Jörg Pilawa

Jörg Pilawa





Ab und zu mal komplett raus

Eine feine Selbstironie und die Fähigkeit, schnell auf den Punkt zu kommen, zeichnen Jörg Pilawa seit jeher aus. Jetzt hat der Moderator unter dem prägnanten Titel "Bin ich eigentlich bekloppt?" ein Buch veröffentlicht, in dem er Einblicke in seinen persönlichen Alltags-Wahnsinn gewährt und verrät, auf welche Weise er sich auch weiterhin möglichst schadlos durch die Untiefen des Lebens zu schlängeln gedenkt. Der Untertitel "Vom Mut, die richtigen Dinge zu tun" passt jedenfalls gut zu dem, was sich Pilawa, der Anfang September sein 50. Lebensjahr vollendet hat, auch für die zweite Lebenshälfte vornimmt. Die Details erläutert der "Quizonkel" nun im Interview anlässlich seiner neuen Samstagabend-Show "Spiel für dein Land", in der (erstmals am 31. Oktober, 20.15 Uhr, ARD, ORF, SRF 1) Stars aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegeneinander antreten. Dass auch hier, wie beim werktäglichen "Quizduell", alle Zuschauer per App mitmachen können, gehört zu den kleinen beruflichen Abenteuern, auf die sich der selbsternannte "Adrenalin-Junkie" gerne einlässt. Ob's diesmal funktioniert? Fakt ist: Noch nie hatte ein Fernsehquiz in Europa so viele potenzielle Mitspieler.

teleschau: Sind Sie froh, dass Sie endlich keiner mehr fragt, wie man sich so fühlt, wenn man auf die 50 zugeht?

Jörg Pilawa: (lacht) Durchaus. Aber die Fragen nach dem Befinden hören nicht auf: Nun wollen alle wissen, wie es so ist, wenn man fünf Jahrzehnte Leben auf dem Buckel hat!

teleschau: Und was antworten Sie?

Pilawa: Dass ich mich seit meinem Geburtstag genau beobachtet habe und versichern darf: Ich habe weder mehr noch weniger Schmerzen, wenn ich morgens aufwache - es hat sich tatsächlich gar nichts verändert. Ich wollte sowieso keine große Sache aus dem 50. machen, nur meine Frau sah das anders.

teleschau: Es gab also eine Überraschung?

Pilawa: Eine? (lacht) Sie hatte während unseres Kanada-Urlaubs heimlich in einem Laden für Party-Utensilien lauter lustige Sachen für Menschen über 50 besorgt und an meinem Geburtstag das komplette Wohnzimmer damit gepflastert. Da sah ich sie endlich auch vor mir: die schreckliche Zahl 50 - in allen Varianten, mit ganz viel Glitzer und Lametta. Es war der Anfang eines Tages voller Überraschungen. Ich hatte am Abend noch eine Livesendung zu stemmen - da saßen dann auf einmal meine Freunde und Verwandten im Publikum. Auch das hat meine Frau organisiert. Genau wie die wilde Überraschungsparty danach auf der Reeperbahn in der Ritze. Ein schöner, ein verrückter Tag!

teleschau: Und Sie haben Ihr neues Alter natürlich kein bisschen gespürt!

Pilawa: Im Gegenteil - ich habe mich seit Jahren nicht mehr so jung gefühlt. Also: Mit meinen 50 Jahren hat sich wirklich nichts Signifikantes geändert - ich bin aus der werberelevanten Fernsehzielgruppe herausgefallen, aber sonst ist alles gut.

teleschau: Viele Männer machen anlässlich Ihres 50. etwas Verrücktes, Sie aber haben sich in eine Fastenklinik begeben und ein Buch geschrieben.

Pilawa: Ist das nicht verrückt genug? (lacht) Nein, im Ernst: Andere kaufen sich einen Sportwagen oder nehmen sich eine Geliebte mit 50, aber mir ging es wirklich nur um das Thema Fasten.

teleschau: Weil Sie abnehmen wollten?

Pilawa: Nein, dass ich etwas Gewicht verlor, war nur ein Nebeneffekt. Ich bin alles andere als ein Asket, sondern ein Genussmensch - ich esse unheimlich gerne, und ich trinke auch ganz gerne ein Gläschen Wein. Nun wollte ich einfach herausfinden, wie gut ich auf die Verlockungen verzichten kann.

teleschau: Hat es geklappt?

