Florian Lukas

Florian Lukas





"Man hatte Angst vor der Freiheit"

Die DDR-Serie "Weissensee" ist mit ihrer dritten Staffel beim Zusammenbruch des ostdeutschen Staates zwischen Herbst 1989 und Januar 1990 angekommen. Im Familiengefüge der porträtierten Familie Kupfer spiegeln sich prototypische Charaktere der DDR wider: Florian Lukas als Martin Kupfer, ein Opfer des Staates. Sein von Jörg Hartmann gespielter Serienbruder Falk hat den Part des systemtreuen Stasi-Offiziers, Vater Hans (Uwe Kockisch) den des melancholischen Ex-Idealisten in Sachen Kommunismus auf deutschem Boden. Florian Lukas, heute 42, war 16 Jahre alt, als die Mauer fiel. Er lebte im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und ging zur Schule. Mit der dritten "Weissensee"-Staffel (Di., 29.09., Mi., 30.09., und Mi., 01.10., jeweils 20.15 Uhr, im Ersten) erlebte er die Wende sozusagen ein zweites Mal aus nächster Distanz. Zeit, das Erlebte zu reflektieren und eventuell neu zu bewerten.

teleschau: Vor fünf Jahren lief die erste "Weissensee"-Staffel im Fernsehen. Fühlt sich Ihre Rolle heute anders an als damals?

Florian Lukas: Ja, sie ist auf jeden Fall vertrauter. Was nicht nur daran liegt, das ich Martin Kupfer schon über drei Staffeln spiele. Wir erzählen jetzt einfach aus dem Ostberlin der späten 80er-Jahre. Das ist eine Zeit, die mir selbst noch sehr vertraut ist. Es ist auch so, dass sich meine persönliche Geschichte immer mehr mit der Martin Kupfers überlagert. So vertraut ist mir der "Weissensee"-Kosmos mittlerweile. Wir freuen uns immer sehr, wenn wir uns wiedersehen. Die Besetzung, Regie, Drehbuch - bis hin zum Beleuchter: Es sind ja fast immer die gleichen Leute, die sich da am Set wiedersehen.

teleschau: Aber Sie wissen schon noch, was real ist und was Serie?

Lukas: (lacht) Meistens schon. Wenn ich mich auch manchmal dran erinnern muss, dass manche Dinge nur Film sind. Wenn ich zum Beispiel in das Haus der Kupfers am See zurückkehre, und die Möbel stehen da wie immer, dann vergesse ich oft, dass da eigentlich gar keine Leute wohnen. Dass sie den ganzen DDR-Kram die Tage zuvor erst reingeschleppt haben ...

teleschau: Verraten Sie, was in dem Haus normalerweise passiert, wenn nicht gerade "Weissensee" gedreht wird?

Lukas: Ich glaube, das gehört Galeristen, die da ein Depot haben.

teleschau: Nach der zweiten Staffel gab es Pläne, die direkte Wendezeit im Drehbuch auszulassen und etwas später erzählerisch einzusetzen. Nun erleben wir in Staffel drei doch eine geraffte Darstellung der Ereignisse zwischen dem 9. November 1989 und Januar 1990 ...

Lukas: Ich hatte auch mal gehört, dass man ursprünglich anders weitererzählen wollte. Natürlich hätte man auch Anfang der 90-er wieder einsetzen können. Das passiert dann ja auch vielleicht in Staffel vier, auf die wir alle hoffen. Andererseits ist es natürlich spannend, die Rasanz der Wendezeit, diese aufregenden paar Wochen, auch mal aus der Innensicht einer Familie heraus zu spiegeln.

teleschau: Was kann man da anders erzählen, als in vielen bereits existierenden deutschen Geschichtsdramen aus der Wendezeit?

