Erika Marozsán

Erika Marozsán





Alle wollen Erika

Erika Marozsán glaubt nicht an Liebe auf den ersten Blick. "Ich verliebe mich langsam in die Feinheiten, die ich bei einem Menschen entdecke. Ich kann mir vorstellen, dass man sich auf den ersten Blick verliebt. Aber ich hoffe, mir passiert es nicht mehr." Die ungarische Schauspielerin, die mit Mann und Kind in New York lebt, führt in Rainer Kaufmanns Liebesdrama "Ich will Dich" (Mittwoch, 21.10., 20.15 Uhr, ARD) gemeinsam mit Ina Weisse eindrucksvoll vor, was eine plötzliche neue Liebe einer bislang stabilen Familie zufügen kann. Von der besonderen Ausstrahlung Erika Marozsáns war so mancher Filmemacher sicherlich auf den ersten Blick verzaubert. Im Alter von 15 Jahren wurde sie am Ballettinstitut Budapest für die Kamera entdeckt, seit ihrem überragenden Erfolg mit dem Drama "Gloomy Sunday - Ein Lied von Liebe und Tod" (1999) wird sie regelmäßig für internationale, vor allem viele deutsche Produktionen engagiert, sodass sie zwischen den USA, Ungarn und der Bundesrepublik pendelt - "drei verschiedene Leben", so empfindet sie das.

"Man sagt, dass man verschiedene Leben geschenkt bekommt, wenn man verschiedene Sprachen spricht." Nach "Gloomy Sunday" lernte Erika Marozsán Deutsch am Goethe Institut in Berlin und war seitdem unter anderem in "Die Katzenfrau" (2001), "Quellen des Lebens" (2003) und "Besser als nix" (2014) zu sehen. "Wenn ich in Deutschland bin, fühle ich mich jeden Tag frei, glücklich und unabhängig. Unbewusst erinnere ich mich an die Zeit zurück, als ich hierher kommen, die Sprache lernen und eine neue Welt kennenlernen durfte."

Bereits damals traf die Schauspielerin den Regisseur Rainer Kaufmann, der nach eigenem Bekunden seitdem mit ihr drehen wollte. Für "Ich will Dich" kam es endlich zu einer wunderbaren Zusammenarbeit: Ina Weisse und Erika Marozsán spielen zwei gegensätzliche Frauen, die einander ohne homoerotische Vorwarnung verfallen. "Dass Liebe und Leidenschaft stärker sein können als die Bindung an die Familie, hat mein Herz zerrissen." Diese Liebe wird in atmosphärischen und auch in explizit erotischen Bildern gezeigt. "Man will solche Szenen so schnell wie möglich hinter sich haben, sich anziehen, nach Hause gehen und ein Glas Wein trinken", erklärt die Schauspielerin. "Es waren lange und schwierige Drehs. Ina und ich haben aber versucht, einander zu schützen und uns vorher eine Choreografie auszudenken."

Choreografien zu folgen, das ist Erika Marozsán in Fleisch und Blut übergegangen. Schon mit elf Jahren wurde das Mädchen, das 1972 in der Kleinstadt Újfehértó geboren worden war, am Ballettinstitut Budapest angenommen. "Ich musste jeden Tag von acht bis 18 Uhr in der Schule sein. Schon im Alter von zwölf Jahren standen wir an der Oper auf der Bühne. Jetzt, als Mutter, denke ich, dass das doch sehr früh war." Doch Disziplin und Arbeitseifer zeichnen sie bis heute aus - vielleicht eines ihrer Erfolgsrezepte. "Meine Mitschüler später an der Schauspielschule waren ganz normale junge Leute, die gerne im Café saßen und einfach Spaß haben wollten. Daneben fühlte ich mich wie ein Alien, weil ich immer weiter arbeiten und Neues ausprobieren wollte."

Wenn sie gerade nicht dreht oder auf der Bühne steht, macht Erika Marozsán Musik mit ihrer Band, tritt in Ungarn und auch in den USA auf. Momentan schreibt sie außerdem mit einem Freund aus der Heimat ein Drehbuch für eine Komödie. "Wenn ich viel zu tun habe und motiviert bin, dann bin ich sehr ruhig und glücklich." Wenn sie so etwas sagt, dann klingt das nicht streberhaft, sondern selbstverständlich. Neben der besonderen Mischung aus Zartheit und zugleich Kraft strahlt Erika Marozsán noch etwas anderes aus: Natürlichkeit. Und Leidenschaft. Es brodelt unter der schönen disziplinierten Oberfläche. "Ich wäre gerne ein Kopfmensch, weil man dann weniger verletzlich ist. Aber ich bin ein Bauchmensch. Ich habe allerdings schon gelernt, meine Leidenschaften ein bisschen auszugleichen."

Sie ist auch in US-Produktionen zu sehen ("Sniper 2", 2002), doch das New Yorker Leben der Schauspielerin ist vor allem das einer Mutter. "In New York bin ich glücklich, weil ich hier schwanger war und meine Tochter hier geboren ist. Bevor sie zur Welt kam, habe ich mich hier fremd gefühlt. Die Stadt war zu groß für mich." Heute ist Sara Jolan sieben Jahre alt, die Familie wohnt in einem künstler- und familienfreundlichen Viertel von Brooklyn. "Durch die Suche nach einem geeigneten Kindergarten, einer Schule und Freizeitaktivitäten für mein Kind fühle ich mich hier zu Hause. Es ist sehr schön hier in unserem kleinen, ruhigen Leben."

Der Mann, mit dem Erika Marozsán seit zehn Jahren zusammen ist und den sie in die "Hauptstadt des Visuellen" begleitet hat, ist der ungarische Fotograf Peter Hapak. Getroffen hat sie ihn in der gemeinsamen Heimat, als sie beinahe eines der Gesichter von Chanel geworden wäre. Es gab eine Anfrage an verschiedene europäische Schauspielerinnen, Erika Marozsán sollte schnell ein gutes Schwarz-Weiß-Foto einreichen, am besten eines von Hapak. Als sie telefonisch einen Termin mit ihm vereinbarte, verstand er ihren Namen nicht genau, und es haute ihn regelrecht um, als dieser Star vor ihm stand, erzählt sie lachend. "Von Chanel habe ich nie wieder etwas gehört, aber ich habe einen Mann bekommen."

Wenn sie an Ungarn denkt, das dritte oder vielmehr erste Leben, wo die Karriere begann, wo sie die große Liebe fand, wo Freunde und Familie leben, wo sie ihre Sommer verbringt und gerne Theater spielt, dann hat Erika Marozsán im Moment sehr gemischte Gefühle. "Es ist schmerzhaft für mich. Die politische Situation ist schwierig." Die Menschen seien manchmal zu leidenschaftlich, gerade wenn sie mit Neuem wie der Flüchtlingskrise auf der einen und dem Erstarken der Rechten auf der anderen Seite konfrontiert seien. "Das Leben in Ungarn ist momentan für viele Menschen sehr schwierig. Ich glaube, später einmal wird man sagen, dass es eine der schwierigsten Zeiten Ungarns gewesen ist. Ich hoffe, dass die Leute wieder Geduld füreinander finden und einen kühlen Kopf bewahren."

Quelle: teleschau - der mediendienst