den Besuch aus der Perspektive des Zuschauers erlebt und staunt. So wie wir darüber, dass Hannes erst mal seine liebe Frau umfährt. Spätestens bei ihrer Frage "Warum fährst du mich denn um?" muss man unweigerlich lachen. Michaela May trifft in ihrer doch so ausgelatschten Rolle der harmoniebedürftigen Gluckenmama den Ton perfekt.

Alle anderen ebenfalls: Von Hannelore Elsner bis Marc Hosemann liefern die Darsteller prächtige Einzelleistungen ab. Was gibt Barnaby Metschurat für ein erbarmungswürdiges Päckchen Unsicherheit! Was sind das für gnadenlose Dialoge, was für ein hervorragendes Drehbuch! Eines, das Kraume bestimmt gern selbst geschrieben hätte, aber auch eines, das er sich zielsicher zu eigen machte. Der größte Unterschied zu vergleichbaren Produktionen: "Familienfest" nimmt sich keine Pause zum Durchschnaufen. Wo andere unverzagt ein Streichholz nach dem anderen aus der Packung holen, um Hoffnungslichter zu entzünden, bleibt es hier dunkel. Egal was kommt.

Selbst der endgültige Abschied von einem Familienmitglied ändert nichts am groben Umgang miteinander. Auch eine Annäherung an den Vater, verbunden mit dem Versuch einer Erklärung, bringt das gelungene Drama nicht aus der Bahn. Schwer vorstellbar, dass jemand unberührt aus dem Kino kommt, verständlich, wenn so mancher froh ist, dass hier keine Überlänge ertragen werden muss. Mehr muss, im positivsten Sinne, wirklich nicht sein.

Quelle: teleschau - der mediendienst