Lukas: Die Psychologie finde ich interessant. Wenn ich mal bei meiner Figur bleibe, Martin Kupfer, dann ist das jemand, der eigentlich sehr glücklich über die Wende sein müsste. Er hatte unter sehr vielen Dingen, die mit dem DDR-Staat verbunden waren, zu leiden. Trotzdem rennt er am 9. November nicht mit wehender Deutschlandfahne gen Westen. Auch er braucht Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass die Mauer weg ist. Er fühlt sich ein bisschen überrollt und desorientiert. Eigentlich eine ziemlich normale und nachvollziehbare Reaktion, wenn ich mich an damals zurückerinnere.

teleschau: Sie stammen selbst aus Ostberlin. Sicher wissen Sie, was Sie am Abend des 9. Novembers getan haben?

Lukas: Nein, das weiß ich tatsächlich nicht mehr. Ich war irgendwie unterwegs, kam nach Hause und sah die Bilder im Fernsehen. Ich glaube, es war niemand da. Deshalb konnte ich auch mit niemanden darüber reden. Später bin ich ganz normal ins Bett gegangen und am nächsten Tag in die Schule. Ich war erst 16. Ich habe bis zum Wochenende gewartet. Am Samstag bin ich dann nach Kreuzberg spaziert. Das war sehr eindrücklich. Ich erinnere mich daran, wie vertraut alles war. Dieselben Häuserfassaden, dasselbe Pflaster. Nur die Leute und Gerüche waren anders. Aber das Stadtbild unterschied sich kaum. Ich wohnte in Prenzlauer Berg und ging einfach über die Oberbaumbrücke. Jedesmal, wenn ich heute da lang fahre, erinnere ich mich an diesen Tag, den 11. November.

teleschau: Mit wem sind Sie rübergegangen?

Lukas: Mit meinen Eltern und meinem Bruder. Mir war das ganz recht, dass der ganz große Trubel am 11. November schon vorbei war. Ich mag keine großen Menschenmassen, bis heute nicht.

teleschau: Hat der Besuch dazu geführt, dass Sie sich vom Westen angezogen fühlten?

Lukas: Ja, schon. Ich habe mir danach einen großen Stadtplan gekauft und fing an, mir die Stadt zu erobern. Ich kannte das westliche Ausland nur aus dem Fernsehen. Dass es diese unterirdischen Geisterbahnhöfe im Osten gab, wusste ich nicht. Aber das hat mich schon alles sehr interessiert. Ich bin ja Berliner und für mich war schnell klar, dass alles schnell zusammenwachsen würde. Allerdings weiß ich bis heute bei jeden Schritt über die alte Grenze, wo der Osten zu Ende war und der Westen begann.

teleschau: Gibt Ihnen der alte Osten heute noch eine Art Heimatgefühl?

Lukas: Nein, es ist eher andersherum. Ich zog nach der Wende bald nach Kreuzberg und dort fand ich das alte Berlin viel eher wieder. Jenes Berlin, das vor 1990 existierte. Im Osten erkenne ich wenig von damals wieder. Da ist ja auch alles ganz anders als früher, ob nun neu gebaut oder komplett saniert. Der Osten ist mir fremd geworden. Ich erkenne die Straßenschilder wieder, kenne den Straßenverlauf. Aber ansonsten ist da alles anders.

teleschau: Zurück zur Serie: Sind die Wende-Figuren, denen wir da begegnen, realistisch?

Lukas: Ja, ich finde schon. Man kann sehen an ihnen, was passiert, wenn man Leuten den Boden unter den Füßen wegreißt. Das war auf jeden Fall für uns alle im Osten ein großes Thema. Selbst wenn man alles in der DDR zu Recht schlecht fand. Trotzdem war vieles, was dann sehr schnell verschwand, Basis deines Lebens. Vielleicht ist Basis nicht das ideale Wort, aber man hatte sich eingerichtet. Vielleicht hat man auch gegen etwas gekämpft, und plötzlich war der Gegner weg. Es war auf jeden Fall ein tiefer Einschnitt ins eigene Selbstverständnis. Für die DDR-Profiteure sowieso, aber auch für die Gegner des Staates.

teleschau: Wovor hatte man am meisten Angst?

