Regression

Regression





Zum Ritualmord: hier lang!

"Regression" kippt in einem Moment, der eigentlich einer der aufwühlendsten dieses Horrorfilms sein sollte. Nachts überfallen die Satanisten Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke), streifen ihm die schwarze Kutte über, entführen ihn zu einer ihrer Teufelsmessen. Dort wird gejohlt und irre gelacht, ein schreiender Säugling liegt zum Ritualmord bereit, ein blitzender gerader Dolch daneben. Kenner hat die Waffe plötzlich in der Hand, obwohl er brüllt: "Ich bin keiner von euch!" Als Kenner sich den Kapuzenträgern um ihn herum entwinden will, ist die Kamera zu weit weg, Ethan Hawke im ungünstigen Halbprofil zu sehen und der Dolch wirkt seltsam lächerlich. Einen solche Stümperhaftigkeit verrät, dass "Regression" das anvisierte Spiel mit mehreren Darstellungsebenen gründlich verfehlt.

Dabei beginnt der Film mit einem scheinbar überschaubaren, "normalen" Kriminalfall, was ja nicht der schlechteste Ausgangspunkt für irrwitzige Steigerungen ist. Im Oktober des Jahres 1990 betritt der verstörte, verarmte und verwitwete Aurtomechaniker John Gray (David Dencik) die Polizeiwache des Provinzstädtchens Hoyer. Detective Kenner gesteht er, seine 17-jährige Tochter Angela (Emma Watson) sexuell missbraucht zu haben. Nur kann er sich an die Tat nicht erinnern.

Kenner zieht den Psychologen Professor Raines (David Thewlis) hinzu. Der versetzt Gray in einen Zustand der Regression, der die Vergewaltigung Angelas durch einen Polizisten zutage fördert - und den grausamen Kult einer Satanistengruppe, zu der auch Angelas Großmutter Rose (Dale Dickey) gehören soll. Angela, die sich in die Kirche von Reverend Beaumont (Lothaire Bluteau) verschanzt hat, bestätigt Kenner nach einigem Zögern, dass sie das Opfer schwarzer Messen wurde und sich nach wie vor verfolgt fühlt. Kenner bekommt Alpträume und beobachtet merkwürdige Vorgänge um ihn herum, die eine diabolische Verschwörung erahnen lassen.

Nach dem Sterbehilfe-Drama "Das Meer in mir" (2004) und dem intellektuellen Historienfilm "Agora" (2009) kehrt der chilenisch-spanische Regisseur Alejandro Amenábar zu seinen Anfängen zurück - zum Horrorfilm. "The Others" mit Nicole Kidman war 2001 ein großer Erfolg, aber sein eigentlicher Durchbruch kam schon mit "Öffne die Augen" (1997, mit Penélope Cruz).

Die eigenen Augen reißt man bei "Regression" voller Verwunderung auf: Wo sind denn die zutiefst verunsichernden Bilder der Frühwerke geblieben? "Regression" lehnt sich visuell an das US-Fernsehen der 1980er-Jahre an: Berufung auf "wahre Begegbenheiten", nach Studiokulisse muffende Polizeireviere, dämonische weiße Unterschicht, eindimensionale Charaktere, grelle, dick aufgetragene, aber niemals zu blutige Effekte in einer Einbahnstraße des Grauens und blinde Wissenschaftsgläubigkeit sind die Charakteristika.

Amenábar zitiert ein Genre. Es wird spürbar, dass er es sprengen will, dass er die Naivität und Selbstverständlichkeit entlarven will, mit der Medien der Existenz des Okkulten frönen. Die Grenze zwischen Einbildung und echtem Spuk soll neu gezogen werden. Doch welchen Anteil Bücher und Werbung an übersinnlichen Ideen haben, wird im Film mehr gesagt als gezeigt. Amenábar hätte die grottigen TV-Stilmittel nicht nachbuchstabieren, sondern sie konsequent in Frage stellen müssen. Das wusste er auch. Trotzdem bleibt "Regression" im Vakuum dazwischen hängen: Der Thrill ist zu billig für den hohen Anspruch, der seinerseits dem einfachen Vergnügen im Weg steht. So kann auch die Auflösung nur vor den Kopf stoßen.

Quelle: teleschau - der mediendienst