Wanda

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Tiefstapelei im Höhenflug

"Beim nächsten Mal nehmen wir einen Boxsack mit bei solchen Reisen", raunt Marco Michael Wanda nach dem x-ten Gespräch im Zuge eines Interviewmarathons. Wandas charismatischer Frontmann ist sicherlich ein eigener Charakter, mit eigenem Witz und eigenem Selbstverständnis - tief durchdrungen von seiner Heimatstadt Wien. Neben ihm sitzt Bandkollege und Gitarrist Manuel Christoph Poppe, etwas entspannter als der Kollege, aber nicht weniger wienerisches Rock'n'Roll-Original. Der Drehaschenbecher vor ihnen hat schon einige Kreisbewegungen hinter sich, hier in einem kleinen Biergarten eines Münchner Hotels. Das Radler schmeckt, die Sonne scheint. Doch die über alle Maße gehypten Mitt- bis Endzwanziger sehnen sich nach ihrem eigenen Bett, nach Wien. An Promotion-Interviews für ihr zweites Album "Bussi" (2. Oktober) kommen sie aber nicht vorbei, vor allem nicht nach ihrem Wechsel zu einem Majorlabel.

teleschau: Versiegt nun Ihre Punk- und Indie-Attitüde mit dem großem Plattenvertrag und immer größeren Hallen?

Marco Michael Wanda: Ganz im Gegenteil. Ich glaube, es wird jetzt immer mehr Rock'n'Roll. Dazu gehört das Reisen, man macht neue Lebenserfahrungen. Punk ist Freiheit, wie wir alle wissen. Also glaube ich, dass wir jetzt erst eine Punk- und Rock'n'Roll-Band geworden sind.

teleschau: Wo spürt man die Veränderung?

Wanda: Die Musik wird lebendiger, je heimatloser man wird, je länger man unterwegs ist - wenn man sich mehr mit sich selber auseinandersetzt und dem Leben an sich.

teleschau: Heimatloser? Aber die ewige Brücke nach Wien bricht nicht ab? Oder werden Wanda immer "deutscher" durch den Erfolg hierzulande?

Wanda: Nein, ich kann ja auch nur so singen wie ich rede, denke und träume. Und da werden Wien und das Wienerische immer eine Rolle spielen.

teleschau: Was ist Ihr Wien? Das etwas räudige Beisl-Wien oder die Prachtbauten in der Innenstadt?

Wanda: Ich habe mein Bett momentan eigentlich am liebsten. Und meinen Küchentisch.

Manuel Christoph Poppe: Das eigene Bett, Gott, da hast du wieder etwas losgestoßen.

Wanda: Tut mir leid! Um zur Frage zurückzukommen: Als Kind fand ich die Innenbezirke immer sehr aufregend. All die Statuen, Fresken, Schriften und Bilder. Barockzeug und alles Mögliche. Das fand ich sehr faszinierend. Als Erwachsener dann eher die Kneipen, in denen der Alkohol billig ist. So hat sich das gewendet.

teleschau: In Wien behauptet jeder Kneipenbesitzer, dass Falco bei ihm seinen festen Platz hatte. Wird man das von Ihnen auch bald behaupten?

Wanda: Wenn sich die Stadt Wien das leisten kann, könnte man an jedem zweiten Lokal das Schild anbringen: "Hier wurde Marco Michael Wanda des Lokales verwiesen". Das kann schon passieren.

teleschau: Wird Ihnen Wien nicht irgendwann zu klein? Stadtmaskottchen wollen Sie bestimmt nicht werden.

Poppe: Wien ist die zweitgrößte deutschsprachige Stadt der Welt.

Wanda: Bis uns alle kennen, können wir dort eh noch kreuz und quer durch die Lande ziehen.

teleschau: So bleiben Sie natürlich auch Exoten für uns Deutsche ...

Wanda: Man kann nicht leugnen, dass man interessant ist, wenn man plötzlich aus Wien daherkommt. Wien wird ja aktuell auch gerne als Popweltstadt bezeichnet. Da braut sich was zusammen. Aber es geht vor allem um Musik.

teleschau: Ihr Charme trägt aber auch in einem gehörigen Maße zu Ihrem Erfolg bei. Ist der typisch österreichisch?

Wanda: Eigen, aber auch österreichisch. Aber grundsätzlich würde ich behaupten, dass ich gar nicht charmant bin. Das ist ja eher eine Groschenromanvorstellung, was Charme wirklich ist. Ein Popstarkultding.

teleschau: Als Frontmann sollte man aber doch Charme besitzen.

Wanda: Wenn das heißt, lieb dreinzuschauen und immer mal zu lächeln, dann bin ich sicher charmant.

teleschau: Sie behaupteten in einem früheren Interview, die Deutschen würden sich nach Ihrer "Unverkrampftheit" sehnen.

