Er ist wieder da

Er ist wieder da





Er ist wieder da - aber anders

Mehr als zwei Millionen Bücher wurden verkauft. Dazu 300.000 Exemplare des herausragend eingesprochenen Hörbuchs mit Sprecher Christoph Maria Herbst. "Er ist wieder da" von Autor Timur Vermes hat Geschichte geschrieben. Ein Tabubruch ist dieser Roman über Adolf Hitler in der Neuzeit dabei sicher nicht mehr. Doch polarisiert die gewagte Satire eben in besonderem Maße, wirft sie doch auch einen kritischen Blick auf die Auswüchse der modernen Mediengesellschaft. Und dazu auf die Menschen und deren versteckte Sehnsucht nach einer harten Hand. Angesichts des großen Erfolgs kommt der Kinofilm dazu wenig überraschend. Nur: Wie soll der funktionieren, fragte sich jeder, der die Vorlage gelesen und oder gehört hat? Die Antwort geben nun der Regisseur und Autor David Wnendt sowie die Produzenten Christoph Müller und Lars Dittrich: Sie haben sich vom Buch entfernt. Weit. Sehr weit. Sowohl inhaltlich als auch bei der Intention.

Der Roman "Er ist wieder da" zeigt die moderne Welt aus dem Jahr 2011 ausschließlich durch die Augen Adolf Hitlers, der mitten in Berlin plötzlich auf der Erde neu erwacht. Warum das so ist, wird weder im Buch noch im Film geklärt, ist am Ende aber auch nicht die Frage. Das Buch konzentriert sich auf Hitlers Wahrnehmung eines Deutschlands von heute, wobei sein Ziel klar ist: Er will zurück an die Macht und erkennt schnell, dass er sich dazu die Medien zunutze machen muss.

Weil niemand glauben kann, dass Hitler tatsächlich Hitler ist, hält ihn das Volk für einen modernen Comedian. Einen, der tief in die Figur hineingeschlüpft ist und das auch im Privaten bis ins Detail durchzieht. Schließlich entdeckt ihn das Fernsehen und gibt ihm gar eine eigene Sendung. Und das Volk jubelt ihm zu.

Ganz bewusst entschied sich der Autor für die Ich-Form in seinem Buch: "Das ist die reizvollere Perspektive, weil sie dem Leser jede Möglichkeit zum Ausweichen nimmt. Er ist nicht nur Beobachter, er ist auch Partei. Er sitzt in einem Kopf, in dem er nie sitzen wollte, und stellt fest, dass man es da überraschenderweise ganz gut aushält." Der Film kann diesen Ansatz selbstverständlich nicht beibehalten, sondern gibt eine Draufschau von außen auf den wieder erwachten Diktator, der von dem Theaterschauspieler Oliver Masucci verkörpert wird. Wie im Buch liegt er zunächst mitten in Berlin, wie im Buch landet er bei einem "Zeitungskrämer", der helfend zur Seite steht. Doch dann war es das auch schon mit der Nähe zur Vorlage.

Der Film führt überflüssigerweise eine kleine zweite Handlungsebene ein. In der Fernsehgesellschaft, die Hitlers Potenzial als kontroverser Komödiant entdeckt, tobt ein Kampf um die Macht. Der Senderangestellte Sawatzki (Fabian Busch) verliert seinen Job, seinem Chef Sensenbrink (Christoph Maria Herbst) wird Katja Bellini (Katja Riemann) vor die Nase gesetzt. Doch Sawatzki ist es, der den "neuen" Hitler zuerst entdeckt und beschließt, auf eigene Faust eine Art Deutschland-Doku mit ihm zu drehen. Beide reisen gemeinsam durchs Land.

David Wnendt vermischt fortan wild gespielte und reale Begegnungen mit dem Volk. 380 Stunden Filmmaterial wurden gesammelt - von Terminen mit Hundezüchtern, Benimm-Coachs, NPD-Anhängern und einfachen Menschen von der Straße. Das, was sie tun, überrascht nur bedingt. Sie heben forsch die Hand zum Hitler-Gruß, fordern lachend Selfies ein. Sie lassen sich gar von Hitler, der gerade Geld braucht, in der Fußgängerzone malen. Aber sie lassen sich eben auch reihenweise auch zu rechten Parolen hinreißen. Mit Hitler an ihrer Seite, so scheint es, fühlen sie sich durch das Monster geschützt.

