Peaches

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"Älterwerden ist nicht traurig, sondern toll"

"Fuck the pain away" tönt es auch nach 15 Jahren noch lakonisch bei Partys und Polit-Events aus den Lautsprechern, zahlreichen Filmen und Serien diente der provokante Slogan-Song als Untermalung. Seiner Schöpferin, der kanadischen Musikerin und Performance-Künstlerin Peaches, brachte das Stück weltweite Aufmerksamkeit. Vor allem aber auch der politischen Agenda, der sich die Wahlberlinerin bis heute verschrieben hat: Gender-Stereotypen zu dekonstruieren, aufzuzeigen, dass sich jeder Mensch von gesellschaftlichen Zuschreibungen emanzipieren und seine Sexualität befreien sollte. Im Subversions-Mekka Berlin widmete sich die 46-Jährige dafür in den vergangenen Jahren vor allem der Performance-Kunst, schuf mit "Peaches Christ Superstar" eine Rock-Oper und mit "Peaches Does Herself" ein Musical. Mit "Rub" (25.9.) veröffentlicht Peaches nach sechs Jahren wieder ein Album. Warum sie als Künstlerin momentan gefragt ist, wie es sich in der Blase Berlin lebt und wie es sich anfühlt älter zu werden, erzählt Peaches im Interview.

teleschau: Wie kamen Sie dazu, nach sechs Jahren wieder ein Album zu konzipieren?

Peaches: Bis zum vergangenen Jahr gab es eigentlich überhaupt keine Pläne, eine Platte zu entwickeln. Genug zu tun hatte ich mit meinem Musical, das auf allen vorherigen Alben basierte - samt großer Bühne, vielen Tänzern und allem Pipapo. Darin konnte ich mich noch übertriebener austoben als bei einer normalen Bühnenshow. Es entstand daraus anschließend ein Film, für den ich viel herumreiste und diskutierte. Gleichzeitig wurden für ein Fotoband viele Bilder von mir gemacht - es gab einfach jede Menge zu tun. Nach diesen ganzen Projekten musste ich erstmal den Kopf freibekommen. Das Album sollte frisch daherkommen.

teleschau: Seit 15 Jahren sind Sie eine weltbekannte Künstlerin, arbeiten mit allerlei Größen zusammen. Kann man da überhaupt noch provokant und subversiv sein?

Peaches: Darum ging es mir eigentlich nie. Vielmehr darum, zu sagen, was ich sagen will. Eben auch: Es ist in Ordnung so, lasst uns feiern, es muss nicht immer kontrovers sein.

teleschau: Hat das auch damit zu tun, dass im Gegensatz zu den vergangenen Jahrzehnten Feminismus bei Mainstream-Musikerinnen heute en vogue ist - siehe Beyoncé und Miley Cyrus?

Peaches: Es gibt einige gute Entwicklungen. Jemand wie Miley Cyrus veranstaltet, auch wenn ihr Musikstil nichts für mich ist, mit ihrem Geld einige großartige Dinge. Sie spendet zum Beispiel für obdachlose LGBT- und Transgender-Teenager, die aufgrund ihrer Sexualität von ihren Eltern Zuhause rausgeworfen wurden. Denen zu helfen ist eine sehr gute Sache.

teleschau: Sie können der gesellschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahren also einiges Gutes abgewinnen?

Peaches: Absolut! Dass der Supreme Court die homosexuelle Ehe in den USA vollständig legalisierte, beispielsweise. Auch wird die Berichterstattung in den Medien transparenter, es wird mehr diskutiert. Da hat auch die Technik geholfen: Jeder kann YouTube-Videos hochladen oder seine eigene Website erstellen, man braucht MTV und Viva nicht mehr. Viele Dinge haben sich in positiver Hinsicht verändert.

teleschau: Aber vor allem im Internet zeigt sich viel detaillierter als früher, wie rückschrittlich und sexistisch die Gesellschaft immer noch ist ...

Peaches: Alles expandiert dadurch, in jede denkbare Richtung. Wir haben mehr Feminismus, aber auch mehr konservative Ansichten, mehr Rassisten und Nazis. Wir leben alle in unserer kleinen Blase, und das Internet zeigt uns vor allem Dinge aus dieser Blase - und vergrößert sie. Würde man sich aber den Computer eines anderen Menschen ansehen, bekäme man eine andere Welt zu Gesicht. Angenommen, ich würde mir den Laptop von Donald Trump leihen und in der Suchleiste "Peaches" eingeben: Meine Person käme wohl nicht zum Vorschein, eher irgendwelche Pornoseiten. Es wächst eben in beide Richtungen, es gibt positive wie negative Veränderung. Es wird mehr diskutiert, andererseits nutzen die Leute dabei ihr Hirn seltener. Zwar gibt es mehr Informationen im Internet, man muss aber genau schauen, woher die Menschen ihre Infos haben.

teleschau: Kann Popmusik da positiv eingreifen und aufklärend wirken?