Wanda: Unser Kulturkreis konsumiert täglich Kohletabletten, wir sind total entkrampft. (beginnt zu singen, d. Red) "I'm an alien, I'm a legal alien / I'm a Austrian boy in Germany" (lacht). Ich weiß nicht, ich komme mir selbst gar nicht locker vor. Ich komme mir total angespannt vor und überdreht, immer schon.

teleschau: Der Österreicher macht sich eben auch gerne schlechter, als er ist.

Wanda: Er stellt das Gute an sich halt lieber zum Allgemeinwohl zurück.

teleschau: Und er besitzt Schmäh. Kommt man damit wirklich besser bei Frauen an, wie Sie auf "Bussi" behaupten?

Wanda: Ich komme gar nicht bei den Frauen an (lacht).

teleschau: Das kann man als Rockstar auch nicht mehr behaupten, oder?

Wanda: Ich komme mir wie der liebe Augustin auf der Bühne vor. Ich weiß es nicht. Aber sicher kommt man mit Schmäh gut an bei Frauen. Und Frauen kommen mit Schmäh auch gut bei Männern an.

teleschau: Was macht Schmäh bei einer Frau aus? Die Charaktereigenschaft wird mehrheitlich Männern zugedichtet.

Poppe: Nein, Schmäh ist etwas Charakterliches, was kein Geschlecht kennt. Eine Frau, die spannende Dinge sagt und sich lustig wie charmant äußert, kommt bei einem Mann besser an. So wie das eben auch umgekehrt der Fall ist.

Wanda: Ich mag einen guten Schmäh. Auf jeden Fall. Ich habe jetzt umgekehrt in diesem Tauschhandel wenig zu bieten. Aber wenn mich jemand belustigt, dann freue ich mich immer.

teleschau: Nach eigener Aussage machen Sie Lieder über Liebe, Leben und den Tod - kann man damit noch fünf Alben füllen?

Wanda: Ja, aber hallo. Unerschöpflich ist das. Das sind die Themen, die immer bleiben werden.

teleschau: Gerade der Tod scheint es Ihnen angetan zu haben, wieder typisch wienerisch ...

Wanda: Nicht nur. Allen Ginsberg meinte mal in einem Interview, ein Dichter werde nur dann berühmt, wenn er ausgiebig über den Tod schreibt. Dem muss man sich stellen als Dichter, unbedingt.

teleschau: Sind Sie also auch Dichter ...

Wanda: Nein, aber Allen Ginsberg war einer. Der wird's wissen.

Poppe: Wir müssen alle sterben.

teleschau: Aber warum stellt das ein Österreicher eher heraus als ein Deutscher?

Wanda: Wir hatten diesen Freud und all die Pionierpsychologen. Die ganze jüdische Intellektuelle mit einem aufregenden Weltbild, wie ich finde.

teleschau: Und das saugt jeder Wiener auf?

Wanda: Das kommt in Wien. Bei mir verstärkt, weil meine Mutter Psychotherapeutin ist und mir immer wieder Bücher zugesteckt hat: "Lies das! Lies den Carl Gustav Jung, lies den Freud! Lies mal ein Ringelnatz-Gedicht!" Und was auch immer. Dadurch bin ich unweigerlich in so einen altehrwürdigen geisteswissenschaftlichen Diskurs eingestiegen. Ja, wir hatten eine ganz tolle Intellektuelle in Wien.

Poppe: Mein Vater war Koch, und der sagte immer: "Das Leben ist zu zwei Dritteln scheiße, zu einem Drittel einigermaßen erträglich. Nur in Momenten ist man zufrieden."

teleschau: Das ist schon sehr negativ ...

Wanda: Das ist Wien. Willkommen! (lacht)

teleschau: Aber Sie drücken doch auch Lebensfreude aus.

Wanda: Ja natürlich, aber das weiß der Wiener ja. Der Wiener weiß, dass all dieses Denken unweigerlich dazu führt, dass dieses Leben ganz viel wert ist.

teleschau: Wie nun auch mit Ginsberg geschehen, zitieren Sie, Herr Wanda, gerne Lyriker und Wissenschaftler in Interviews. Passt ja gar nicht zum Bild des biertrinkenden Beisl-Besuchers.

Wanda: Man kann ja genauso im Beisl einen Scheiß über Philosophen daherreden.

teleschau: Aber das muss man sich ja auch erst einmal anlesen. Es wird also nicht bei den paar Büchern von der Mutter geblieben sein ...

Wanda: Das kriegt man auch im Beisl mit. Sind ja nicht deppert die Leute.

teleschau: Also lernen Sie am meisten von den Leuten, mit denen Sie im Wirtshaus diskutieren?

