Ridley Scott

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"Schuldet es sich die Menschheit nicht, zum Mars zu fliegen?"

Eigentlich sollte Ridley Scott Fragen zu seinen neuen Film "Der Marsianer - Rettet Mark Watney" (Kinostart: 8. Oktober) beantworten. Doch beim Interview im Berliner "Soho House" musste die Kinolegende erst einmal etwas ganz anderes loswerden. "Das Hotel ist sehr interessant. Das ist so ein Clubkonzept, das in Soho, London seinen Ursprung hat. Und in dem Gebäude hier in Berlin war mal die sozialistische Partei drin", plaudert er drauflos, bevor man die erste Frage stellen kann. Das final geklärt, ist ein Viertel der anberaumten Interviewzeit verstrichen. Aber sich darüber ärgern? Das ist überhaupt nicht möglich. Wer kann dem Mann, der "Alien", "Blade Runner" und "Gladiator" gemacht hat, schon böse sein? Zumal der Filmemacher ein sehr netter und sehr freundlicher älterer Herr ist, der nun mal sehr gerne erzählt und einen ziemlich vergnügten Eindruck macht, wie er da am Kopfende eines viel zu großen Konferenztisches in einem viel zu großen Konferenzsaal sitzt. Auf den ersten Blick wirkt Ridley Scott etwas verloren. Aber das ist nur Tarnung. Der 77-jährige Brite weiß ganz genau, wo er ist und vor allem, wo er hin will: zu den Sternen.

teleschau: Ihr neuer Film "Der Marsianer" ist gar nicht so weit hergeholt: Zurzeit werden bemannte Mars-Missionen geplant und vorbereitet. Ist die Zeit reif für die Menschheit, ihre Fußabdrücke auf anderen Planeten zu hinterlassen?

Ridley Scott: Dass wir den Mars wirklich in einen Planeten umwandeln, auf dem wir atmen und leben können, glaube ich nicht. Terraforming übersteigt jedenfalls noch unsere Möglichkeiten. Die Theorie dafür zu entwickeln, traue ich den Menschen allerdings zu. Und auch, zum Mars zu fliegen und dort in künstlichen Habitaten zu leben. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das bis 2024 schaffen.

teleschau: Glauben Sie, dass solche Missionen sinnvoll sind?

Scott: Angesichts der enormen Kosten: eher nicht. Aber man kann sich auch fragen: Welchen Nutzen hat die Formel 1? Die Hersteller sagen, die Erkenntnisse kommen den Serienfahrzeugen zu Gute: Die Motoren werden effizienter und sparsamer. Anderseits sind solche Herausforderungen sehr reizvoll für die Menschen. Hätten wir etwa nicht den Mount Everest besteigen sollen, nur weil wir keinen Nutzen daraus ziehen? Schuldet es sich die Menschheit nicht, zum Mars zu fliegen? Und sei es nur, um herausfinden, ob es dort Leben gegeben hat.

teleschau: Die Chancen stehen nicht schlecht: Vor kurzem wurden riesige Eismassen unter der Oberfläche entdeckt ...

Scott: Was auch immer dort passierte: Es wäre doch sehr interessant, es herauszufinden. Zum Mars braucht man neun Monate hin und neun zurück, und es ist eine extrem teure Reise. Aber machbar.

teleschau: Diese "Machbarkeit" ist im Kino gerade en vogue ...

Scott: Heute denkt man einfach anders über Science-Fiction-Filme, als damals in "Star Trek", wo sie einfach nur sagten "Beam me up, Scotty". Was zum Beispiel in "Gravity" passiert, ist heute Wirklichkeit. Was wir in "Der Marsianer" zeigen, wird in zehn Jahren Realität sein. Gerade das ist so faszinierend.

teleschau: Wie übersetzt man denn eine technisch sehr spezifische Buchvorlage in einen humorvollen, unterhaltsamen und glaubwürdigen Sci-Fi-Film?

Scott: Indem man sehr clever ist und viel Erfahrung hat. Ich lese sehr viele Bücher: Was selten passiert, ist dass ich sofort nach der Lektüre eines Buches beim Studio anrufe und sage: "Ich mache den Film." Ich wusste sofort, wie ich die Geschichte für die Leinwand anpasse.

teleschau: Wussten Sie auch sofort, dass Matt Damon der perfekte Schauspieler ist, um das Publikum als Mark Watney zwei Stunden lang quasi als Alleinunterhalter bei der Stange zu halten?

Scott: Wissen Sie, welcher sein bester Film ist? "Der talentierte Mr. Ripley"! Dort zeigt Matt Damon, wozu er in der Lage ist - es ist fast eine Theaterrolle, und er spielt einen Psychopathen. Natürlich wusste ich, dass er es kann. Wir hatten im Mars-Habitat 30 GoPro-Kameras installiert, die ihn die ganze Zeit beobachteten und die auch als Gesprächspartner für Matt dienten. Wenn er als Mark Watney in die Kameras spricht, dann ist das so, als würde er mit einer anderen Person sprechen - das rettet die Figur vor der Einsamkeit und sorgt zudem für humorvolle Momente.

teleschau: Werden Sie eigentlich jemals genug vom Weltall bekommen?

Scott: Eher nicht. Nach "Alien" verging viel Zeit, bis ich zurück konnte. Vor ein paar Jahren ging ich dann zu Fox und sagte, dass die "Alien"-Saga zwar ganz schön durchgekocht ist, aber ich sie wiederbeleben möchte. Vor "Prometheus" hatte sich niemand gefragt, warum man so eine Kreatur erschaffen würde - und wer dazu in der Lage ist. Wenn man in allen Belangen so überlegen ist, ist man dann Gott? Nein, das ist man nicht. Es war einfach ein Volk, und ich nannte es Engineers. Im Februar beginnen wir mit der Fortsetzung.

teleschau: Wohin führen Sie die Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw und den Androiden David denn diesmal?

Scott: Sie gibt ja die Richtung vor. Elizabeth sagte am Ende des Films: "Ich möchte dorthin, wo die Engineers herkommen."

teleschau: Ein Paradies erwartet sie dort wohl eher nicht, oder?

Scott: Der Arbeitstitel lauten "Paradise Lost". Und es wird eine ziemlich düstere Story.

teleschau: Wenn man will, kann man durchaus Parallelen zwischen "Prometheus" und "Der Marsianer" erkennen: Hier wie dort gibt es eine Spezies, die sich allen anderen Kreaturen für überlegen hält ...

Scott: Was ja ziemlich lächerlich ist. Es gibt ja unzählige andere Planeten im Universum. Ein Narr, wer glaubt, dass es da nicht die eine oder andere Evolutionsgeschichte gegeben hat, die der unseren ähnlich ist.

teleschau: Die Menschen sind in ihrem Film im Angesicht einer Katastrophe zu vielem in der Lage, was man nicht mehr für möglich hält: zu Hilfsbereitschaft, Solidarität und sogar einer Annäherung zwischen China und den USA. Ist "Der Marsianer" eine Art Vermächtnis?

Scott: Ich hoffe nicht, ich will schon noch ein paar Filme machen. Aber Sie haben Recht: Im Angesicht einer Katastrophe, zeigen wir uns von unserer besten Seite. Ich war überrascht und stolz, wie schnell die Welt nach dem Erdbeben in Nepal reagiert.

Quelle: teleschau - der mediendienst