Walter Sittler

Walter Sittler





"Es gibt immer Gescheitere, Bessere und Stärkere"

"Ich weiß, dass ich der Beste bin, man muss mir nur eine Chance geben", sagt Hartmut Sprenger, ehemaliger hochdotierter Marketingchef und heutiger Gelegenheitsjobber. Gelegenheitsjobber, das heißt in Sprengers Fall: mobiler Bratwurstverkauf auf dem Berliner Alexanderplatz. Sprenger rackert sich ab, Tag für Tag, nicht zuletzt für seine pubertierende Tochter Olivia, deren Internatsplatz er finanziert. Olivia und Sprengers Ex-Frau Katrin haben keine Ahnung vom anstrengenden Leben des Familienvaters, weil dessen Schamgefühle nach der fristlosen und anonymen Kündigung zu groß sind, als dass er seine Geschichte ehrlich erzählen würde. "Hartmut Sprenger hat Angst davor, die Liebe, Zuneigung und auch Bewunderung seiner Familie zu verlieren", sagt Walter Sittler, der Sprenger in der ZDF-Komödie "600 PS für zwei" (Donnerstag, 22. Oktober, 20.15 Uhr) spielt.

Und der Schauspieler weiß, dass Sprengers Versteckspiel nicht lange gut gehen kann: "Irgendwann muss der echte Mensch zum Vorschein kommen, wenn man glücklich leben will - und wer wollte das nicht."

Tatsächlich trifft Sprenger bald auf den Mann, der für seine Misere verantwortlich ist: Personalchef Lorenz Hoffmann, gespielt von Herbert Knaup, der ein Luxusauto überführen soll und Sprenger per Anhalter mitnimmt. Nichtsahnend, dass Lorenz bald schon bemerkt, wer da neben ihm im Wagen sitzt, geht Sprenger auf eine Abenteuerreise, einen scheinbaren Buddy-Roadtrip, der ihn wieder zu dem machen sollen, der er mal war: eben jener echte Mensch.

Sittler, geboren in Chicago und bis heute Besitzer der doppelten Staatsbürgerschaft (Vater amerikanischer Literaturprofessor, Mutter Lehrerin), hat auf seinem eigenen Karriereweg noch keine Sprenger-artigen Erfahrungen machen müssen. Aufgewachsen in Deutschland, besuchte Sittler mehrere Internate, studierte Schauspiel in München, ging zum Theater, erst nach Stuttgart, dann nach Mannheim, bevor er dort landete, wo er bis heute ein bekanntes Gesicht ist: beim Fernsehen.

Der privat wie schauspielerisch für seine zurückhaltende, besonnene Art bekannte Sittler trat in zig Serien und Filmen auf, "Girl Friends" (an der Seite von Mariele Millowitsch) und "Nikola" zählten anfänglich zu den bekanntesten. Bekannt und bekannter wurde Sittler sehr schnell. Die Rollen wurden größer, die Produktionen populärer. "Traumschiff", "Polizeiruf 110", dann der Ermittler in der deutsch-schwedischen Krimireihe "Der Kommissar und das Meer": Es lief und läuft für den heute 62-Jährigen.

"Mein Beruf hat mir sehr viel Glück gebracht", blickt Sittler zufrieden, aber in Demut zurück. "Ich hatte nie Phasen, in denen ich nicht wusste, wie es weitergeht." Was wohl auch daran lag, dass Sittler nicht wie Sprenger denkt. Für Sittler gibt es "immer Gescheitere, Bessere und Stärkere als man selbst". Selbsterhöhung in der Krise - für Sittler keine Option. Allerdings wisse er nicht, ob er denn wie Sprenger handeln und sich selbstbewusst und mutig in die Innenstadt stellen und Würstchen verkaufen könnte: "Ich hoffe es, aber beantwortet wird das erst, wenn die Zumutung an mich herantreten sollte, was ich nicht hoffe."

Sittlers selbstreflektierte Art kommt nicht von ungefähr. Schon lange macht er sich seine Gedanken über die Gesellschaft und seinen Platz darin, über Politik und dessen Folgen, ist engagiert, etwa als Demonstrant gegen das bis heute umstrittene Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21", streitet in Talkshows. Es ist ganz nach seinem Geschmack, dass "600 PS für zwei" neben dem hohen Unterhaltungsfaktor auch eine politisch-kritische Note enthält und die gängigen, deshalb aber nicht unbedingt umgänglichen Arbeitsmarktstrukturen ins Visier nimmt. Es ist ein Film, der über lange Strecken unserer Gesellschaft einen Spiegel vor hält, ohne dabei den Zeigefinger zu sehr zu erheben. Es geht um den ständigen Leistungsdruck, unter dem jeder steht, und dem eben nicht jeder standhalten kann - was ihn oft zum Außenseiter macht.

Kennt Sittler womöglich die Lösung des Problems? Sein Vorschlag: Demokratie- und Ethikunterricht schon in den Schulen, später an den Universitäten, an Wirtschaftsschulen, überall. Und Sittler hat noch mehr Ideen: "Es könnte auch sein, dass Menschen in sehr verantwortungsvollen Positionen, die mit unvorstellbaren Summen und viel Macht umgehen müssen, sich hin und wieder einer Supervision unterziehen sollten, möglicherweise sogar müssten. Möglicherweise wäre es sogar gut und könnte gefördert werden, dass man sich immer mal wieder für einige Zeit zurückzieht, um nachzudenken."

Sittler selbst weiß ganz genau, mit wem er mal einen "600 PS für zwei"-mäßigen Trip unternehmen möchte: "Mit unserer Bundeskanzlerin."

Quelle: teleschau - der mediendienst