Günther Maria Halmer

Günther Maria Halmer





Schauspiel, kein Show-Spiel

Wenn man mit Günther Maria Halmer plaudert, möchte man den Ober herbeirufen. Gerne würde man etwas bestellen, wie beim Törggelen in Südtirol: einen der jungen Weine, dazu ein paar Kastanien oder Speckknödel. Das würde Halmer gefallen. Doch es muss ohne gehen. Schließlich muss er nach dem Gespräch wieder zurück in seinen Garten, die restlichen Früchte des Jahres ernten. Er ist gerne in Bayern zuhause, dort legte er 1974 mit den "Münchner Geschichten" den Grundstein seiner Schauspielkarriere, die er mit seinen 72 Jahren demütig betrachtet. In Lars Kraumes aufwühlendem "Familienfest" (Start: 15. Oktober) spielt Halmer das Familienoberhaupt, das in seiner Selbstherrlichkeit weder Gnade kennt noch bereit ist, sich einen Spiegel vorhalten zu lassen. Im Interview erweist sich der zweifache Vater als ein ganz anderer Mensch.

teleschau: Im Film gibt es die Begrüßung "Sie müssen Herr Westhoff sein, der große Pianist." Wie würde der Satz mit Ihnen lauten?

Günther Maria Halmer: "Ich kenn Sie vom Fernsehen - wie heißen Sie?" (lacht) Wenn man so viele Menschen gesehen hat wie ich, bezeichnet man sich selbst nicht als groß oder berühmt. Ich versuche meine Arbeit gut zu machen, wie ein Koch, der sich freut, wenn alle aufessen. Wenn Leute zu mir kommen und sagen, dass ich ihnen Freude bereitet habe, bin ich zufrieden. Wenn jemand "Familienfest" gut findet, bin ich stolz.

teleschau: Das ist kein Film, den man morgen vergisst, weder als Zuschauer noch als Darsteller. Sie spielen das bösartige Familienoberhaupt. Was hat Sie an dieser Rolle interessiert?

Halmer: In meinem Alter hat man ja schon genug Drehbücher gelesen, um eines mit außergewöhnlicher Qualität zu erkennen. Das tat nicht nur ich, sondern auch Hannelore Elsner und Lars Eidinger. Und das machte auch Regisseur Lars Kraume, der erstmals nicht sein eigenes Skript verfilmte.

teleschau: Die Besetzung ist in jeder Rolle top. Witterten Sie bei einem solch starken Ensemble nicht die Gefahr, dass Ihnen, der Hauptfigur, die Show gestohlen wird?

Halmer: Das ist wie beim Fußball: Es spielt keine Rolle, wer die Tore schießt. Man muss gemeinsam gewinnen. Spieler, die den Ball stoppen können und ihn gleich in den Lauf weiterspielen, haben diese Qualität, wie der Kollege, der sofort auf mein Schauspiel reagiert. Mit tollen Partnern wird man selbst besser. Wenn sie alleine gut sind in einem Film, der sonst langweilig ist, nützt ihnen das gar nichts. Also geht es nicht um meine Show.

teleschau: Das ehrt Sie. Einige Kollegen sind der Meinung, dass nur noch die anderen von ihnen lernen können.

Halmer: Dabei ist das nicht edel gedacht von mir, meine Kollegen sind doch alles sehr erfahrene Schauspieler. Gerade die jungen, die ihr Handwerk können, schau ich mir genau an. Da muss ich mich nicht als Lehrer aufblasen. Das wäre geradezu dumm.

teleschau: Und mit den alten Hasen wie Michaela May verbindet Sie gemeinsame Theaterarbeit. Erleichtert das die Arbeit vor der Kamera?

Halmer: Ja, vor allem, weil wir privat befreundet sind. Da ist alles sehr vertraut - wobei dies wichtiger ist, wenn man auf Tournee ist. Denn da gluckt man ja mehr zusammen als beim Dreh. Glauben Sie mir, es ist ganz gut, wenn der Kollege weiß, dass ich wahnsinnig werde, wenn andere unpünktlich sind und ich warten muss.

teleschau: Gerade haben Sie eine Drehpause, die Sie dann wohl gerne zu Hause in Oberbayern verbringen, oder?

Halmer: Auf jeden Fall. Umso mehr, da wir einen schönen Endsommer haben und ich Äpfel und Zwetschgen pflücken muss. Wenn man älter wird, genießt man die Natur, und wenn man noch älter wird, genießt man sie noch mehr. Dann braucht man die Menschen gar nicht mehr so sehr.

teleschau: Haben Sie sich schon immer Zeit genommen, Ihre Freizeit hochgehalten?