Wanda: Ich lerne von allem, vor allem aus Niederlagen. Und vom Umfallen.

teleschau: Gab's das in der musikalischen Karriere schon?

Wanda: Ja, natürlich. Seine Miete endlich davon finanzieren zu können, da gehörte viel Umfallen dazu. Das schien absolut unmöglich, jahrelang. Ich hatte die Idee auch schon verworfen. Und jetzt ist das passiert.

teleschau: Verpassten wir in den Jahren zuvor die österreichische Musikszene oder war keine vorhanden?

Wanda: Nicht mehr oder weniger als irgendwo anders, glaube ich.

Poppe: Die Szene gab's immer, aber eine Musikindustrie gab es nicht.

Wanda: Wir gehörten aber auch noch nie einer Szene an. Egal wen Sie fragen, ich glaube nicht, dass jemand das Gefühl hatte, Teil einer Szene gewesen zu sein. Auch heute nicht.

Poppe: Aber ich würde schon sagen, dass zumindest der Nino aus Wien ein lieber Freund von uns ist. Einer der wenigen aus dieser sogenannten Szene. Aber wenn man eine Szene sucht oder sich in einer aufhält, dann wird man eher drogensüchtig, als dass man seine Kunst dadurch bereichert.

teleschau: Nino aus Wien gilt als Kunstfigur, trifft das auch auf Sie zu?

Wanda: In Deutschland wird darüber immer so ein Wirbel gemacht. "Was steckt bei Euch dahinter, seid Ihr wirklich so?"

teleschau: Wegen Lederjacke und zerrissenen Hosen?

Wanda: Ja, all das. Aber auch auf anderes bezogen. Die Deutschen zweifeln vehement an der Aufrichtigkeit eines jeden Einzelnen. Um das Thema einfach mal abzustreifen, sagte ich mal, Authentizität sei nichts anderes als das Vermögen, sich selbst spielen zu können. Also sich zu veräußern, sich darzustellen. Und damit hat ein Wiener kein Problem. Wir veräußern uns sehr gerne. Wir sind ein sehr lautes Volk, ein sich selbst darstellendes Volk. Das ist aber nur gesund, finde ich. Rollen auszuprobieren macht Spaß, David Bowie hat nichts anderes gemacht.

teleschau: Also stellt sich für Sie die Frage nach der Authentizität gar nicht?

Wanda: Ist doch langweilig, man kann das gar nicht aufklären. Das sollte man Psychologen überlassen, die sollen sich mit dem Ich 'rumschlagen, mit dem Über- und Unter-Ich. Damit will ich nichts zu tun haben. Ich bin ein Instinktwesen und werde von einer Station zur nächsten durchs Leben geboxt.

teleschau: Wann verliert sich das, wann ist eine Kunstfigur nicht mehr erträglich?

Wanda: Ich fand andere Figuren immer unterhaltsam. Falco war wahnsinnig unterhaltsam, Conchita auch. Die sind alle großartig. Das Geschäft wäre doch langweilig, wenn einige Kollegen nicht so Verwandlungen und Ich-Auflösungen durchziehen würden.

teleschau: Sie bleiben aber die coolen Jungs aus Wien.

Wanda: Cool? Das ist Quatsch. Unsere Konzerte sind Feste der Lebensfreude, der Freiheit, der Toleranz. Cool kam mir da nie etwas vor. Niemand, der damit was zu tun hatte, war jemals cool. Unser Manager ist ein Floridsdorfer-Außenseiter-Kid. Ich selbst war nie cool. Keiner von uns. Jetzt am Fenster stehen und eine rausrauchen, sich dabei cool vorkommen, das habe ich mit 15 abgehakt. Ich bin ein Mann, ein erwachsener Mann.

Wanda auf Tournee:

01.10., AT-Wien, Arena

02.10., AT-Wien, Arena

03.10., AT-Salzburg, ARGE

16.10., AT-St. Pölten, Warehouse

17.10., IT-Bozen, Kaltern Pop Festival

28.10., AT-Graz, Orpheum

29.10., AT-Linz, Posthof

30.10., AT-Innsbruck, Music Hall

20.11., AT-Klagenfurt, Messehalle

24.11., LUX-Luxemburg, Atelier

25.11., Dortmund, FZW

27.11., Heidelberg, Halle 02

28.11., Wiesbaden, Schlachthof

29.11., Erlangen, E-Werk

01.12., Hannover, Capitol

02.12., Bremen, Modernes

05.12., Leipzig, Täubchental

06.12., Stuttgart, LKA Langhorn

07.12., Düsseldorf, Zakk

09.12., München, Muffathalle

10.12., CH-Zürich, Dynamo

Quelle: teleschau - der mediendienst