Wotan Wilke Möhring

Wotan Wilke Möhring





Politischer Sprengstoff im TV

Er spielt und spielt und spielt: Wotan Wilke Möhring ist einer der beliebtesten und meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands. Trotz seines Pensums beweist der 48-Jährige auch ein gutes Näschen bei der Auswahl seiner Stoffe. Komischerweise galt das bisher nicht für die Fälle seines "Tatort"-Kommissars Thorsten Falke. Die wirkten meist überladen und kamen bei der Kritik nicht allzu gut an. Das dürfte sich mit "Verbrannt" (Sonntag, 11.10., 20.15 Uhr, ARD) ändern. Der sechste Falke-Fall ist nicht nur künstlerisch äußerst gelungen, er behandelt auch ein hochaktuelles politisches Thema: Relativ dicht an realen Ereignissen in Dessau orientiert erzählt das Drehbuch von Stefan Kolditz ("Unsere Mütter, unsere Väter") den Fall des Asylbewerbers Oury Jalloh, der 2005 in einer deutschen Polizeizelle unter mysteriösen Umständen verbrannte.

teleschau: "Verbrannt" ist ein sehr politischer "Tatort", der von der Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft erzählt. Waren Sie an der Auswahl des Stoffes beteiligt?

Wotan Wilke Mohring: Nicht direkt, aber es war von Anfang an unser Anspruch, dass Falke ein Kommissar ist, der es bei der Bundespolizei mit politisch relevanten Fällen zu tun hat. In dem Sinne, dass wir Geschichten erzählen, die dem Zuschauer ein Fenster in unsere Gegenwart, in unsere Gesellschaft öffnen. Der "Tatort"-Dreh liegt schon eine ganze Weile zurück. Aber der Flüchtlingsstrom war noch nie so groß wie jetzt. Insofern kommt der Film genau zur richtigen Zeit - erschreckend! Ich hätte gut auf dieses Timing verzichten können. Es ist ja ohnehin fast pervers: Wir erzählen einen zehn Jahre alten Fall, und die Aktualität könnte nicht größer sein.

teleschau: Sie erzählen relativ dicht an der Realität den Fall des Asylbewerbers Ouri Jalloh, der vor zehn Jahren in einer Dessauer Polizeizelle verbrannt ist ...

Mohring: Ja. Da ist zum einen dieser unglaubliche Skandal, der damit zu tun hat, was die Polizisten im Originalfall getan haben. Andererseits finde ich es wichtig, dass der Zuschauer durch die Augen von Falke auch das Leben dieses toten Flüchtlings entdeckt. Uns war es wichtig, dass der Betrachter das Schicksal des Menschen hinter dem Fall entdeckt. Falke liest in den Büchern des Toten, die er in der Flüchtlingsunterkunft findet. Er erfährt, dass er Fußballfan war, ein Kind hatte und so weiter. Hinter jeder Nachricht, hinter jeder Zahl, die tote oder lebende Flüchtlinge erfasst, stecken letztendlich persönliche Schicksale und Geschichten.

teleschau: Ist dies der einzige Weg, um Mitgefühl zu wecken? Geht es darum?

Mohring: Klar, der Mensch ist so gestrickt. Ich bin so gestrickt. Es ist die persönliche Erfahrung, das Wissen um Hintergründe und die Begegnung, die uns umdenken lässt. Wenn man nur auf Nachrichtenebene denkt, steht da eine Masse gegen die andere Masse. Egal, ob man nun Mitgefühl mit den Flüchtlingen hat oder unter großer Fremdenangst leidet. Wir müssen Möglichkeiten schaffen, uns aus der Masse herauszubewegen, um unser Denken und Handeln zu verändern. Schicksale müssen für uns anfassbar und nachvollziehbar werden.

teleschau: Sie sagen also, Nachrichten verändern nicht?