Halmer: Naja, früher dachte ich an Vorsorge, nahm mehr Rollen an, weil wir ja Kinder hatten. Da reagierte man durchaus auf ein Drehbuch, das man im Urlaub bekam. Dann musste man denselben über den Haufen werfen, wenn das Angebot stimmte. Das ist vorbei. Heute bin ich wohl etwas wählerischer.

teleschau: Man muss sich auch nicht mehr unbedingt ein Bein ausreißen ...

Halmer: Ich bin immer noch ehrgeizig. Und ich würde auch das ganze Jahr über drehen, wenn es was Tolles ist. Das eigentlich Schöne ist, dass ich noch mitmischen kann. Viele meiner Freunde sind pensioniert. Ich muss kein Rentner sein! Wenn ich es gesundheitlich schaffe, kann ich weitermachen.

teleschau: Haben Sie sich je gefragt, ob Schauspielerei überhaupt ein Beruf ist?

Halmer: Das habe ich mich nie gefragt, denn ich hatte vorher so vieles ausprobiert und verworfen, weil ich es schrecklich fand. Auf der Schauspielschule in München hatte ich das Gefühl, Menschen gefunden zu haben, die denken wie ich. Von daher habe ich die Schauspielerei nie in Frage gestellt, sondern bin ganz im Gegenteil immer zufriedener geworden. Allerdings wäre das anders gelaufen, wenn ich in der Provinz für wenig Gage jedes Wochenende, Weihnachten und Neujahr hätte arbeiten müssen.

teleschau: Sie entschieden sich für die Schauspielschule, als Sie in Kanada unter Tage arbeiteten und über Ihre Zukunft grübelten.

Halmer: Ja, damals bin ich ausgebrochen aus einer verzweifelten Situation. In Deutschland holte ich mir nur blutige Nasen an den bürgerlichen Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat. Ich wusste: Bei mir ist das anders. Ich kam nicht klar. In Amerika darf man freier denken, und ich konnte gehen, wenn ich mit dem Chef nicht klarkam. Bei uns benötigt man ein Zeugnis für jeden Schritt, und die Bewertung der anderen schleppst du ein Leben lang mit.

teleschau: Das heißt aber, Sie hatten damals das Gefühl, dass eine Entscheidung her muss?

Halmer: Natürlich, wenn man 22 ist und nicht weiß, was man werden will, beginnt man zu zweifeln oder sogar zu verzweifeln. Man wird ja permanent gefragt, was man macht. Und die Anerkennung von außen fehlt einem auch.

teleschau: Mittlerweile haben Sie in gut 40 Jahren so viel gedreht, dass Sie aufgehört haben zu zählen. Ab wann ist die Anzahl der Rollen egal?

Halmer: Wahrscheinlich ab dem Moment, ab dem mir Autogrammjäger Bilder zeigten, an die ich mich gar nicht erinnern kann. Aber Schauspieler ist ja ein normaler Beruf. Es gibt Spitzen-Filme, die im Kopf bleiben. Aber es gibt auch welche, die man als Schauspieler und Zuschauer vergisst wie die Zeitung von vorgestern.

teleschau: Was bleibt Ihnen bei "Familienfest" in Erinnerung?

Halmer: Die Reaktionen beim Münchner Filmfest. Es ist erstaunlich, dass der Film als Tragikomödie empfunden wird. Sieht man ihn alleine, wird man eher traurig. Aber im Kino wurde bei den Vater-Sohn-Konflikten oft gelacht. Seltsamerweise musste ich dann auch lachen. In der Gruppe ist die Wahrnehmung eine andere und diese Reaktionen des Publikums brachten den Film, der fürs Fernsehen gemacht war, in die Kinos.

teleschau: Was löst das Wort Familienfest bei Ihnen aus?

Halmer: Familienfeste im klassischen Sinne lassen wir. Ich habe zwei Söhne, die in Berlin leben, und zu Weihnachten zu uns kommen. Bei runden Geburtstagen fahren wir mal gemeinsam irgendwohin. Wir sind da sehr dezent. Ich habe mich nie als der Zampano gesehen, der seine Lieben - wie im Film - um sich schart, lege aber schon Wert auf Familienbande.

teleschau: Sind Sie eigentlich Opa?

Halmer: Leider nicht. Ich hätte das schon gerne, aber das ist wohl altmodisch. Vermutlich ist das eine Generationsfrage, denn beide Söhne und ihre Frauen haben kein Interesse. Insofern konnte ich diese Szene, die auch im Film vorkommt, leicht spielen. Die Rolle ist insgesamt ein Stück privater als andere, da musste ich mir nicht so viel aus den Fingern saugen.

Quelle: teleschau - der mediendienst