Tom Hiddleston

Tom Hiddleston





"Ich glaube an Geister"

Jede Menge Geister, eine merkwürdig intime Beziehung zu seiner Schwester und eine gefährliche Obsession: Er ist ein undurchsichtiger Typ, dieser Thomas Sharpe, der in Guillermo Del Toros Gruselromanze "Crimson Peak" (Kinostart: 15. Oktober) einer jungen Amerikanerin den Kopf verdreht und sie zur Hausherrin seines Spukschlosses macht. Gespielt wird er von Tom Hiddleston (34), der sich mit zwielichtigen Figuren bestens auskennt. Als Loki katapultierte er sich mit den beiden "Thor"-Filmen und "The Avengers" in den Hollywood-Olymp der beliebtesten Filmschurken. Für die Rolle sei er dankbar, verrät Hiddleston im Interview und entpuppt sich in einem Berliner Nobelhotel als smarter Gesprächspartner, der sehr freimütig von seinen Ängsten und Sorgen erzählt.

teleschau: Bei welchen Film haben Sie sich zuletzt eigentlich so richtig schön gegruselt?

Tom Hiddleston: Das war "Das Waisenhaus" - der Film war einfach beängstigend. Das liegt natürlich auch daran, dass es in diesem Film um verschwundene Kinder ging und damit um eine Urangst der Menschen. Und: Kinder haben etwas Ehrliches, etwas Unschuldiges an sich, dass wir als Erwachsene verlernt haben.

teleschau: Welche Ängste rauben Ihnen den Schlaf?

Hiddleston: Als Kind war mein größter Albtraum, mich zu verirren und nicht zurückzufinden. Das hatte einen triftigen Grund: Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, verlor ich bei einem Ausflug in den Wald meine Familie aus den Augen. Ich fühlte mich einsam und verloren - verlassen in einer unbekannten Umgebung. Das war schlimm, weil es immer das Unbekannte ist, das die größten Ängste hervorruft.

teleschau: Glauben Sie selbst an übernatürliche Wesen?

Hiddleston: Ich glaube, dass die menschliche Fantasie immer Geister braucht, um das Unerklärliche zu erklären. Sehen Sie: Wir leben in einer Welt, in der wir Wasser auf dem Mars entdecken, in der wir wissenschaftliche Phänomene sehr rational erklären können. Trotzdem brauchen wir das Unbekannte: Vielleicht um uns damit abzufinden, dass das Universum größer ist, als wir verstehen. Das Übernatürliche war immer schon ein wichtiges Konzept der Menschen. Ich selbst weiß, dass es keine Geister gibt, aber ich glaube daran. Wir alle brauchen sie - zum Beispiel um zu erklären, warum wir von der Vergangenheit verfolgt werden, warum wir immer wieder von unserem Bedauern heimgesucht werden, von geplatzten Träumen und gescheiterten Beziehungen.

teleschau: Es heißt, Guillermo Del Toro und Sie waren sich recht schnell über die Zusammenarbeit einig ...

Hiddleston: Das ist wahr. Es war ein Mittwoch, als er mir das Drehbuch schickte, Donnerstag tauschten wir ein paar E-Mails aus, Freitag einigten wir uns beim Frühstück in Toronto. Am Nachmittag hatte ich dann die Kostümprobe, und Guillermo zeigte mir stolz ein Modell seines Geisterhauses. Das waren drei aufregende Tage.

teleschau: Was hat Sie denn so gereizt, dass Sie sofort zusagten?

Hiddleston: Es passiert selten, dass ich mir einen Film schon beim Lesen des Drehbuchs so gut vorstellen kann, wie ich es bei "Crimson Peak" konnte. Ich dachte, ich lese einen Roman. Guillermo erzählte mir dann, dass er zum ersten Mal einen englischsprachigen Film machen will, der sich so anfühlt wie seine spanischsprachigen Filme. Natürlich kannte ich "Pans Labyrinth". "Crimson Peak" sollte der Zwillingsbruder werden.

teleschau: Dabei sollte eigentlich Benedict Cumberbatch die Rolle spielen: Für Sie wurde das Drehbuch extra umgeschrieben.

Hiddleston: Guillermo erklärte mir, dass er meine Stärken besser herausarbeiten wolle. Was das bedeutet, müssen Sie ihn allerdings selbst fragen. Ich weiß nur, dass meine Figur nach der Überarbeitung etwas offener, etwas zugänglicher für die Welt war.

teleschau: Welche Filme empfahl Ihnen Guillermo Del Toro, um sich auf "Crimson Peak" vorzubereiten?

Hiddleston: Er legte mir vor allem Romane ans Herz. "Jane Eyre" und "Der Untergang des Hauses Usher" zum Beispiel. Außerdem las ich "Udolphos Geheimnisse" von Ann Radcliffe - die erste Gothic Romance überhaupt.

teleschau: Als Loki spielen Sie im Marvel Universum eine sehr charismatische Figur: Wie überrascht waren Sie von seiner Popularität?

Hiddleston: Es gibt nichts, was mich mehr überraschte und immer noch überrascht! Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, für die ich unendlich dankbar bin. Es passiert einem Schauspieler nicht oft, dass er eine Figur spielen darf, die die Fantasie des Publikums so sehr beflügelt wie Loki.

teleschau: Können Sie Lokis Schicksal im Kino beeinflussen?

Hiddleston: Ja und nein. Die Marvel Studios sagten mir bei der Vertragsunterzeichnung, dass sie etwa 7000 Figuren in ihren Archiven haben. Ob und wie sie alle auf der Leinwand zum Leben erwecken wollen, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn sie aber wegen Loki anrufen, wäre ich mit Sicherheit dabei. Es gibt schließlich ein paar Dinge über ihn, die nur ich weiß.

teleschau: Warum, glauben Sie, sind Comics so beliebt?

Hiddleston: Das hat eine Menge mit Eskapismus zu tun. Wir Menschen haben immer einen Weg gefunden, uns selbst zu verstehen, wenn wir uns imaginäre Szenarien ausgemalt haben. Die Griechen hatten ihre Götter, wir haben unsere Superhelden. Irgendwie scheinen wir Parallelwelten zu brauchen, in die wir uns zurückziehen können damit die wirkliche Welt nicht zerstört wird.

teleschau: Welche Comics haben Sie als Kind am meisten gemocht?

Hiddleston: Eigentlich gar keine. Ich besaß als Kind nur ein Kartenspiel mit Marvel-Helden. Als Engländer stand ich eher auf James Bond. Sie finden kaum jemanden im Vereinigten Königreich, der 007 nicht liebt.

teleschau: Als Film-Bösewicht haben Sie ja schon Erfahrung: Wie wär's denn mal mit einem Bond-Schurken?

Hiddleston: Ich würde auf jeden Fall gerne in einem James-Bond-Film mitspielen. Ob das nun eine Schurkenrolle sein muss, sei dahingestellt ...

teleschau: Zumal Sie sich in der echten Welt für Unicef engagieren.

Hiddleston: Jedes Kind sollte eine faire Chance bekommen: Es sind immer die Erwachsenen, die sie ihnen nehmen. Wissen Sie, was Kinder am meisten wollen? Zur Schule gehen! Das habe ich bei einer Reise als Unicef-Botschafter in Afrika erfahren. Egal welches Kind ich fragte: Alle wollten sie einfach nur die Chance haben, etwas zu lernen. Das Recht auf Bildung ist etwas, was wir im Westen mittlerweile gar nicht mehr richtig zu schätzen wissen.

Quelle: teleschau - der mediendienst