David Gilmour

David Gilmour





"Die Pink-Floyd-Thematik langweilt mich"

Es kommt eher selten vor, dass ein Rockmusiker zu einem Interviewtermin mit seiner Ehefrau erscheint. Im Falle von David Gilmour (69), Gitarrist und Sänger der legendären Band Pink Floyd, erweist sich die Anwesenheit von Polly Samson (53) aber als Glücksfall. Denn beim Interview vor seinem einzigen Deutschland-Konzert in Oberhausen präsentiert sich der Brite eher wortkarg - vor allem, wenn er auf seine einstige Band angesprochen wird. Da kommt es gerade recht, wenn Polly Samson, die auch für viele der Texte auf Gilmours neuester Soloscheibe "Rattle That Lock" verantwortlich zeichnet, das Grummeln ihres Mannes ins Englische übersetzt.

teleschau: Mister Gilmour, Sie werden im kommenden Jahr 70, haben acht Kinder und mehrere Enkel. Wie fühlen Sie sich - als Rockstar oder als Großvater?

David Gilmour: Ich sitze nicht daheim herum und fühle mich als Rockstar. Ich gehe meinen täglichen Geschäften nach: Ich putze den Katzendreck vom Teppich, bringe meine Tochter zur Schule, mache das Frühstück für meine Kinder, lasse mich von meiner geliebten Frau herumkommandieren ...

Polly Samson: Ich bin diejenige, die wie ein Rockstar lebt, er sitzt nur herum (lacht)!

Gilmour: Ich fühle mich wirklich selten wie ein Rockstar. Wenn ich Konzerte gebe, ist das manchmal ein ganz schöner Schock. Dann denke ich mir: Fuck, du bist offenbar wirklich ein Rockstar. Ich führe schon ein seltsames Leben.

teleschau: Gehen Sie deswegen alle paar Jahre auf Tour, um dieses Rockstar-Gefühl wieder einmal zu erleben?

Samson: Das macht er nur, um sein Ego zu stärken (lacht) ...

Gilmour:... und um mich an vergangenen Ruhm zu erinnern (lacht)! Nein, wenn man eine neue Platte macht, dann erscheint es nur als der normale Weg, damit rauszugehen und zu touren. Es ist nicht so, dass ich die letzten neun Jahre seit der letzten Tour gedacht habe: Oh Gott, ich würde so gerne wieder auftreten. In meinem Alter ist eine Tournee etwas, das man gerne macht - aber eben nur hin und wieder.

teleschau: Pink-Floyd-Drummer Nick Mason hat vor einigen Jahren ein Buch über Pink Floyd geschrieben, ihr Ex-Kollege Roger Waters arbeitet ebenfalls an einer Autobiografie. Wann sind Sie an der Reihe?

Gilmour: Das habe ich nicht vor.

teleschau: Immerhin ist Ihre Frau Schriftstellerin. Sie könnten zusammenarbeiten.

Gilmour: Ich glaube, meine Frau hat bessere Dinge zu tun (lacht).

teleschau: Miss Samson, Sie haben für viele Songs auf "Rattle That Lock" die Texte geschrieben. Wie sah Ihre Zusammenarbeit aus?

Samson: Es läuft so: Er gibt mir einige Tracks, die ich mir unterwegs über Kopfhörer anhöre. Und dann passiert es, dass mir einer davon besonders auffällt und bei mir bestimmte Assoziationen hervorruft. David kann selbst nämlich nie erklären, worum es in einem seiner Songs geht. Seine emotionale Sprache ist die Musik.

Gilmour: Normalerweise kommt erst die Musik. Wenn Polly dann ein Song besonders gut gefällt, meldet sie sich freiwillig und fragt: "Darf ich diesen Song für dich textlich interpretieren" (lacht)?

teleschau: Miss Samson, wie fühlt es sich an, wenn David Ihre Texte zum ersten Mal singt?

Samson: Das ist der beste Moment des ganzen Prozesses!

