Max Giermann

Max Giermann





"Ich bin eigentlich nicht für das Rampenlicht gemacht"

Wer andere Menschen parodiert, muss aufmerksam sein, ein guter Beobachter und ein akribischer Arbeiter. All das ist Max Giermann. Er war schon Stefan Raab, Dieter Bohlen, Markus Lanz und viele andere. Kaum einer kann Menschen mit ihren Macken und Marotten so gut nachahmen wie der gebürtige Freiburger. In der ZDF-Comedy "Sketch History" (ab Freitag, 9. Oktober, 23 Uhr) hat Giermann sein Repertoire nun erweitert. Er spielt historische Persönlichkeiten wie Julius Caesar oder Maximilien de Robespierre. Giermann ist dennoch keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Auch beim Pressetermin im Berliner Soho House hält er sich zurück, überlässt lieber anderen das Wort. Im Interview erweist sich Giermann allerdings als eloquenter Gesprächspartner und erklärt unter anderem, warum er Hitler-Parodien für gerechtfertigt hält und welchen Politiker er lieber nicht persiflieren würde.

teleschau: Herr Giermann, in "Sketch History" sehen wir Sie unter anderem als Martin Luther, Robespierre und Klaus Kinski. Wer war Ihr Favorit?

Max Giermann: Kinski war natürlich ein Highlight, aber ich habe es auch genossen, Figuren zu spielen, die ich frei gestalten konnte, bei denen ich mich nicht an einer Vorlage abarbeiten musste. Mein Favorit war Martin Luther, nicht unbedingt weil ich ihn als Charakter so toll finde, sondern weil meine Aufgabe darin bestand, den berühmten Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche als Slapstick-Nummer zu gestalten. Das hat viel Spaß gemacht und ist auch eine Art von Humor, die mir besonders liegt.

teleschau: Auch wenn es Comedy ist - haben Sie vorher Ihr Geschichtswissen aufgefrischt?

Giermann: Natürlich habe ich mich ein bisschen eingelesen und mich informiert. Das macht aber jeder auf seine Weise. Es gibt Kollegen, die sich nicht mit zu vielen, im Endeffekt für die Rolle unnützen Infos belasten wollen. Ich empfinde allerdings schon eine gewisse Verantwortung, gerade wenn ich eine historische Figur spiele. Ich war zwar weder in der Schule übermäßig geschichtsbegeistert noch bin ich es jetzt: Aber wenn sich durch meine Arbeit ein Bezug ergibt, dann interessiert mich das Thema auch.

teleschau: In welche historische Epoche sind Sie besonders gerne eingetaucht?

Giermann: Die extreme Abwechslung beim Dreh hat für mich den größten Reiz ausgemacht. Wir waren fast jeden Tag in einer anderen Epoche, mal in der Steinzeit, dann wieder fast in der Gegenwart. Zu Themen aus der neueren Geschichte, etwa ab dem 19. Jahrhundert, habe ich natürlich einen ganz anderen Bezug als zu älteren Epochen. Zum Beispiel König Artus oder das Mittelalter: Da ploppen bei mir Bilder aus Monty-Python-Filmen im Kopf auf.

teleschau: Der Humor in "Sketch History" erinnert ja auch an britische Vorbilder wie "Ritter der Kokosnuss" oder "Black Adder".

Giermann: Der Vergleich mit Monty Python liegt nahe, es gibt sicher gewisse Parallelen bei den Gag-Strukturen. Trotzdem haben wir uns das nicht zum Vorbild genommen. Es wäre auch fatal gewesen, die Spielweise von Monty Python zu kopieren. Das hätten wir auch gar nicht gekonnt, denn das sind ja alles Genies (lacht). Wir haben unser Ding gemacht - und durch die unterschiedlichen Schauspielertypen ist das Ergebnis ein buntes Ganzes geworden, denke ich.

teleschau: Sie sind mit Parodien deutscher Fernsehgrößen bekannt geworden. Macht es einen Unterschied, ob Sie Stefan Raab spielen oder Caesar?

Giermann: Eine Parodie von Stefan Raab ist schon etwas ganz anderes, weil es dabei um die komische Überzeichnung geht. Eine historische Figur versuche ich ernst zu spielen. Die Situation ist komisch, aber die Figur hat ein ernstes Anliegen. Wenn ich in "Sketch-History" Robespierre bin und die Jakobiner sich über ihre hässlichen Mützen beschweren, muss ich den Konflikt ernst nehmen. Ich darf die Figur nicht verblödeln. Bei der Parodie hingegen ist die Überspitzung die Aufgabe. Insofern war es für mich erfrischend, wieder einmal als Schauspieler arbeiten zu können.

teleschau: Sie bezeichnen sich selbst auch als Comedian, wobei dieser Begriff - zumindest in Deutschland - nicht gerade positiv besetzt ist, oder?