Peaches: Ich sehe mich ohnehin eher als Performance-Künstlerin, denn als Popmusikerin. Bei Pop handelt es sich meist um Trends - ein Auf und Ab, so wie bei den Riot Grrrls beispielsweise. Damit sollte man vorsichtig sein.

teleschau: Inwiefern?

Peaches: Weil es vorbei geht. Momentan bin ich "in". Das merke ich, weil Leute mit mir über mein neues Album mehr reden wollen, als je zuvor. Sie sagen mir, ich sei wichtig und eine Pionierin. Da heißt es dann: "Wow, du lagst richtig mit all den feministischen und Transgender-Themen, über die du die ganze Zeit gesprochen hast!" Und in drei Jahren wird davon wieder keine Rede mehr sein. Ich habe dafür einfach nur den richtigen Zeitgeist erwischt.

teleschau: Das heißt die Leute hören Ihnen heute eher zu?

Peaches: Ja, ich führe Gespräche über Dinge, über die man vor sechs Jahren noch nicht geredet hat, scheint es mir.

teleschau: Hat sich auch Ihr Publikum verändert?

Peaches: Ich bin gespannt, wie es diesmal auf Tour sein wird. Die jüngeren Kids kennen mich zwar, aber sie kennen mich vor allem von YouTube. Sie haben mich zwar noch nie live gesehen, aber wissen durch die Medien viel über mich. Wahrscheinlich kommen sie gar zu vorbereitet zur Show. Die Erfahrung ist einfach eine ganz andere. Da heißt es dann: Ah, das ist die Szene, in der sie das und das macht, das hab ich im Internet gesehen! Ich hoffe, die Jüngeren können bei einer Live-Show ihre rationale Sicht auf mich ausschalten und das Erlebnis genießen.

teleschau: Apropos Alter: Machen Sie als Künstlerin und Feministin bestimmte Erfahrungen beim Älterwerden?

Peaches: Ich genieße es, älter zu werden. Vor allem, weil ich noch immer die Dinge mache, auf die ich Lust habe, ohne Angst zu haben. Dabei versuche ich einfach, ich selbst zu bleiben. Was allerdings nicht heißt, in meiner Entwicklung stehenzubleiben oder zwanghaft jung bleiben zu wollen. Mein Interesse an den alten Problemen ist noch präsent, und ich mag es nach wie vor, mich künstlerisch auszudrücken. Älterwerden ist nicht traurig, sondern toll.

teleschau: In Berlin spielt das Alter ja ohnehin nur eine geringe Rolle. Sie leben nun seit 15 Jahren in der deutschen Hauptstadt. Finden Sie dort eine bestimmte Freiheit?

Peaches: Berlin ist ein wirklich besonderer Ort, über den Rest von Deutschland könnte ich wirklich nichts sagen. Ein Berliner Journalist sagte mir einmal, er sähe das mit dem Feminismus ja genauso wie ich, er frage sich nur, wo denn eigentlich das Problem läge - es sei doch im Grunde alles in Ordnung. Das kommt davon, wenn man nur in Berlin gelebt hat. Hier ist es nicht wie im Rest der Welt.

teleschau: Auch wieder eine Art Blase ...

Peaches: Eine fantastische Blase! Eine unglaubliche Gender- und Queer-Blase. Eine Kunst-Blase. Und eine sichere Blase noch dazu - ich kann nachts einfach auf der Straße rumlaufen. Ich sage nicht, dass man in Berlin nicht ausgeraubt wird, das geschah mir erst kürzlich.

teleschau: Tatsächlich?

Peaches: Ja, jemand ist in mein Haus eingebrochen und stahl mein ganzes Geld. Aber im Allgemeinen ist es eine sehr sichere Blase.

teleschau: Eine, die Sie nur selten verlassen?

Peaches: In letzter Zeit war ich oft in L.A., wo ich ein kleines Haus habe. Dort konnte ich auch am Album arbeiten.

teleschau: Man würde denken, Kalifornien sei um einiges liberaler als Deutschland ...

Peaches: Nicht wirklich. Es gibt dort eine Menge Regeln und Gesetze, die hier - ich rede wieder von Berlin - nicht existieren.

Quelle: teleschau - der mediendienst