Gilmour: Wir gehen dann gemeinsam ins Studio, ich schalte das Mikrofon ein, wir setzen uns Kopfhörer auf und probieren die Texte aus. Wörter verschieben sich dann, die Melodie ändert sich ein wenig. Wir werfen einfach alles zusammen und schauen dann, dass es zusammenpasst. Das sind die besten Momente, wenn man realisiert, dass direkt vor den eigenen Augen und Ohren zwei Dinge - Text und Musik - zu einer Einheit verschmelzen. Diesen kurzen magischen Moment zum ersten Mal zu erleben, ist wundervoll.

teleschau: Es gibt also keine Diskussionen zwischen Ihnen über die Songs?

Gilmour: Nein. Wir sind ein Ehepaar, und haben in vielen Bereichen - politisch oder weltanschaulich - dieselben Ansichten.

Samson: ... und ich bin es nach 23 Jahren Ehe gewohnt, seine Gefühle zu interpretieren.

Gilmour: Das kann sie gut!

teleschau: Sie teilen nicht die Auffassung, dass man als Paar sein Berufs- und Privatleben getrennt halten sollte?

Gilmour: Glücklicherweise gehe ich einer Arbeit nach, in der Regeln nicht gelten.

Samson: Wir packen nicht morgens unsere Taschen, um dann gemeinsam ins Büro zu gehen. Wir arbeiten an verschiedenen Orten: Ich sitze an meinem Schreibtisch, David arbeitet im Studio.

Gilmour: Wir blicken einander nicht über die Schulter, wenn wir arbeiten.

teleschau: Wo ist der Unterschied zwischen einer David-Gilmour-Platte und einem Album von Pink Floyd?

Gilmour: Ich finde, dass es da keinen Unterschied gibt. Was ist schon eine Band? Die ganze Pink-Floyd-Thematik langweilt mich.

Samson: David, als du mit Roger Waters zusammen die Songs von Pink Floyd gemacht hast, saßt ihr auch nicht die ganze Zeit zusammen in einem Raum.

Gilmour: Das stimmt. Zumindest nicht häufig. Die Arbeit an einem Pink-Floyd-Album unterscheidet sich kaum von meiner heutigen Herangehensweise.

Samson: Aber du hast heute die Freiheit, dir die Leute ins Studio zu holen, die du willst.

Gilmour: Diese Freiheit hatte ich bei Pink Floyd auch. Ich habe davon nur nicht oft Gebrauch gemacht.

teleschau: Wenn Sie ein Soloalbum machen, was ist Ihnen dann wichtiger: so zu klingen, wie es sich Pink-Floyd-Fans erhoffen, oder sich selbst so auszudrücken, wie Sie es möchten?

Gilmour: Ich würde nie Musik machen, die so klingt, wie es sich andere von mir erhoffen. Wenn ich Songs schreibe, ist das ein absolut egoistischer Prozess. Die einzige Person, der meine Musik gefallen muss, bin ich. Musik zu machen, die anderen gefallen soll, ist wie eine dunkle Allee entlangzulaufen, die in einer Sackgasse mündet.

teleschau: Viele Ihre Fans sind deutlich jünger als Sie. Überrascht Sie das Interesse von immer neuen Generationen an Ihrer Musik?

Gilmour: Es gibt viele Menschen, die mir erzählen, dass ihnen ihre Eltern unsere Musik vorgespielt haben, als sie Kinder waren. Nichts könnte mich glücklicher machen. Wenn ich bei einem Konzert von der Bühne herunterschaue, sitzen vorne immer sehr junge Menschen. Die älteren sitzen meist weiter hinten, vielleicht, weil es ihnen vorne zu laut ist (lacht).

teleschau: Wenn Sie heute Ihrer Karriere reflektieren - gibt es Dinge, die Sie rückblickend anders gemacht hätten?

Gilmour: Rückblickend gibt es bei allem, das man macht, Kleinigkeiten, die man gerne anders gemacht hätte. Aber ich habe noch nie eine Platte beendet und mir anschließend gedacht, dass ich etwas grundlegend anders hätte machen sollen.

teleschau: Gilt das auch für "The Endless River", das 2014 erschienene letzte Pink-Floyd-Album? Die Platte hat nicht nur positive Reaktionen hervorgerufen.