Pilawa: Ja, es fiel mir leicht. Am Anfang hält man sich zwar für bekloppt, aber glauben Sie mir, am Ende ist der Verzicht etwas Wunderbares, weil der Genuss, der danach kommt, umso intensiver ist ... Und da ich schon mal auf mich selbst geworfen war und eine Menge Zeit hatte, machte ich mich eben an das Buch, das ich schon länger schreiben wollte. Das hat ja ebenfalls mit Selbsterfahrung zu tun: Ich wollte wissen, ob ich es schaffe, so lange am Stück konzentriert zu bleiben, ob es mir gelingt, so tief in mich reinzuhorchen, dass ich auf 250 Seiten etwas Sinnvolles über mich und mein Leben schreiben kann. Mein Alltag im Fernsehgeschäft ist ja von einem völlig anderen Rhythmus geprägt, sehr schnelllebig: Wir arbeiten auf eine Sendung hin, dann geht es raus, ich moderiere ins Rotlicht der Kamera hinein, und am nächsten Tag nach der Quoteninfo ist das Ganze schon wieder vergessen.

teleschau: Wie lief das Experiment?

Pilawa: Es war schwieriger als gedacht, sechs Wochen am Stück konzentriert am Manuskript zu arbeiten. Aber das Glücksgefühl, als es fertig war, war natürlich enorm.

teleschau: Sechs Wochen Fasten, sechs Wochen Abschottung - was nahmen Sie, abgesehen von dem fertigen Buch, mit aus dieser Zeit?

Pilawa: Erkenntnisse, über die ich auch im Buch schreibe. Zum Beispiel, dass es mit der Gesellschaft und auch mit mir persönlich etwas macht, wenn ich sieben Tage die Woche überall auf dem Globus erreichbar bin. Da haben sich Prioritäten verschoben, Umgangsformen verändert, die Gelassenheit ist uns zum guten Teil abhanden gekommen. Ich habe vier Kinder, die alle im digitalen Zeitalter groß werden und es als Selbstverständlichkeit empfinden, jederzeit und überall erreichbar und online zu sein, was auch okay ist. Aber als Vater sehe ich mich schon in der Verantwortung, ihnen klarzumachen, dass es noch ein anderes Leben gibt, dass es auch mal schön sein kann, kein Gadget in der Hand zu halten, und es wichtig ist, Geheimnisse und Erlebnisse auch mal für sich zu behalten. Man muss nicht alles teilen, sage ich ihnen.

teleschau: Sind Sie ein Kulturpessimist?

Pilawa: Ach woher. Ich liebe das Internet. Aber es täte uns allen ganz gut, wenn wir hin und wieder ein wenig auf die digitale Bremse treten würden.

teleschau: Solche Gedanken haben Sie sich bei der Fastenkur gemacht?

Pilawa: Absolut. Aber so originell ist das alles auch wieder nicht. Ich denke, den Allermeisten ist klar, dass sich manches in eine bedenkliche Richtung entwickelt. Die Gesellschaft, auch die Politik, unser aller täglicher Umgang mit Freunden und Kollegen - alles ist sonderbar reflexhaft geworden. Es wird immer schneller agiert und immer weniger überlegt. Dabei ist es doch die besondere Gabe des Menschen, dass er nachdenkt, dass er strategisch und planvoll durchs Leben geht. Wir sollten das nicht ganz vergessen.

teleschau: Schloss Ihre Fastenzeit auch den Verzicht aufs Smartphone ein?

Pilawa: Eigentlich ja ... Aber ich muss gestehen, dass ich das Ding in dem ein oder anderen schwachen Moment eingeschaltet habe, um die wichtigsten Meldungen zu checken. Man will ja nichts verpassen. Es war für mich keine neue Erfahrung: Erstens war es meine zweite Fastenkur, zweitens fahre ich mit meiner Familie ja jedes Jahr für fünf Wochen nach Kanada, wo wir auch weitgehend offline sind.

teleschau: Es scheint, Sie brauchen das Gegengewicht zum Fernsehgeschäft.

Pilawa: Ja - auch fürs Gemüt, für die Seele. Wenn du ständig vor einem Publikum stehst, das schon klatscht, obwohl du noch nicht ein einziges Wort von dir gegeben hast, dann ist das zwar sehr schön, aber auf Dauer ungesund. Ich will nicht süchtig werden nach Applaus und nie die Bodenhaftung verlieren. Also muss ich da ab und zu raus. Komplett.

teleschau: Aber wir müssen trotzdem über die Fernseh-Unterhaltung der ARD reden: Die "Stadlshow"-Premiere verfolgten nicht einmal zweieinhalb Millionen Zuschauer im Ersten. Ist die Zeit der großen TV-Shows endgültig vorbei?