Der Film wird vorübergehend zu einer skurrilen Mixtur aus Reality-Doku und versteckter Kamera und entfernt sich damit weit vom Ansatz des Buches. Das hatte beim Leser selbst einen möglichen inneren Konflikt befördert. Im Text von Vermes wird die ganze Welt durch die Augen Hitlers gezeigt. Er redet stundenlang und offenbart seine Sicht auf die Dinge. Und immer wieder gerät der Leser in die Falle: Was, wenn man Hitlers Auffassung an manchen Stellen teilt? Darf man einer Meinung mit ihm sein? Oder wird jeder Satz, weil er aus Hitlers Mund kommt, per se zu einer hetzenden Parole? Und am Ende steht die Erkenntnis, dass die Reduktion Adolf Hitlers auf das Monster nicht mehr legitim scheint. Hitler war ein Mensch, der seine Taten nur vollbringen konnte, weil ihm Millionen folgten.

Der Film kann die Wucht des Buches bei Weitem nicht erreichen. Er bietet dem Kinozuschauer, der sich in der Mehrheit ohnehin für den besseren Bürger hält, einen glänzenden Ausweg aus einem möglichen inneren Konflikt. Kann er doch stets - wie am Nachmittag beim Trash-TV - auf die da oben auf der Leinwand zeigen, die Verführbaren, die Dummen. Und die, die unter dem Deckmantel der Ironie vermeintliche Wahrheiten transportieren wollen. Und man selbst sitzt unten im Saal und genießt es, außen vor zu sein.

Am Ende wird's im Kino dann wirklich vogelwild. Es wird ohne Not eine Film-im-Film-Geschichte konstruiert. Denn Hitler entschließt sich hier, das Buch "Er ist wieder da" tatsächlich zu verfassen, das dann wiederum verfilmt wird. Allzu konfus treibt die Story ihrem offenen Ende entgegen. Am Schluss schließlich steht eine Botschaft von unmissverständlicher Klarheit: Es geht noch schnell um Pegida, um die Rechten und eine womöglich instabile Demokratie. Die Satire, die "Er ist wieder da" bis dahin fraglos ist, wird zur eindeutigen Predigt. Zumindest bemerkenswert dabei: Die "Bild"-Zeitung, die im Buch über weite Strecken eine ganz wesentliche Rolle spielt, kommt im Film nicht vor, während Politiker wie Merkel und Gabriel wortgleich zum Buch abgeurteilt werden.

Es ist natürlich schlicht dem Medium geschuldet, dass es im Kino anders laufen muss als im Buch. Während der Leser eben die Vorstellung des echten Hitlers auch rein optisch schon vor Augen hat, ist das im Film anders. Dabei macht Oliver Masucci, sofern sich das überhaupt beurteilen lässt, seine Sache gut. Er überhöht die Figur nicht, schafft bis auf wenige Ausnahmen eben keine Karikatur, sondern wandelt recht sicher auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Wahnsinn.

Und doch würde man gerne wissen, ob Christoph Maria Herbst nicht die bessere Wahl gewesen wäre. Er schied als Hauptdarsteller aus, nachdem die Entscheidung gefallen war, mit dokumentarischen Szenen der Begegnung zu arbeiten. "Die Menschen hätten ihn sofort hinter der Maske erkannt", sagt Produzent Oliver Berben, "die Reaktionen wären also ganz anders ausgefallen als gewünscht." Aber auch so sieht jeder, ob Kinobesucher oder Protagonist, dass dieser Mann dort mit dem Bart eben nicht Hitler ist, was dem Stoff unweigerlich an Kraft nimmt. Amüsanterweise gönnten die Macher Christoph Maria Herbst dann doch eine Szene in seiner Rolle als machtgieriger TV-Mann, die als Hitler-Parodie durchgeht. Es ist eine der besten Szenen des Films, offenbart sie doch in aller Klarheit eine Hoffnung, die vielen innewohnt: die Sehnsucht danach, einmal nicht mehr geführt zu werden, sondern selbst zu führen.

Quelle: teleschau - der mediendienst