Gilmour: Ich bin sehr zufrieden damit, wie das Album angekommen ist.

teleschau: Warum spielen Sie auf Ihrer aktuellen Tour keine Songs von diesem Album?

Gilmour: Das fühlt sich für mich nicht richtig an.

teleschau: Auf was sind Sie, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, ganz besonders stolz?

Gilmour: Ich bin besonders stolz auf das, was ich jetzt leiste. Auf mein letztes Album, auf meine Zusammenarbeit mit Polly. Das so fortzusetzen, darauf freue ich mich am meisten.

teleschau: Die Melodie des Titeltracks auf "Rattle That Lock" basiert auf einer Klangfolge, die auf französischen Bahnhöfen eine Durchsage einleitet. Reisen Sie viel, auch wenn Sie nicht auf Tour sind?

Gilmour: Wir reisen gerne, vor allem nach Frankreich. Polly fliegt nicht gerne, deswegen nehmen wir oft den Zug von London aus. Da kommt man automatisch immer durch Frankreich. Da fiel mir dieser Jingle auf, den ich dann mit meinem Handy aufnahm.

Samson: Wir tanzten am Bahnhof zu dieser Melodie (lacht)! Und David, du hattest dich an dem Tag, als du diese Melodie aufgenommen hast, mit deiner Band getroffen. Und obwohl es erst nur als Witz gedacht war, diesen Jingle zu verwenden, gefiel es sofort jedem.

teleschau: Wenn Sie dieser Tage durch Europa touren - fühlt sich der Kontinent angesichts der Flüchtlingskrise anders an?

Gilmour: Migration ist zunehmend ein globales Thema. Viele Regionen der Welt - in Afrika, im Nahen Osten, in Teilen Asiens - verwandeln sich aufgrund des Klimawandels in Wüsten. Die Menschheit kann nicht mehr an all den Orten leben, an denen sie bislang zu Hause ist. In England hören wir oft das Argument, das sei nicht unsere Schuld. Aber das stimmt nicht. Die westliche Welt ist zu einem sehr großen Teil für die Klimakrise verantwortlich. Wir müssen gegenüber diesen Flüchtlingsbewegungen eine Mentalität entwickeln, die egalitärer ist.

Samson: Deutschland verhält sich da zurzeit vorbildlich. Wir als Briten hingegen schämen uns für die Reaktion unserer Regierung.

teleschau: Im letzten Jahr wurde mit "The Endless River" das vorerst letzte Pink-Floyd-Album veröffentlicht. Wird es eine weitere Platte geben?

Gilmour: (schweigt)

teleschau: Es heißt, der Song "Louder Than Words" von "The Endless River" sei ein Angebot an Roger Waters, wieder miteinander zu reden ...

Gilmour: Wer behauptet denn so etwas? Meine Frau hat den Text dazu geschrieben, nicht ich. Polly, wolltest du etwa, dass ich wieder mit Roger Waters spreche (lacht)?

Samson: Nichts mehr als das (lacht)! Ursprünglich wollte ich für das Album gar keine Texte schreiben, weil ich der Meinung war, es sei ein sehr schönes Instrumental-Album. Der Text zu "Louder Than Words" basiert auf einer Beobachtung, die ich 2005 während der Proben zu Live8 machte: David, Nick Mason, Rick Wright und Roger Waters sprachen während der Proben und des Soundchecks nicht viel miteinander. Aber es war kein unangenehmes Schweigen. Diese Männer, die nicht mehr viel miteinander reden, vielleicht, weil schon alles gesagt ist, gingen zusammen auf die Bühne, und dann war da plötzlich diese große Eloquenz, die sich durch Musik ausdrückte. Was sie zusammen musikalisch geschaffen haben, ist jenseits von Worten oder Songtexten.

Gilmour: Genau so ist es.

Quelle: teleschau - der mediendienst