Horse Money

Horse Money





Die Poesie der Revolution

Man kann Geschichte auf verschiedenste Weise filmisch aufarbeiten. Indem man große Historien-Stücke voller Pathos inszeniert. Oder indem man die kleinen Geschichten erzählt, vom Lieben und Leben derer am Rande, denen die Wellen der Ereignisse immer wieder aufs Neue unvermittelt ins Gesicht klatschen. Man kann aber auch erst einmal alle erzählerischen Konventionen des Kinos über Bord werfen - und macht einfach Kunst. So wie der portugiesische Regisseur Pedro Costa, der sich in seinem meisterhaften Poesie-Werk "Horse Money" der historischen Vergangenheit seines Landes nähert wie niemand zuvor. In den träumerischen Erinnerungen und Visionen seines Protagonisten, eines kapverdischen Migranten, spiegeln sich Einwanderungs-, Kolonial- und Arbeitergeschichte, Nelkenrevolution und die unerzählte Geschichte der Vergessenen. Und siehe da: Am Ende steht da ein großes Stück vom Leben und Lieben.

Man hatte Pedro Costa als Spielfilm-Regisseur beinahe schon abgeschrieben. Nicht, dass der geborene Lissaboner in den vergangenen Jahren nicht Erhebliches geleistet hätte. Im Gegenteil, schuf er mit "Change Nothing" und "Bridges of Sarajevo" doch bemerkenswerte Dokumentationen. Zum Arthouse-Darling geriet er jedoch mit seiner Trilogie "Letters from Fontainhas", in der er zwischen 1997 und 2006 vom Leben in einem fiktiven Lissabonner Elendsviertel erzählte. Nun, knapp eine Dekade später, setzt Costa seine vielfach prämierte Reihe nach "Knochen", "In Vandas Zimmer" und "Jugend Voran" doch noch mit einem vierten Film fort. Einem Film, dem die Bezeichnung Kunstwerk näher käme.

Wie schon in den vorherigen Teilen der Trilogie, die nun keine mehr ist, folgt auch "Horse Money" wieder der Hauptfigur Ventura. Der 60-jährigen Migrant von den Kapverdischen Inseln spielt sich erneut selbst - und wieder mit emotionaler Kraft von so ungeheuerlicher Intensität, wie sie wohl nur aus der persönlichen Erfahrung resultieren kann. Ventura ist alt geworden und krank. Zerbrechlich und psychisch am Ende leidet er in einem heruntergekommenen Sanatorium an den seelischen und körperlichen Wunden der Vergangenheit: die Immigration nach Portugal, mit der er seine Familie in der Heimat über die Runden bringen wollte. Das Abgewiesenwerden als Schwarzer am Rand der Gesellschaft. Schließlich und wohl am schwersten wiegend: Die Folgen der Nelkenrevolution im Jahr 1974, in der Ventura sich mit tausenden anderen Migranten, Studenten und Arbeitern gegen die autoritäre Militärdiktatur erhob.

Historische Ereignisse im klassischen Sinn zeigt "Horse Money" indes nicht. Ventura befindet sich die gesamte Zeit über in den dunklen Gängen und Räumen der Anstalt, läuft umher, redet mit sich selbst, führt ausführliche Gespräche mit anderen. Existieren Letztere tatsächlich? Sind sie Teil von Venturas fiebriger Imagination? "Horse Money" bleibt im Vagen. Es spielt auch keine Rolle: Wie Costa mit den Visionen und Träumen seines Protagonisten arbeitet, oszillierend zwischen Wahn und Wunsch, Trauer und Hoffnung, kommt dem Wesen der Erinnerung, ja dem Wesen historischer Anschauung näher als jeder Pathos-und-große-Dramen-Streifen. Entscheidend dafür ist neben den bisweilen wirren, bisweilen ungeheuerlich intensiven Dialogen die Kamera: Näher kann man seinen Figuren nicht kommen, poetischer kann Bildsprache kaum sein.

Den üblichen Sehgewohnheiten entspricht "Horse Money" keineswegs. Ein wenig mehr Zugänglichkeit hätte Costas Film gut getan, wenn auch nur zum Zwecke der besseren Vermarktbarkeit seines herausragenden Werks. So muss sich der Zuschauer den Kontext intensiv selbst erarbeiten - eine Sicht auf Filmkunst, die dem Kino heute weitgehend abhanden gekommen scheint. Jedoch - und das macht die herausragende Stärke des poetischen Stücks aus - entdeckt man in "Horse Money", gleich einem Gedicht oder Gemälde, auch ohne historische Vorbildung ein Kunstwerk über die unmittelbare Erfahrung eines Menschenlebens zwischen Liebe und Revolution.

Quelle: teleschau - der mediendienst