Möhring: Natürlich ist es wichtig, sich zu informieren. Ich glaube nur nicht, dass man durch Information allein das Verhalten der Menschen grundsätzlich ändert. Die politische Weltlage lähmt einen ja geradezu. Nachrichten tragen dazu bei, dass man sich handlungsunfähig und passiv fühlt. Um nicht zu sagen hoffnungslos. Große Zusammenhänge können dich überfallen, das Einzelschicksal führt zu Verständnis. Es ist doch so: Erst wenn wir konkrete Handlungsmöglichkeiten bekommen oder erkennen, haben wir das Gefühl, etwas tun zu können.

teleschau: "Verbrannt" ist ein Film, der die deutsche Polizei extrem angreift. Glauben Sie, dass dieser "Tatort" für eine gesellschaftliche Debatte sorgen wird?

Möhring: Das wäre natürlich großartig. Aber ich sehe da noch einen weiteren Punkt. Der Korpsgeist dieser Polizeiwache, der in "Verbrannt" dargestellt wird, ist auch ein Symbol für unser Verhalten als europäische Gesellschaft: Wir lassen niemanden mehr hinein. Wir machen unsere Grenzen dicht. Insofern sehe ich das Verhalten der Polizisten auf dieser Wache durchaus in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang.

teleschau: Es gibt in Deutschland extrem selten Filme, die den Polizeiapparat als solchen angreifen. In Amerika ist das ganz anders, da existiert fast schon ein eigenes Genre zu diesem Thema. Warum ist der Film hierzulande so lieb zur Polizei?

Möhring: Nestbeschmutzung macht ja den wenigsten Leuten Spaß. Es ist ja auch eine sehr anstrengende Mission. In der eigenen Familie oder der eigenen Arbeitswelt zu ermitteln - das ist ein ewig heißes Eisen. Dieser Korpsgeist, den wir bei der Polizei in "Verbrannt" sehen, ist auch erst mal etwas ganz Normales im Beruf. Man muss sich ja auf den Kollegen verlassen können, auch auf seine Verschwiegenheit. Es ist ein Reflex, dass man den anderen schützen will. Schwierig wird es, wenn Dinge passieren, die gegen das eigene Gewissen gehen. In diesem Moment ist es wichtig, dass jeder für sich entscheidet. Dann darf man sich nicht mehr hinter eine gesellschaftliche Institution stellen und sagen: "Das ist halt so. Das macht man so." Das sind Sätze, die mich schon immer rasend gemacht haben. Wenn viele Menschen so denken, haben wir als Gesellschaft ein großes Problem.

teleschau: Sie haben jetzt sechs "Tatorte" als Kommissar Falke gedreht. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?

Möhring: Wir haben uns ja deutlich verändert. Angefangen hat die Figur mit einer gewissen Leichtigkeit. Eine Art moderner Cowboy in einer flirrenden Großstadt. Das haben wir aufgegeben zugunsten des Vagabundenhaften der Bundespolizei. Dieses Umherziehen passt allerdings auch zum Charakter Falkes. Die Rastlosigkeit schützt ihn vor Heimatlosigkeit. Wenn er zu Hause sitzen würde, fiele ihm auf: Ich habe keine Familie, ich bin allein. Was ich mir wünschen würde, woran wir auch arbeiten, ist eine Möglichkeit zur Reflexion für Falke. Ich würde gerne mehr darüber erfahren, was ihn bewegt, was ihn ausmacht.

teleschau: Jetzt haben Sie aber nicht gesagt, ob Sie mit den bisherigen Filmen zufrieden sind ...

