Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer





Plädoyer für Menschenwürde

Adolf Eichmann - schon wieder? Ist nicht längst alles gesagt über Hitlers Handlanger, den Organisator der millionenfachen Deportation und Ermordung der Juden? Hannah Arendt protokollierte den Prozess in ihrem Buch "Eichmann in Jerusalem", Heinar Kipphardt schrieb sein Dokudrama "Bruder Eichmann", das letztlich darauf verwies, wie sehr sich da ein Mensch hinter die scheinbare Pflichterfüllung stellte und zum "Bürokraten des Todes" wurde. Auch in "Der Staat gegen Fritz Bauer" spielt Eichmann eine wichtige Rolle. Doch es geht um anderes - darum, wie schwer es den Verfechtern der Gerechtigkeit nach dem Krieg gemacht wurde, ehemalige Nazis zur Rechenschaft zu ziehen. Lars Kraume (Buch und Regie) führt es in seinem Drama "Der Staat gegen Fritz Bauer" am Beispiel des vormaligen Widerstandskämpfers und späteren Frankfurter Generalstaatsanwalts auf beeindruckende Weise vor.

Kraume spart nicht an spannenden Bebilderungen - ohne dass er dabei das miefige Milieu der 50er-Jahre in den Fokus schöbe. Dieser Fritz Bauer ist, so wie ihn Burghart Klaußner spielt, keiner, der sich in den Vordergrund rückt. Vielmehr ist er einer, der Recht und Gesetz auf für ihn selbstverständliche Weise durchsetzen will. Doch so selbstverständlich ist das alles - wir schreiben zu Beginn des Films das Jahr 1957 - eben nicht. Es gibt viele, die an der Aufdeckung von Nazi-Greueltaten, erst recht an der Erfassung der Täter, kein Interesse haben. Längst sitzen sie selbst wieder in wichtigen Ämtern bis hinauf in die Spitzen der Politik. Insbesondere die Justiz hat sich nie von der nationalsozialistischen Rechtsprechung losgesagt.

So wird denn auch jener rechtschaffene Staatsanwalt, der nun 70 Jahre nach Kriegsende in gleich mehreren Filmen und einer Frankfurter Ausstellung wiederentdeckt wird, selbst zum Gejagten. Die Geheimdienste und das Bundeskriminalamt beschatten ihn, sie geben alles, um ihn an seiner Arbeit zu hindern. "Der Jude ist schwul", dieser harte Satz fällt im Film. Er spielt damit auf Bauers jüdische Herkunft und die in der dänischen Emigration protokollierte Begegnung mit männlichen Prostituierten an. Der unter den Nazis verschärfte und in der Bundesrepublik noch lange gültige Paragraph 175 könnte der Strick sein, so denken die Gegner, den man Bauer drehen kann.

Als Bauer den Brief eines in Argentinien lebenden Emigranten erhält, dessen Tochter mit dem Sohn des Nachbarn (Eichmann) befreundet ist, lässt Bauer äußerste Vorsicht bei der Verfolgung walten. Er schaltet den israelischen Geheimdienst Mossad ein, wohl wissend, dass man ihn wegen der Umgehung der deutschen Ämter des Landesverrats bezichtigen könnte. Tatsächlich wird der unter falschem Namen lebende Eichmann nach Israel entführt, dort wird ihm 1961 der mit dem Todesurteil endende Prozess gemacht. Leider nicht in Deutschland - so hätte es Bauer gerne gehabt: als Lehrstück für die Deutschen, die sich endlich zu ihrer Vergangenheit bekennen sollten. Diese Genugtuung widerfuhr Bauer erst danach, 1963, als während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse zahlreiche Mittäter verurteilt wurden. Dass er Eichmann fassen half, verschwieg Bauer bis zu seinem Tod 1968.

Aus alldem machen Kraume und sein bestechendes Ensemble kein moralinsaures Biopic. Vor allem Hauptdarsteller Klaußner gelingt es, Fritz Bauer, den "Helden in der Amtsstube", dem heutigen Zuschauer nahe zu bringen - indem er ihn weniger als sehr besonderen, sondern als pflichtbewussten, humorbegabten "Mann aus dem Volk" zeigt. Bauer hat nicht nur andauernd eine dampfende Zigarre im Mund, sondern auch den rechten Spruch auf den Lippen, etwa wenn er seine Behördenumgebung beim Verlassen des Amtszimmers als "Feindesland" charakterisiert. Dass man dann noch eine feine Männerfreundschaft zum jungen Anwaltskollegen (Ronald Zehrfeld) hinzuerfunden hat, macht Bauer vollends menschlich und gibt der Geschichte Saft.

Ohnehin beabsichtigen Kraume und sein Hauptdarsteller keine Eins-zu-Eins-Kopie von Person und Zeitgeschichte. Im Kern ist die Geschichte dennoch wahr, zeigt sie doch eine Gesellschaft und einen Staat, der sich und seine Wahrheit noch nicht gefunden hat, der seine Vergangenheit weitgehend verdrängt. "Der Staat gegen Fritz Bauer" ist ein Plädoyer für Zivilcourage und Menschenwürde, das sich endlich einmal nicht in der gewohnten Mitleidspose ergeht oder gar die wohlfeile Zeitzeugenkeule schwingt.

Quelle: teleschau - der mediendienst