Sicario

Sicario





Der Krieg im Vorgarten

Immer wieder fühlt man sich in "Sicario" wie in einem Kriegsfilm. Etwa in jener unfassbar spannenden Szene, in der amerikanische CIA-Agenten einen Tunnel stürmen, der über die Grenze nach Mexiko führt. Unterstützt werden sie von ehemaligen Irak-Veteranen in Flecktarn. Es ist dunkel, die Soldaten blicken durch Nachtsichtgeräte. Hier, irgendwo im Süden Arizonas, wirkt die Landschaft wie in Afghanistan oder im Irak. Auch fehlt hier, wie in so manchem Krieg, eine klare Ordnung. Wer ist Freund, wer ist Feind? Nach welchen Regeln wird gespielt? Eine moralische Instanz existiert nur in Form von Kate Macy (Emily Blunt). Sie versucht, Recht und Ordnung hochzuhalten, während um sie herum Gewalt regiert. Ein aussichtsloser Kampf.

Eigentlich müsste Kate das wissen. Zu Beginn von "Sicario" (spanisch für "Auftragskiller") arbeitet sie noch bei einer Einheit zur Befreiung von Geiseln. Zusammen mit anderen Elitepolizisten stürmt die Agentin ein Haus mitten in einem Wohngebiet, mit einem Panzerwagen brechen sie die billig gebaute Bude förmlich auf. Es kommt zu einem Schusswechsel und einer Explosion, mehrere Menschen sterben. Doch statt der Geiseln finden sie Leichen, Dutzende, in Plastikplanen verpackt und in den Wänden des Hauses versteckt. Der mexikanische Drogenkrieg hat die USA erreicht.

Eine kurze Verschnaufpause für Kate und den Zuschauer nach dieser irre spannend inszenierten Eröffnungsszene: Die Polizistin wird jetzt von einigen undurchsichtigen Männern - CIA? Bundespolizei? Regierung? - für einen neuen Einsatz verpflichtet. Schon wenige Augenblicke später sitzt sie in einem gepanzerten Wagen. Zusammen mit anderen Polizisten überquert sie die Grenze, von El Paso nach Juárez. Hier regiert das Kartell. Die Fahrt durch die Stadt ist das Beklemmendste, was es seit Langem im Kino zu sehen gab. Von den Brücken hängen verstümmelte Leichen, Angst hängt in der Luft. Doch die Beamten schaffen es trotz Schusswechsels am Grenzübergang, einen gefangenen Drogenbaron sicher in die USA zu bringen.

In einer Army-Base foltern der Regierungsmann Matt (Josh Brolin) und der Kolumbianer Alejandro (Benicio del Toro) den Drogenboss. Im Visier haben sie seinen Bruder, den Chef eines mächtigen mexikanischen Drogenkartells. Die Folter wirkt, er zeigt ihnen schließlich jenen Tunnel, der über die Grenze führt. Ausgerechnet Alejandro bleibt in Mexiko, allein. Kate wird zurückbeordert. Der Hier weiß der Zuschauer bereits: Alejandro spielt nicht mit offenen Karten. Seine Frau und Tochter wurden vom Kartell brutal ermordet, er sinnt auf Rache. Und auch Kate dämmert, dass sie nur eine kleine Figur in einem sehr großen Spiel ist, dessen Regeln sie nicht beherrscht.

Nicht alles stimmt in "Sicario". Ausgerechnet die Hauptdarstellerin bleibt überraschend blass, ja beinahe langweilig. Vielleicht geht das nicht anders, wenn einem das Drehbuch die Rolle der Genfer Konvention inmitten eines Krieges zuweist. Auch der Plot von "Sicario" ist zu simpel gestrickt, das Finale fulminant, kann aber die zuvor gesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Dennoch: Etwas Spannenderes gab es auf der Leinwand lange nicht zu sehen.

Es ist die überragende Inszenierung eines eher durchschnittlichen Drehbuchs, die "Sicario" zum Erlebnis macht. Regisseur Denis Villeneuve ("Die Frau, die singt", 2010; "Prisoners", 2013) beginnt seinen Film wie eine Achterbahnfahrt des Schreckens und schafft es dann, fast kontinuierlich über zwei Stunden hinweg das Tempo zu halten. Roger Deakins fängt mit seiner Kamera die perfekten Bilder zu dieser atemlosen Tour de Force ein, der Soundtrack von Jóhann Jóhannsson treibt die Spannung mit beklemmenden Tönen auf die Spitze.

Villeneuve gelingt es, zuvor oft gesehene Szenen - die Erstürmung eines Hauses, eine Fahrt durch feindliches Gebiet - so zu inszenieren, als sei das Medium Film gerade erst erfunden worden. "Sicario" beginnt, da ist die Leinwand noch schwarz, mit einem Pochen aus dem Off. Am Ende des Films, die Leinwand hat sich wieder verdunkelt, ist einem das Pochen in Fleisch und Blut übergegangen.

Quelle: teleschau - der mediendienst