Pilawa: So krass würde ich das nicht formulieren, aber wir Fernsehleute müssen bei aller Experimentierfreude aufpassen, dass wir unsere Kernzielgruppe nicht vollends verprellen. Der Wille, jüngeres Publikum zu interessieren, ist in Ordnung, aber das ist eine enorme Herausforderung, da muss man sehr sensibel vorgehen. Der Spagat ist schwierig. Nehmen Sie beispielsweise mein "Quizduell" - weltweit die einzige Live-Show, bei der alle Zuschauer per App mitspielen können. Wir haben jeden Abend über 100.000 Mitspieler, das ist eine Sensation. Dennoch spielen über 90 Prozent unserer Zuschauer nicht mit der App mit, sondern wollen nur eine gute Quizsendung gucken. Das dürfen wir nie beim Programm machen vergessen. Ich sag's also mal ganz vorsichtig: Vielleicht hat man bei der "Stadlshow" ein wenig aus den Augen verloren, für wen man das Programm überhaupt macht.

teleschau: Wie entscheidend ist die Person des Moderators und Präsentators für den Erfolg einer TV-Show?

Pilawa: Der Kopf des Vermittlers ist zweifellos ausschlaggebend. Aber ich weiß auch, dass selbst ein guter Kopf ein schlechtes Format nicht mehr retten kann. Und umgekehrt.

teleschau: Wieso scheiterte im vergangenen Jahr Ihre Musikshow "Sing wie dein Star"?

Pilawa: Wahrscheinlich haben wir die Zuschauer mit dieser Mammutshow am Samstagabend überfordert. Das Konzept (mehrere Promis verwandelten sich schrittweise in einen Musikstar und interpretierten am Ende einen Lieblingssong, d. Red.) passte einfach nicht zu einem einmaligen Show-Event. Das hätte man wöchentlich über mehrere Sendungen aufbauen müssen bis hin zu einer Finalshow - ähnlich wie bei "Let's Dance" bei RTL. Heute weiß ich, es wäre besser gewesen, wenn ich das nicht mitgemacht hätte. Andererseits war's den Versuch wert. Ich habe selten so viel positives Feedback von Kollegen zu einer Sendung bekommen. Gut, wenn Brancheninsider etwas gut finden, sollte man eigentlich skeptisch sein (lacht) ...

teleschau: Also wird es keine Fortsetzung geben?

Pilawa: Nein. Es war ein Flop. Und ich gehöre zu den TV-Unterhaltern, für die die Quote tatsächlich noch entscheidend ist. Eine Show braucht Reichweite, sonst taugt sie nichts. Alles unter vier Millionen kann man am Samstagabend im Grunde vergessen.

teleschau: "Wetten, dass ..?" hatte am Ende immer noch über sechs Millionen Zuschauer.

Pilawa: Eben. So ein Misserfolg war das Ganze nicht.

teleschau: Sie sagten unlängst, Sie wetten, dass es im nächsten Jahr eine Neuauflage geben wird.

Pilawa: Ja. Weil ich mich darüber freuen würde. Ich wurde mit der Show groß und finde das Konzept immer noch tragfähiger als so vieles andere. Nächstes Jahr wird "Wetten, dass ..?" 35 Jahre alt - der perfekte Anlass für ein zumindest einmaliges Comeback!

teleschau: Mit einem Moderator namens Jörg Pilawa?

Pilawa: Nein! Um Gottes willen! (lacht) Ich habe ganz andere Baustellen und eine wunderbare neue Show. Ich freue mich wirklich sehr auf "Spiel für dein Land" und den Wettstreit zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wir wollen spielerisch die Gemeinsamkeiten aufarbeiten, aber auch ein paar Klischees brechen.

teleschau: Das Schöne ist auf jeden Fall, dass Sie Ihr Glück immer wieder mit neuen Showkonzepten versuchen. In diesem Fall ist wieder eine App im Spiel - und das nach den desaströsen Erfahrungen der "Quizduell"-Premiere!

Pilawa: (lacht) Vielleicht brauche ich das. Ich bin ein kleiner Adrenalin-Junkie. Aber wenn das wirklich klappt, dass die App in drei Ländern gleichzeitig läuft und auch rege zum Mitspielen genutzt wird, dann waren wir die Ersten, die so was geschafft haben. Und, ehrlich: Ich habe zwar nichts gegen die Bezeichnung "Quizonkel" - aber der "TV-Pionier" wäre mir mit meinen 50 Jahren noch lieber!

Quelle: teleschau - der mediendienst