Giermann: Comedy hat hierzulande nicht den besten Ruf. Das hat damit zu tun, dass sie - objektiv betrachtet - meist nicht an die Qualität der englischen Comedy heranreicht. Die Deutschen sind im Fach Humor im weltweiten Vergleich sicher nicht tonangebend, trotzdem empfinde ich die Bezeichnung "Comedian" nicht als vorbelastet oder negativ. Es gibt gute und schlechte Comedians, so wie es gute und schlechte Schauspieler gibt. Mario Barth oder Cindy aus Marzahn haben genauso ihre Berechtigung wie ein politischer Kabarettist.

teleschau: Im Gegensatz zum politischen Kabarett scheint die deutsche Comedy nicht mehr ohne Hitler-Parodien auszukommen. Auch Sie haben im Kinofilm "Rubbeldiekatz" in der Rolle eines Schauspielers, der Hitler darstellt, bereits einschlägige Erfahrungen gemacht. Ihr Kollege Lars Eidinger hat vor Kurzem beklagt, dass durch die ständige Ironisierung das Thema verharmlost würde.

Giermann: Ich kann seine Argumentation nachvollziehen, empfinde es aber anders. Ich glaube, dass Comedy Hitler klein macht und dadurch der Lächerlichkeit preisgibt. Das ist für mich keine Verniedlichung Hitlers, sondern seine Verballhornung, was wiederum nicht heißen soll, dass jede Hitler-Parodie gerechtfertigt oder gar gelungen ist. In "Sketch History" wollten wir uns nicht in erster Linie über Hitler lustig machen, sondern wichtige historische Ereignisse, wie etwa die letzten Tage im Führerbunker, aus einer humoristischen Perspektive neu erzählen. Aber klar, ich könnte mir vorstellen, dass es im Anschluss Kontroversen gibt.

teleschau: Sie haben einmal gesagt, Sie müssten die Leute, die Sie parodieren, entweder lieben oder hassen. Würden Sie diesen Satz immer noch unterschreiben?

Giermann: Ich habe damit gemeint, dass mir starke Emotionen bei der Arbeit helfen. Dadurch steigt meine Motivation, mir eine Figur anzueignen. Es gibt aber auch Charaktere, denen ich erst einmal völlig indifferent gegenüberstehe, zu denen ich noch keine Meinung habe. Ich arbeite dann ganz handwerklich, ohne groß darüber nachzudenken, wie die Figur am Ende beim Zuschauer ankommt.

teleschau: Sie legen also nicht vorher fest, ob der Zuschauer die Figur sympathisch finden soll oder nicht?

Giermann: Nein. Für "extra 3" habe ich kürzlich den "Tagesthemen"-Moderator Thomas Roth parodiert. Wenn Sie das Ergebnis sehen, könnten Sie mutmaßen, dass ich den Mann überhaupt nicht leiden kann. Das ist aber nicht der Fall. Bei der Arbeit ist einfach etwas entstanden, was im Endeffekt vielleicht gemein wirkt.

teleschau: Ist Ihnen eine Parodie schon einmal komplett misslungen?

Giermann: Richtig misslungen vielleicht nicht. Aber es gibt immer Parodien, bei denen es allein aus physiognomischen Gründen schwer wird. Manchmal stelle ich auch erst beim Einstudieren fest, dass mir eine Figur nicht liegt.

teleschau: Haben Sie schon mal aufgegeben?

Giermann: Ja, einmal. Als ich bei der "Harald Schmidt Show" gearbeitet habe, wurde manchmal am Montag entschieden, welche Persönlichkeit ich am Donnerstag parodieren sollte. Unter diesem Zeitdruck ist es total schwierig, eine Figur zu entwickeln. Ich sollte den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg machen, bekam aber kalte Füße und entschied mich dafür, abzubrechen.

teleschau: Gibt es einen Grund dafür, dass Sie kaum Politiker parodieren? Sind die einfach so blass, dass sie dafür nicht taugen?

Giermann: Ein Grund ist ganz einfach: Politiker-Parodien sind in den meisten Sendungen nicht gefragt. Bei "Switch Reloaded" zum Beispiel wurden Politiker bewusst ausgespart. Der andere Grund ist, dass praktisch alle Politiker, die etwas hergeben, schon parodiert wurden. Ich habe keine Lust, das dann noch einmal zu machen. Jetzt bin ich aber gerade an einem Politiker dran, der meines Wissens noch nicht parodiert wurde. Leider darf ich Ihnen nicht sagen, wer es ist.

teleschau: Ihre ehemalige "Switch reloaded"-Kollegin Martina Hill macht mittlerweile politische Comedy in der "heute-show". Wäre das nichts für Sie?

Giermann: Ich bin ja jetzt bei "extra 3", wo wir auch wochenaktuelle Themen als Vorlagen benutzen. Aber klar, bei einer Anfrage der "heute-show" hätte ich wohl nicht Nein gesagt. Ich wollte mich aber auch nicht aufdrängen. Eine fiktive Figur zu entwickeln, wie sie etwa Alexander Schubert als Außenreporter Albrecht Humboldt spielt - das hätte mich durchaus gereizt.

teleschau: Sie wuchsen in Freiburg als Lehrer-Sohn auf, nennen Wandern und Kochen als Interessen. Klingt sehr gediegen ...

Giermann: Meine Eltern waren beide Kunstlehrer. Insofern war das Künstlerisch-Kreative schon immer im Haus und bei meiner Erziehung früh sehr wichtig. Ich hatte jetzt aber auch kein spießiges Elternhaus und ich würde auch nicht sagen, dass ich ein spießiges Leben führe, eher ein ganz normales. Mein Beruf bringt schon genug merkwürdige Dinge mit sich. Für das Rampenlicht bin ich eigentlich nicht gemacht, aber es gehört eben dazu.

Quelle: teleschau - der mediendienst