Möhring: Doch, ich bin schon zufrieden. Es gibt immer Dinge, die man verbessern kann. Wir haben uns entschieden, keinen Quoten-"Tatort" zu machen und uns stattdessen immer wieder zu verändern, ein wenig zu experimentieren. Zu Ostern haben wir einen Thriller abgeliefert, das war sicher kein klassischer Krimi. "Verbrannt" ist auch ein spezieller, aber sehr gelungener Film. Vielleicht gibt es nun auch mal wieder einen Fall, wo wir die Spannung hochhalten, indem wir bis zuletzt offenhalten, wer der Täter ist. Zudem gibt es die Idee, den nächsten oder übernächsten Fall im Ausland spielen zu lassen, denn auch dort hat die Bundespolizei durchaus mal zu tun. Wir werden sehen, was passiert.

teleschau: Das Thema Flüchtlinge war schon öfter Thema in Ihrem "Tatort" ...

Möhring: Ja, das ist eben auch eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Die Bundespolizei hat zudem die Aufgabe, unsere Grenze zu sichern. Also landet man schnell bei dieser Thematik. Trotzdem wollen wir jetzt auch gerne mal wieder etwas anderes machen, damit es nicht heißt: Falke ist so etwas wie der Flüchtlingsbeauftragte im deutschen Fernsehen.

teleschau: "Verbrannt" ist der letzte "Tatort" mit Ihrer Partnerin Petra Schmidt-Schaller. Wie sehr bedauern Sie ihren Ausstieg?

Möhring: Man muss ihn respektieren. Dass ein guter Spieler die Mannschaft wechselt, gehört zum Geschäft (lacht). Natürlich wird sie mir fehlen. Es war eine tolle Arbeit mit ihr. Sie wird mir genauso fehlen wie Sebastian Schipper, der in der Rolle des Freundes ebenfalls aufhört. Da muss sich Falke nun wohl neue Freunde suchen. Die sind auf jeden Fall wichtig für ihn. Ich finde, Falke ist eine Figur, die sehr gut in diesem Kontext Männerfreundschaft funktioniert.

teleschau: Haben Sie bereits einen weiteren Film nach "Verbrannt" gedreht?

Möhring: Ja, es gibt schon einen weiteren Film. Franziska Weisz ist nun meine Partnerin, allerdings zunächst in einer ganz anderen Konstellation als zuvor mit Petra Schmidt-Schaller. Der Fall spielt am Flughafen in Hannover.

teleschau: Sie sind ein sehr gefragter Schauspieler. Ist es da manchmal nicht nervig, zwei "Tatorte" pro Jahr drehen zu müssen - wenn andere reizvolle Filmprojekte um die Ecke kommen?

Möhring: Nein, wir sind in dieser Hinsicht ja sehr flexibel. Diesen Herbst habe ich zum Beispiel komplett frei bekommen, weil ich Old Shatterhand in der "Winnetou"-Neuverfilmung (für RTL, d. Red.) spiele. Diese Figur ist ein Jugendtraum von mir. Das musste ich einfach machen (lacht). Obwohl - man "muss" eigentlich nichts machen. Normalerweise ist das eine Haltung, die mir fremd ist. Gleichzeitig bin ich voller Demut und weiß, dass es ein großes Glück ist, als Schauspieler so gut beschäftigt zu sein. Von diesem Job gut leben zu können, ist ein echtes Privileg.

teleschau: Gibt es den Workaholic in Wotan Wilke Möhring?

Möhring: Sagen wir so, ich liebe meine Arbeit. Ich lese auch gerne Drehbücher und weiß, wenn mich irgendwas packt an dem Buch, fällt es mir schwer abzusagen. Trotzdem muss ich natürlich ein bisschen gucken, dass ich nicht zu viel mache. Und auch nicht zu oft Ähnliches. Andererseits weiß ich, dass mir Pausen sehr wichtig sind. Und die Familie ist mir sowieso das Wichtigste. Ich habe auch schon ganz viele Dinge abgesagt wegen der Familie. Jetzt komme ich gerade von zwei Wochen Urlaub mit meinen Kindern zurück. Davon werde ich lange zehren. Wahrscheinlich werde ich mir noch wochenlang die ganze Zeit Fotos davon auf dem Handy anschauen.

Quelle: teleschau - der mediendienst