Lukas: Vor der Freiheit. Ich erinnere mich gut an dieses Gefühl und dass man ihm bei den Leuten immer wieder begegnete. Man hatte Angst vor der Flut der Möglichkeiten. Ich finde in dieser Phase der Serie aber auch die Schilderung des Zerfalls der Stasi sehr interessant. Die Stasi war ja gegen Ende der DDR schon längst in einem desolaten Zustand. Alles wurde nur noch von einer großen Lüge zusammengehalten. Als die Lüge weg war, löste sich alles in Windeseile auf. Es hat mich auch immer fasziniert, wie schnell die bewaffneten Organe des Staates DDR, also Polizei und Armee, sich auf die neue Situation umgestellt haben. Das spiegelt sich in "Weissensee" beispielsweise in der Figur des Polizisten Görlitz wider. Mit welcher Begeisterung er diese Wende umarmt, wie sehr Menschen dazu fähig sind, ihr altes Weltbild, das sie Jahrzehnte lang vertreten haben, plötzlich umzustellen - das hat mich immer schon fasziniert.

teleschau: Sie waren ein Teenager, als die Mauer fiel. In diesem Alter steckt man ohnehin in einem großen Aufbruch. War es schwieriger für die Älteren, mit der Situation zurechtzukommen?

Lukas: Ja, auf jeden Fall. Schon bei Leuten, die nur drei oder vier Jahre älter waren als ich, hat man diese Verunsicherung gespürt. Die waren vielleicht mitten in der Berufsausbildung oder in der Armee. Man wusste eben nicht, was nun kommen würde. Natürlich war es für deutlich Ältere noch viel schwerer. Für mich war alles super. In der Schule musste man nicht mehr den Lehrern nach dem Mund reden. Alles fühlte sich leicht an. Es war leicht, die Mauer wegzukriegen. Es war leicht, dass die DDR verschwand. Alles, worauf ich keinen Bock hatte und was ich schon antizipierte, fand nicht statt. Keine Armeezeit, keine Uniform, keine vorgefertigte Berufslaufbahn. All das ist mir erspart geblieben.

teleschau: Waren Sie besonders mutig?

Lukas: Na ja, diese Gefühle waren natürlich wie gesagt auch meinem Alter geschuldet. Aber ich habe mich auch nicht einschüchtern lassen von den Leuten um mich herum. Viele hatten Angst, selbst in meinem Alter. Da ging es mir ganz anders. Ich wollte etwas von der Welt sehen und Dinge ausprobieren. Es war noch nicht mal so, dass ich unbedingt Schauspieler werden wollte. Aber wie ich drauf war und dieser Beruf - es passte einfach sehr gut zusammen. Dass alles so perfekt geklappt hat, ist von heute aus betrachtet alles ein Riesenglück. Aber dieses Glück habe ich auch erst später verstanden und realisiert.

teleschau: Was könnte man in der vierten Staffel "Weissensee" erzählen?

Lukas: Meine Meinung dazu ist völlig irrelevant (lacht), trotzdem habe ich eine dazu. Ich glaube, man müsste bald nach Januar 1990 wieder einsetzen, in dem die dritte Staffel endet. Die Zeit danach verlief so rasant. Alles hat sich so schnell verändert, dass es irritierend wäre, die Figuren erst zwei, drei Jahre später weiterzuerzählen. Ich würde ins Jahr 1990 springen, in die Goldgräberstimmung, zur Treuhand und zu diesen schnellen Veränderungen im Osten. Letztendlich erzählen wir die Familie Kupfer ja bis zurück in die 30er-Jahre. Und diese Zeit nach der Wende aus dem Innenleben einer Familie ist im deutschen Fernsehen weitgehend unerzählt. Ich würde mich freuen, wenn wir in diese Richtung weitererzählen dürften.

Quelle: teleschau - der mediendienst