Ava Celik

Ava Celik





Zwei Frauen, ein Temperament

Sie ist über beinahe 90 Filmminuten verschleiert. Dennoch beeindruckt Ava Celik im starken ZDF-Integrationsdrama "Die Neue" (Montag, 19.10., 20.15 Uhr, ZDF). Celik spielt eine muslimische Schülerin an einem Berliner Gymnasium, die mit Intelligenz und scheinbar unerbittlich auf ihre religiösen Rechte pocht. Damit bringt sie eine liberale Lehrerin (Iris Berben) wie auch den gesamten Schulapparat beinahe zum Kollaps. Ein Porträt der 25-jährigen Schauspielerin Ava Celik, die diese Rolle so glaubhaft verkörpert.

Als Sevda voll verschleiert, nur die Augen sind zu erkennen, ihren neuen Klassenraum betritt, hallen aus den hinteren Reihen imitierte Maschinengewehrsalven und Terrorismus-Witze. Doch der Blick des zierlichen Mädchens bleibt gerade, ihre Worte sind fest. Ava Celik spielt eine intelligente Muslima, die aus einem liberalen, nichtreligiösen Elternhaus stammt. Eine, die sich aus freien Stücken für das Leben als strenggläubige Islam-Anhängerin entschieden hat.

"Meines Wissens", fasst Ava Celik den besonderen Ansatz dieses ZDF-Montagsfilms von Regisseurin Buket Alakus zusammen, "wird zum ersten Mal ein junges Mädchen gezeigt, das das Kopftuch trägt und dabei nicht unterdrückt wird. Diese Art der Präsentation ist neu, und insofern müssen sich, glaube ich, einige Fernsehzuschauer in Deutschland erst einmal damit anfreunden."

Tatsächlich musste sich Ava Celik in diese Sichtweise der Dinge ebenfalls erst einarbeiten. Ihre Eltern kamen vor 40, 45 Jahren als Kinder nach Berlin. Ava wuchs in Berlin-Charlottenburg in einem nicht-religiösen Umfeld auf. Dort besuchte sie ein Gymnasium und fing früh an, ihren künstlerischen Interessen nachzugehen. "Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die kulturell extrem vielfältig ist. Natürlich habe ich viele Verschleierte gesehen, aber tatsächlich hatte ich mich vor dem Film nicht groß mit dem Thema auseinandergesetzt." Dies tat sie dann mit Hilfe von Betül Ulusoy. Die Berliner Bloggerin, angehende Juristin und Kopftuchträgerin wurde dadurch bekannt, weil sie sich ein Rechtsreferendariat in Berliner Bezirksamt Neukölln erstritt. Ulusoy wollte während ihrer Arbeit Kopftuch tragen und war für Celik Beraterin in Sachen Rolle und Film.

"Es gibt sehr viele unterschiedliche Gründe für muslimische Frauen, ein Kopftuch zu tragen", hat sie dabei gelernt. "Oft wird das trotzdem alles über einen Kamm geschoren, indem man sagt: Das ist eine Frau, die durch den Islam unterdrückt wird." Doch warum sollte eine aufgeklärte junge Frau - neben ihrer religiösen Verpflichtung - überhaupt Lust auf Kopftuch haben? "Sevda geht es um Beständigkeit", bringt Ava Celik die Diskussion auf eine andere Ebene. "Sie wächst in einer Generation mit ständig wechselnden Trends auf. Es gibt keine wirkliche Konstante. Genau danach sehnt sie sich aber. Gleichzeitig will sie Dinge hinterfragen und sie sich bewusst machen. Sie will wissen, warum man Marken trägt oder warum junge Frauen sich schminken müssen. All das sind berechtige Fragen, die man als junger, intelligenter Mensch heute durchaus stellen kann."

Ava Celik hat sich mit diesen Fragen künstlerisch und als interessierte Staatsbürgerin auseinandergesetzt. Sie selbst ist als deutsche Türkin der zweiten oder dritten Generation so integriert, wie man es nur sein kann. "Ich hatte nicht das Gefühl, ich bin Türkin oder sonst etwas. In meiner Klasse oder auf meiner Schule war das auch nie ein Thema. Ich habe keine Erfahrungen mit Ausgrenzung, Stigmatisierung oder Sich-erklären-müssen gemacht." Celik, eine zierliche junge Frau mit feinen Gesichtszügen, gibt auf ihrer Sed-Karte - einer Art Bewerbungsprofil von Schauspielern - an, ein Spielalter von 21 bis 28 Jahren verkörpern zu können. Tatsächlich sieht sie aber so jung aus, dass auch Schülerinnen gerade noch drin sind.

Wer jung, zart und südländisch aussieht, wird schnell unterschätzt. Diesen Fehler sollte man bei Ava Celik aber keineswegs machen. Alles, was sich die 25-Jährige in ihrer jungen Karriere aufgebaut hat, erreichte sie durch beharrliches Dranbleiben und strategische, wenn auch lustvolle Entscheidungen. Weil sie wusste, dass ein oder zwei Mitschüler ihres Charlottenburger Gymnasiums als Schauspieler arbeiteten, wollte sie das auch probieren. Die Schülerin ging zu einer Casting-Agentur, stellte sich vor und wurde bald für Rollen besetzt. Diese waren anfangs klein, in Serien und TV-Filmen angesiedelt, aber es waren über die Jahre eine Menge.

In "Kückückskind" spielte die Autodidaktin 2013 dann eine Hauptrolle. In der ZDF-Komödie kommt heraus, dass sie als Baby verwechselt wurde und nun von ihrer traditionellen türkischen Familie in einen deutschen Edelhaushalt umziehen soll. 2016 wird Ava Celik in einer größeren Episodenrolle im "Tatort" mit Wotan Wilke Möhring zu sehen sein. Auch in Til Schweigers Kino-"Tatort" ist sie mit dabei. Gelernt hat Ava Celik ihren Beruf beim Spielen, die Schauspielschule war bei ihr nie ein Thema. Stattdessen will sie ihre Freiheiten genießen. Die 1,61 Meter große Berlinerin verfolgt nämlich noch andere Interessen. Ihr Studium der Philosophie und Filmwissenschaften hat sie fast abgeschlossen, nur die Bachelor-Arbeit fehlt noch. Zudem arbeitet sie als Fotografin, Schwerpunkt: Porträts.

Dass sie die Schauspielerei als Hauptberuf ansieht, daran lässt Ava Celik dennoch keinen Zweifel. "Ich bin mir sicher, dass ich das machen will. Mir persönlich tut es aber immer wieder gut, mich auch von anderen Dingen inspirieren zu lassen. Ich denke, dass man daraus neue Ideen und Kraft für das Schauspiel gewinnen kann. Deshalb ist es gut, wenn man daneben noch eins, zwei Sachen macht, die einen im Leben interessieren." Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen Ava Celik und Kopftuchträgerin Sevda im Film "Die Neue" geben sollte, dann ist es die Beharrlichkeit, mit der beide jungen Frauen ihre Ziele verfolgen. Sehr viel klarer geht es in diesem Alter wohl nicht.

Quelle: teleschau - der mediendienst