Joseph Gordon-Levitt

Joseph Gordon-Levitt





"Ich bin froh, mein Leben nicht riskieren zu müssen"

Ein bisschen Wahnsinn gehört dazu: In 400 Meter Höhe auf einem Seil zwischen zwei Hochhäusern zu tanzen - für Joseph Gorden-Levitt wäre das nichts. Aber den Mann zu spielen, der 1974 genau das tat, ist die perfekte Rolle für ihn. In "The Walk" (Kinostart: 22. Oktober) verkörpert der Schauspieler Philippe Petit, dessen Performance zwischen den Türmen des World Trade Centers der vielleicht größte künstlerische Coup des vergangenen Jahrhunderts war. Im Interview in einem Berliner Hotel spürt man den Respekt, den Joseph Gordon-Levitt vor der Leistung des Franzosen hat. Der 34-Jährige aus Los Angeles, vor kurzem Vater eines Sohnes geworden, entpuppt sich als charmanter Gesprächspartner, der sein Privatleben privat hält und für Adrenalinkicks nicht allzu viel übrig hat.

teleschau: Mal ehrlich: Was halten Sie von dieser Nummer, die Philippe Petit zwischen den Türmen des World Trade Centers abzog?

Joseph Gorden-Levitt: Einerseits ist es total wahnwitzig, anderseits natürlich eine großartige Leistung. Auch künstlerisch. Er selbst gibt ja auch zu, dass er als junger Mann ziemlich verrückt gewesen sei. Für mich ist er eine sehr inspirierende Persönlichkeit, auch weil er so viele Facetten hat. Ich bewundere seinen Antrieb, seine Energie. Aber er ist auch narzisstisch, ein bisschen irre. Als Schauspieler kann man sich keine bessere Rolle wünschen.

teleschau: Sie sprechen in "The Walk" mit einem sehr niedlichen französischen Akzent: Wie lange mussten Sie denn dafür üben?

Gorden-Levitt: Ein paar Monate dauerte das schon, vor den Dreharbeiten verbrachte ich viel Zeit mit Philippe Petit, um mich auf die Rolle vorzubereiten. Ich hatte allerdings schon Erfahrung durch den Französisch-Unterricht in der Highschool. Außerdem beschäftige ich mich seit meinen Teenager-Tagen mit französischer Kultur und Filmen.

teleschau: Philippe Petit, das ist auch ein zentrales Thema des Films, macht seine Kunst zunächst nur um der Kunst willen: Wie sieht das bei Ihnen aus?

Gorden-Levitt: Als Teenager genoss ich es sehr, bei der Serie "Hinterm Mond gleich links" mitzuspielen. Das machte einfach einen Riesenspaß, aber die Schattenseite war: Die Leute erkannten mich auf der Straße, und das war mir sehr unangenehm. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte und träumte heimlich davon, einfach nur ins Studio zu gehen, mit den Leuten die Show zu machen - und danach das ganze Material zu verbrennen. Niemand sollte es sehen, niemand sollte mich erkennen.

teleschau: Mittlerweile kommen Sie aber klar damit, oder?

Gorden-Levitt: Irgendwann entwickelte ich ein gewisses Verständnis dafür, Teil einer Gesellschaft zu sein und nicht nur für mein eigenes Vergnügen zu existieren. Okay, die Schauspielerei mag nicht der wesentlichste Beitrag zur Weiterentwicklung der Menschheit sein - aber jeder tut, was er kann ...

teleschau: Woher kam diese Erkenntnis?

Gorden-Levitt: Vielleicht lag es daran, dass ich älter wurde. Vielleicht am Studium. Vielleicht auch an meinem Umzug nach New York, wo man sich der Menschheit immer etwas näher fühlt. Auf jeden Fall stellte ich fest, dass es mir mittlerweile etwas bedeutete, wenn mir Leute sagten, ihnen hätten meine Shows oder Filme gefallen. Ich mache meine Kunst mittlerweile nicht mehr nur als egoistisches Vergnügen, sondern auch für andere Menschen, denen sie etwas bedeutet, die dadurch eine neue Perspektive auf die Welt bekommen.

teleschau: War das der Grund, warum Sie in Oliver Stones Filmprojekt die Rolle von Edward Snowden annahmen?

Gorden-Levitt: Ich fühlte mich zunächst erstmal geehrt, dass ich in Betracht gezogen wurde. Weil Edward Snowden das beste Beispiel für einen Menschen ist, der sich opferte, um einen wichtigen Beitrag für die Menschheit zu leisten. Dafür bewundere ich ihn sehr. Wiewohl ich weiß, dass nicht jeder einverstanden mit dem ist, was er getan hat. Aber das muss jeder selbst entscheiden. Ob es richtig oder falsch war, sei dahingestellt. Ich finde jedenfalls, dass es nicht schadet, die Debatte zu führen, die Edward Snowden anstieß.

teleschau: Ben Kingsley spielt in "The Walk" ihren Lehrer: Wie viel lernten Sie denn persönlich von ihm?

Gorden-Levitt: Die Szenen mit Sir Ben waren sehr wichtig für die Stimmung des Films: "The Walk" erzählt zwar eine wahre Geschichte, ist aber kein realistisches Drama, sondern hat etwas Märchenhaftes. Der Film ist nicht objektiv, sondern eine subjektive Betrachtung der Ereignisse - durch die Augen eines jungen Mannes, der durchaus verrückt ist. Und Sir Ben ist genau der richtige Mann, der einem solchen Film die nötige Grandezza verleiht. Für mich war das sehr hilfreich: Ich konnte mich gewissermaßen an ihn anlehnen, er gab mir viel Selbstvertrauen. Vor allem weil es heutzutage nicht mehr üblich ist, sich aus dem Fenster zu lehnen und auch mal zu übertreiben. Heutzutage ist Zurückhaltung die Mode, wenn es um dramatische Rollen geht.

teleschau: Sie übertrieben nicht: Sie tanzten nicht selbst in 400 Metern Höhe auf dem Seil. Aber wie viel Vorbereitung steckten Sie in den körperlichen Teil Ihrer Rolle?

Gorden-Levitt: Philippe brachte mir höchstpersönlich die Grundlagen des Seiltanzes bei. Eine sehr schmerzhafte Angelegenheit, besonders für die Füße. Wenn ich drüber nachdenke: Mein ganzer Körper tat weh. Man muss wirklich jeden Muskel anspannen - ansonsten verliert man die Balance. Bei den Dreharbeiten drehten wir die Szenen auf dem Seil in vier Metern Höhe: Sie können sich nicht vorstellen, wie hoch vier Meter sein können! Für mich war das Aufregung genug: Ich möchte gar nicht wissen, was Philippe dachte, als er damals 400 Meter über der Erde balancierte. So verrückt kann man gar nicht sein.

teleschau: Was war denn das Verrückteste, was Sie je gemacht haben?

Gorden-Levitt: Die Wahrheit ist: Ich habe noch nie mein Leben riskiert. Darüber bin ich sehr froh. Wissen Sie, viele Menschen werden jeden Tag in lebensbedrohliche Situationen gezwungen - ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich solchen Situationen nicht ausgesetzt bin. Mein Adrenalin hole ich mir aus meiner Arbeit. Die größten Kicks hatte ich übrigens, als ich "Saturday Night Live" moderierte: Mit einer Kultshow live auf Sendung zu sein, vor einem Millionenpublikum - das ist nicht ohne.

Quelle: teleschau - der mediendienst